Coming Out Stories

Schwule Geschichten von Jungs für Jungs. Erzählt eure Coming-Out Story und gebt hilfreiche Tips.

Mit 13 Jahren hatte ich eine Freundin

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Ich habe schon gerätselt, wann ich wohl mal soweit sein werde mir zu sagen "So jetzt schreib ich einfach mal alles auf". Jetzt ist es soweit: Ich bin Alexander, 17 Jahre alt und komme aus der wunderschönen Kleinstadt Hilden, wo am 15.07.2002 alles begann...

Okay, das ist vielleicht ein wenig weit hergeholt. Merkwürdig, die ganze Zeit glaubt man zu wissen wie alles angefangen hat, und wenn man es aufschreiben möchte kommt man ins Grübeln. Hmmm... dennoch bin ich mir ziemlich sicher, dass ich in der 3. Klasse das erste Mal (damals wahrscheinlich unbewusst) darüber Gedanken gemacht habe, was später aus mir werden würde. Ich bin immer davon ausgegangen, dass ich später ein riesiges tolles Haus mit Garten und eine hübsche Frau und Kinder haben würde. Von dieser Wunschvorstellung geblendet, habe ich darüber hinweggesehen, dass ich das sich entwickelnde Interesse der anderen Jungs an Mädchen nicht teilen konnte. Denn ich fand eigentlich die Jungs viel interessanter.

Ich weiß wirklich nicht mehr wie es dazu gekommen ist, aber auf jeden Fall, war da dieser Junge mit dem ich so allerlei ausprobierte (das zog sich bis in die 6. Klasse). Das lustige daran war, dass wir beide über diese Jahre nie von uns behauptet haben, wir seien schwul. Und wir waren fest davon überzeugt. Doch dann kam so die Zeit, in der ich wirklich bewusst darüber nachgedacht habe, ob ich tatsächlich irgendwie anders sein könnte. Jedoch wurden diese Gedanken dann immer wieder schnell verworfen. Denn ich klammerte mich immer noch an der Wunschvorstellung fest.

So kam es dazu, dass ich mit 13 Jahren eine richtige Freundin hatte. Von diesem Gefühl jetzt doch endlich eine Freundin zu haben war ich so erleichtert. Ich atmete auf. "Puh, ich bin doch normal!", dachte ich mir. Fehlanzeige. Tief in mir wusste ich, dass es falsch war und nicht stimmte. Ich wollte es einfach nicht wahrhaben. Es war mit Ängsten verbunden. "Wieso ich? Wieso nur ich?" Und ich flüchtete mich in die Arme meiner Freundin. Ich spielte mit dem Gedanken vielleicht bisexuell zu sein. Das ging lange so. Ein Gefühlschaos, die Selbstfindung.

Aber in der 8. Klasse kam ein neuer Junge in meine Klasse und alles änderte sich. Von dem ersten Tag an als ich ihn sah, konnte ich an nichts anderes mehr denken. Da war etwas was ich nie zuvor gespürt hatte. Ein unglaubliches Kribbeln im Bauch wenn ich mit ihm redete oder wenn ich seinen Geruch wahrnahm als er an mir vorbeiging. Es war neu, es war aufregend, es machte Lust auf mehr, es war... Liebe?

Nie zuvor hatte ich einem Klassenkameraden die Hausaufgaben vorbeigebracht, weil dieser krank war, doch für Ihn tat ich es. Ich träumte von ihm, und weinte nachts, weil ich genau wusste, dass ich Ihn nie haben konnte. Zu diesem Zeitpunkt war ich noch immer mit meiner Freundin zusammen. Umso verwirrter war ich. Ich hatte eine tolle Freundin, doch warum spürte ich dieses tolle neue Gefühl nicht bei ihr? Innerlich distanzierte ich mich immer mehr von ihr. Bis wir tatsächlich kurz darauf miteinander Schluss machten. Dieser eine Junge war letztendlich für mich der Grund. Denn ER hat mir die Augen geöffnet. Es war mir klar wenn ich ihn ansah. Und es war der Augenblick in dem ich für mich selbst akzeptiert habe: "Ja, ich bin schwul!".

Schön und gut, ich bin schwul, ist eben so. Dann traf mich der Schlag. "HILFE, UND WIE SAGE ICH DAS JETZT ALLEN??!!" In einem vertrauten Gespräch erfuhr als aller erstes eine gute Freundin von mir davon. Zu meiner Erleichterung war die Reaktion gut, denn sie war froh endlich einen schwulen Freund zu haben. Sie meinte auch, dass sie sich das schon irgendwie gedacht hatte. Über ein paar Monate war das unser kleines Geheimnis. Bis ich mich schließlich bereit fühlte, dass auch mehr Leute davon wissen können. Doch sollte ich einfach zu jedem hinrennen und sagen "Hey, wusstest du schon, dass ich schwul bin?" Das war mir dann doch etwas zu blöd. Also musste ein anderer Plan her. Während eines Gesprächs mit einem Mädchen aus meiner Klasse kam mir DIE Idee. Ich erzählte es ihr und sagte natürlich, dass sie es bloß nicht weitererzählen soll. Dabei wusste ich genau, dass Sie kein Geheimnis für sich behalten kann. 2-3 Tage später wusste es fast die ganze Schule. Es hat sich schnell rumgesprochen und ich war mir auch des Risikos bewusst, dass es eventuell meine Eltern erreichen könnte. Aber gehofft habe ich, dass es nicht so kommt.

Von meinen Mitschülern habe ich fast nur positive Reaktionen erfahren, worüber ich natürlich total glücklich war. Allerdings lernte ich dann auch die andere nicht so verständnisvolle Seite der Reaktionen kennen. Eine Gruppe von Jungs aus der höheren Stufe mobbten mich, eine ganze Zeit lang. Sie stellten sich mir in den 5 Minuten-Pausen in den Weg, schubsten mich herum, und drückten mir jede Menge fieser Sprüche und Beleidigungen rein. Ich war noch nicht selbstbewusst genug um zu einem Lehrer zu gehen und ihm meine Situation zu erklären. Das ganze kam erst raus, als ich irgendwann heulend aus dem Englischunterricht gestürmt bin. Ich bekam volle Unterstützung der Lehrer und ärgerte mich, dass ich mich nicht früher schon an einen Lehrer gewandt habe. Von da an konnte ich ohne Angst zwischen den Stunden die Räume wechseln.

Ich bin nicht stolz darauf, dass ich es nicht mal fertig gebracht habe es den wirklich wichtigen Leuten in meinem Leben persönlich zu sagen. Aber heute denke ich mir, dass ich es sonst vielleicht immer noch für mich behalten würde. Per Mail oder SMS erfuhren zum Beispiel meine Schwester und mein bester Freund davon. Ich habe mich zwar sicher gefühlt und wollte auch, dass sie es wissen, aber ich war noch nicht selbstbewusst genug um es einfach so auszusprechen. Die Reaktionen waren trotzdem gut. In der ersten Zeit hat es sich ein wenig beklemmend angefühlt, wenn ich mich dann mit meinem besten Freund getroffen habe. Das ging allerdings schnell vorbei. Ich konnte endlich ich selbst sein, ...außer Zuhause. Wenn ich von der Schule kam, habe ich mich auf dem Weg schon mal mental darauf eingestellt, wieder in meine Hetero-Rolle hinein zu schlüpfen. Ich habe es gehasst. Doch war meine Angst es meinen Eltern zu sagen größer als bei jedem anderen zuvor.

Nach meiner Konfirmation hatte ich endlich einen eigenen PC und somit auch Internetzugang. Da ich persönlich keine anderen Schwulen kannte, die in meinem Alter waren, war dies natürlich nun DIE Möglichkeit endlich Gleichgesinnte zu finden. Ich hatte viele, sehr viele Chatbekanntschaften gemacht und viel Zeit damit verbracht diese zu pflegen. Aber irgendwann war mir das einfach nicht mehr genug. Doch jemanden zu treffen, den man nur aus dem Internet kannte, ohne jede Gewissheit, dass es diese Person wirklich gibt, war mir einfach zu gefährlich. Wie oft hörte man von Verbrechen, die genau auf diese Art geschehen waren. Das kam also für mich nicht in Frage.

Aber dann lernte ich jemanden auf einer bekannten Plattform für Schüler im Internet kennen, der an einem Projekt für junge Schwule und Lesben arbeitete und bei dem ich mir aufgrund eines Videoberichts sehr sicher sein konnte, dass er absolut keine bösen Absichten hatte (denn er war auch schon in brenzlige Situationen gekommen). Wir schrieben ein paar Monate miteinander und telefonierten sogar hin und wieder, was ein absolutes Highlight für mich war. Und so kam es soweit, dass wir uns verabredeten. Ich war so was von aufgeregt. Das erste Mal würde ich wissentlich einen Schwulen treffen, der mir dazu noch äußerst gut gefiel.

Was dann folgte war magisch... erstes Treffen... erster Kuss... und wenig später waren wir ein Paar (bis heute). Eine größere Erfüllung hatte ich nie zuvor gespürt. Ich war glücklich einfach nur glücklich.

Nur durch meinen Freund ist es mir dann kurz darauf auch gelungen mich endlich bei meinen Eltern zu outen. Ich schrieb einen langen Brief, in dem wirklich alles drin stand und gab ihn meiner Schwester. Sie sollte Ihnen den Brief geben, wenn ich weg war. Ich traf mich mit meinem Freund, ließ aber meine Eltern im Glauben ich würde bei einem guten Kumpel sein. Spät am Abend, naja eigentlich eher schon in der Nacht kam ich dann wieder nach Hause. Meine Eltern saßen auf dem Sofa ich setzte mich zu ihnen. "Hallo", sagte ich ganz leise, denn mehr brachte ich nicht heraus. Dann fing meine Mutter zum Glück an: "Ist doch alles okay", meinte sie und streichelte meine Schulter. Sie hatte natürlich viele Fragen, denn das alles war ja sehr neu für sie. Meine Schwester kam auch später zu dem Gespräch dazu. Mein Vater hielt sich erst sehr zurück, doch dann sagte er was, das ich nie vergessen werde. Er verbot es mir schwul zu sein. Sagte ich passe nicht in sein Familienbild rein und ich würde ja es mir ja vielleicht noch mal anders überlegen wenn ich erstmal Stubenarrest bekäme. Es war ein tränenreiches hin und her. Meine Schwester und meine Mutter standen zum Glück hinter mir. Sonst hätte ich das sicher nicht überstanden.

Das erste halbe Jahr danach war schlimm. Meine Eltern stritten sich oft, meinetwegen. Das war nicht besonders angenehm. Nach und nach fing mein Vater dann endlich an es immer mehr zu akzeptieren. Das sagte er mir auch. Und ich war sehr froh darüber. Denn jetzt musste ich mich sowohl innerlich als auch äußerlich nicht mehr so sehr von ihm distanzieren. Heute reden wir gar nicht mehr darüber und er hat auch schon meinen Freund kennen gelernt. Ich bin mir sicher, dass er schon lieber noch einen "echten" Stammhalter als Sohn hätte, aber er mich trotz allem lieb hat und mich nun so nimmt, wie ich nun mal bin. Schwul.