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Der verlorene Sohn (Boy Erased)

Ab 21.02.2019 im Kino

author ©Universal Pictures
Der Film erzählt die ergreifende und wahre Geschichte des neunzehnjährigen Jared, der in einem Baptistenprediger-Haushalt in den amerikanischen Südstaaten aufwächst. Als sein streng gläubiger Vater von der Homosexualität seines Sohnes erfährt, drängt er ihn zur Teilnahme an einer fragwürdigen Konversationstherapie.

Jared (Lucas Hedges) ist ein guter Junge. Er ist Gott treu ergeben. Er ist seinen Eltern Marshall (Russell Crowe) und Nancy (Nicole Kidman) treu ergeben. Er hat nur einen Makel: Er ist schwul. Das zumindest wird von ihm behauptet. Für den Baptistenprediger Marshall ist das natürlich inakzeptabel, nur eine Prüfung, die sein Sohn zu überstehen hat. Und da Marshall ein guter Vater ist, will er ihm dabei auch helfen. Also schickt er ihn in ein spezielles Therapiezentrum, das von Victor Sykes (Joel Edgerton) geleitet wird. Dort soll ihm und anderen verirrten Schäfchen, die meinen dasselbe Geschlecht begehren zu wollen, wieder der richtige Weg aufgezeigt werden.

Im Vorfeld wurde Der verlorene Sohn ja ganz gerne mal als einer der aussichtsreicheren Oscar-Filme genannt, aus gutem Grund. Die Besetzung ist prominent und hochkarätig, das Thema aktuell und schockierend, es liegt ein Bestseller zugrunde. Zudem balgten sich im Vorfeld eine Reihe äußerst finanzstarker Investoren – darunter auch Netflix und Amazon – um die Rechte. Letzten Endes wird das Drama in der Award Season aber wohl nur ferner liefen abschließen. Bei den Golden Globes gab es zwei Nominierungen, keine Auszeichnungen, auch bei anderen Preisverleihungen ging der Film leer aus.

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Ein Ort des Schreckens?

An der Qualität dürfte das weniger liegen. Vielmehr ist das Drama zurückhaltender, als man im Vorfeld erwarten konnte. Ein Umerziehungslager für Homosexuelle, das hört sich für europäische Ohren natürlich mindestens befremdlich, wenn nicht gar verstörend an. Aber auch die liberaleren Filmkreise werden bei dem Bild vermutlich an Boot Camps gedacht haben, angeführt von sadistischen Leitern, die dir nach dem Leben trachten, während sie gleichzeitig den Herren preisen. Oder im Geheimen die Körper von Herren. Denn Widersprüche und Bigotterie sind in gewissen christlichen Kreisen der USA ja keine Seltenheit, siehe auch das besondere Verhältnis zum derzeitigen Präsidenten.

 

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Die Verfilmung von Garrard Conleys Autobiografie erfüllt dieses Bild aber nur zum Teil. Von einer Szene einmal abgesehen, die dafür dann aber besonders nachdrücklich schockiert, zeigt uns Regisseur und Drehbuchautor Joel Edgerton (The Gift) einen betont unspektakulären Alltag in einer solchen Einrichtung. Da wird viel geredet und aufgemuntert, man möchte fast meinen, dass es die Leiter tatsächlich gut mit den ihnen anvertrauten Jugendlichen meinen. Selbst dann, wenn sie dich durchgängig beobachten, deine persönlichen Tagebücher lesen und den Kontakt zur Außenwelt verhindern. Nur um dir zu helfen natürlich.

 

Zurückhaltend und doch nachwirkend

Der verlorene Sohn, das auf dem hierzulande weniger bekannten Telluride Film Festival 2018 Weltpremiere feierte, verurteilt die Vorgänge durchaus. Dies geschieht nur ohne ein groß aufgebauschtes Drama und tränenreiche Szenen. Vielmehr ist der Film an den Figuren interessiert. Jared, der selbst nicht so wirklich weiß, was er mit seinen Gefühlen anfangen soll, wird in dem Zentrum zu unserem Stellvertreter. Zu einem Beobachter, der die kuriosen Therapiemethoden festhält. Der sich die anderen Insassen und deren Reaktionen genau anschaut. Die einen spielen mit, tun zumindest so, andere ziehen sich zurück, reagieren mit großer Aggression – oder selbstzerstörerischen Tendenzen. Das einzige, was man diesen jungen Männern und Frauen wünschen kann ist, dass der Schaden nicht zu groß ist, der bei ihnen angerichtet wird.

Auf eine gewisse Weise ist Der verlorene Sohn dann auch ein Feel-Good-Movie. Der Film erzählt die Geschichte eines Opfers, der lernte, kein Opfer mehr zu sein. Der dem Publikum vielleicht auch Mut macht, sich zu lösen und eine eigene Kraft in sich zu entdecken. Lucas Hedges, der wie schon in Lady Bird einen mit sich selbst kämpfenden Homosexuellen spielt, ist dafür natürlich eine Idealbesetzung. Kaum ein Darsteller verkörpert derzeit vergleichbar stark Zerbrechlichkeit und gequälte Jugendlichkeit – siehe etwa das ebenfalls sehr empfehlenswerte Drogendrama Ben Is Back. Das ist aufgrund der beobachtenden Distanz nicht so emotional, wie es sein könnte und wie es manche Filmpreisrichter gerne sehen. Aber der leise Ausflug ins dunkle Herz der USA geht doch nahe, erinnert uns mit Schrecken daran, wie gefährlich selbst heute noch das Leben in vermeintlich zivilisierten Ländern sein kann. Wie schwer es ist oder sein kann, mit alten Überzeugungen zu brechen und einfach nur du selbst zu sein.

 

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©Oliver Armknecht
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