Coming Out Stories

Schwule Geschichten von Jungs für Jungs. Erzählt eure Coming-Out Story und gebt hilfreiche Tips.

Mein Coming-Out kostete viel Überwindung

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Ich bin Janosch, 17 Jahre alt, komme aus Bochum, single, schwul. Als ich damals mit 13 Jahren gemerkt habe, dass da irgendetwas andersrum sein könnte, habe ich sofort gedacht:"Nein, das kann nicht sein." Ich habe mir oft eingeredet, dass dies nur eine kurze Phase ist, die bald wieder vorbeigeht. Tja, Pustekuchen. Es blieb so.

Gemerkt habe ich dies immer stärker in der Umkleidekabine der Schule. Immer mehr Blicke huschten zu den anderen Jungs. Ich wusste noch nicht genau was mit mir los war und wieso das alles ausgerechnet mir passieren sollte, während die anderen erzählten, dass sie eine Freundin haben.

Ich wollte mich über das "schwul sein" informieren und guckte bei Wikipedia nach. Dort las ich eine ausführliche Beschreibung über Homosexualität. Ich wusste nun was mit mir wirklich los war und wollte direkt andere Jungs kennenlernen, welche ebenfalls gemerkt haben, dass sie schwul sind. So gab ich die Wörter "schwul" oder "gay" in eine Suchmaschine ein und bekam Seiten vorgeschlagen, die für mich noch gar nicht erlaubt waren. Nach etwas längerer Suche bin ich auf eine Dating-Community für Schwule gestossen. Dort lernte ich einen Jungen kennen, der bis heute einer meiner besten Freunde ist und mit dem ich mein erstes Date hatte.

In der zehnten Klasse im ersten Halbjahr ging es mir verdammt schlecht. Ich interessierte mich zu diesem Zeitpunkt stark für Jungs und wollte auch nicht mehr alleine sein. Pierre, mein eben genanntes erstes Date, riet mir mich zu outen, doch ich hatte riesige Angst vor den Reaktionen der anderen. Später, als es wirklich nicht mehr ging, bin ich in der Schule zu meiner besten Freundin gegangen und sagte zu ihr, dass ich heute Abend mal mit ihr schreiben muss, es würde um was wichtiges gehen.

Ich zitterte am ganzen Körper, als sich der Tag dem Abend des 17. Oktober 2008 neigte und mein erstes Coming-Out unweigerlich näher rückte. Dann war es soweit, ich konnte mich überwinden - schnell und schmerzlos:

Ich:"Du, ähm, also ich weiß nicht wie ich es dir sagen soll, also es ist sehr persönlich und so. Und es fällt mir nicht leicht. Aber ich denke, es kann auch nur eine Phase sein. Ich glaube, ich mag Jungs mehr als Mädchen. Ich hoffe, das ist nicht schlimm für dich"

Melissa:"Aber das ist doch voll nicht schlimm. Ich find es voll süß von dir, das du das gesagt hast."

Ich:"Och, Gott sei Dank. Jetzt fällt mir ein Stein vom Herzen."

Nach dem Gespräch fühlte ich mich erleichtert. Ich hab mich riesig gefreut! Das war mein erstes Outing als Schwuler. So ist es damals abgelaufen und ich bin stolz, es getan zu haben.

Beflügelt durch diese Freude erzählte ich es weiteren meiner Freunde und erntete nur positive Reaktionen und Lob, dass ich so mutig war und ihnen erzählte, dass ich schwul bin. Doch wie es halt nun mal ist, ging dies in der Klasse wie ein Lauffeuer herum und Leute aus meiner Klasse, die es eigentlich nicht hören sollten, bekamen es irgendwie mit und ließen einige Sprüche ab, welche mich teilweise wirklich hart getroffen haben. Zum Glück ging jedoch irgendwann meine Taktik, diese Menschen mit Ignoranz zu strafen, auf und ich wurde in Ruhe gelassen.

Ich lernte zu dieser Zeit auch jemandem im Internet kennen. Ich wollte mich unbedingt mit ihm treffen. Allerdings wusste ich nicht was ich meiner Mutter erzählen würde. Schließlich war ich bei ihr noch nicht geoutet. Eines Tages war ich mit meiner besten Freundin auf dem Weihnachtsmarkt. Ich kam Abends nach Hause. Als ich in die Wohnung reinkam merkte ich, dass irgendwas nicht stimmt. Ich setzte mich zu meiner Mutter und sie fragte mich direkt ob ich schwul sei. Ich wusste nicht was ich antworten sollte, weil ich nicht wusste, dass sie es schon irgendwie herausgefunden hat. Ich schwieg. Sie erzählte mir das mit dem Jungen, mit dem ich mich treffen wollte. Ich wusste nicht was ich dazu sagen sollte, weil ich so verwundert war, dass sie von ihm wusste. Meine Mutter meinte an dem Abend, dass es bestimmt nur eine Phase sei und das die schnell vorbeigehen würde.

Aber ich wollte das nicht glauben. Ich fand es toll so zu sein wie ich zu diesem Zeitpunkt war. Wir redeten danach nicht wieder über dieses Thema.Sie erzählte es allerdings meinem Vater, der zum Glück super reagiert hat. Ich habe ein sehr gutes Verhältnis zu ihm. Und wenn ich höre wie andere Väter so reagieren bin ich verdammt glücklich meinen zu haben. Wir reden offen über alles. Naja, fast alles.

Dies war mein Coming-Out. Es hat mich immer wieder sehr viel Überwindung gekostet. Aber im Endeffekt bin ich stolz auf mich und auf das, was ich getan habe. Ich bin glücklich so eine Familie und solche Freunde zu haben, wie ich sie momentan habe. Und ich hoffe, dass es bei allen Schwulen und Lesben, welche ihr Coming-Out noch vor sich haben, genau so gut klappt wie bei mir.

Liebe Grüße
Janosch