Coming Out Stories

Schwule Geschichten von Jungs für Jungs. Erzählt eure Coming-Out Story und gebt hilfreiche Tips.

Ein negatives Coming-Out.

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Im Prinzip finde ich nur bei meinen Freunden Zuflucht, meine Eltern haben kein Verständnis für mich, und versuchen immer noch mich zu ändern.

Frühling 2011, ich war mit meiner ehemaligen Klasse auf Sprachreise im britischen Eastbourne, dabei verbrachte ich eine Woche in einer Gastfamilie. Etwa am 3. Tag kamen einige Deutsche Oberstufenschüler zu uns in die Familie und übernachteten im Nebenzimmer. Ich wusste es zu dem Zeipunkt nicht, da ich eine Freundin hatte, aber ich fand ihn super super anziehend, und wollte mehr von ihm. Natürlich konnte ich das nicht realisieren, da er Hetero war, und vielleicht 5 Jahre älter, deswegen habe ich das Gefühl unbewusst unterdrückt, und mich mehr mit meiner Freundin beschäftigt.

Als ich wieder zurück in meiner Heimat Österreich war, hatte sich das Gefühl verflüchtigt, und ich dachte mir \"Ok, das war vielleicht eine Phase, ich bin definitv nicht schwul\". Dies änderte sich schlagartig als ich mich, wie aus heiterem Himmel, in einen Klassenkameraden verliebte. Ich wusste, dass er etwas mehr in der Hose hatte, und das hat mich seltsamerweise richtig heiß gemacht. Währenddessen habe ich mich immer weiter von meiner Freundin zurückgezogen, und am Ende haben wir uns dann, einverständlich, getrennt. Ich entwickelte immer mehr Gefühle für diesen Jungen, sein Duft, das Gefühl das ich hatte wenn er in meiner Nähe war, es war wie eine Ekstase. Zuhause habe ich dann an ihn gedacht, wenn ich mich selbst befriedigt hatte.

Das letzte Schuljahr ging zu Ende, eine riesen Verabschiedung, nicht nur von meiner Schule, sondern auch von meinen Gefühlen zu Männern. Ich hatte wieder nur Gefühle für Frauen, doch dies hielt nicht lange an. Als ich in eine neue Klasse kam war da dieser Junge. Er war göttlich schön, und ich habe mich am aller ersten Tag in ihn verliebt. Ich habe mir natürlich die Mühe gemacht mich mit ihm anzufreunden, und tatsächlich, nach einiger Zeit wurden wir beste Freunde, und das hat mich glücklich gemacht.

Die ersten 3 Monate waren für mich unbeschwerlich. Ich konnte mich gut verstecken, und auch ohne große Hintergedanken leben, da ich mich als bisexuell eingeschätzt habe. Was ich zu dem Zeitpunkt nicht wusste: gleich neben an, in unserer Nachbarschule die sich ein Gebäude mit uns teilt, war ein Junge, der offen homosexuell war, doch ich wusste nicht wie er heißt. Wie es der Zufall will habe ich ihn eines Tages auf Facebook gefunden, als er einen Kommentar unter ein Foto meines besten Freundes postete. Dieser hat mir am nächsten Tag davon erzählt, und meinte dann ob er schwul ist, und hat sich dann extrem geekelt. Ich war ein wenig verletzt, aber fühlte mich nicht sonderlich betroffen. Ich hatte mir am selben Tag den Mut gefasst mich bei dem homosexuellen Jungen zu outen, noch via Facebook. Wir haben dann oft geschrieben, er hat mir Mut zugesprochen und mir bei meiner Selbstfindung geholfen, wofür ich ihm sehr dankbar war.

Eines Tages, im Winter 2013, hatte ich meinen Laptop stehen lassen. Facebook war noch im Browser geöffnet. Meine Mutter kam ins Zimmer und meinte meine Nachrichten lesen zu müssen, und stieß dabei auf den Chatverlauf zwischen mir und ihm. Ich kam ins Zimmer und sie fragte mich was ich da mit diesem Jungen schrieb. Weinend rannte ich aus meinem Zimmer ins Nachbarzimmer und vergrub mich unter eine Decke. Mein Bruder saß gerade an seinem PC. Ich fing an zu weinen, und er fragte was los sei, dann kam meine Mutter ins Zimmer, und fragte mich ob der Junge mich belästigen würde. Weinen sagte ich Nein. Sie fragte mich ob ich schwul sei. Nach einer kurzen Pause antwortete ich mit ja. Sie war völlig außer sich. Zuerst hat sie garnichts gesagt, während ich weiter weinte, immer noch unter meiner Decke begraben. Dann meinte sie, dass weinen nichts bringt, und dass ich wissen müsste, dass sie und mein Vater das nicht akzeptieren werden. Ich hatte mir so etwas schon gedacht. Meine Mutter verließ das Zimmer dann und erzählte meinem Vater davon, der auch nichts dazu sagte. Er war völlig still und ging einfach zur Arbeit (er hatte Nachtschicht). Ich rannte dann mit meinem Handy aufs Klo und schrieb dem Jungen was passiert war. Er hatte sich tausend Mal dafür entschuldigt, aber ich gab ihm nicht die Schuld. Im Nachhinein denke ich mir, dass es gut war, dass das passiert ist, denn somit musste ich mich zuhause nicht mehr verstecken.

Am nächsten Tag traf ich ihn in der Schule, er umarmte mich, und entschuldigte sich noch einmal, wir haben viel geredet, und er hat mir immer wieder Mut zugesprochen, auch als ich an meinen tiefsten Punkt geraten bin, nämlich eine Woche nachdem meine Eltern davon erfahren haben. Mein Vater hatte in der Zeit kein einziges Wort mehr mit mir gewechselt, bis zu diesem Tag. Ich war oben bei meinem PC, als mein Vater mich runterrufte. Ich habe mich gesträubt nach unten zu gehen, aber als er anfing laut zu werden habe ich mich überwunden. Meine Mutter saß auf der Sitzbank, mein Vater lag auf der Sitzbank gegenüber der anderen Sitzbank. Er hat mich gefragt was ich bin. Ich habe gesagt bisexuell, und er meinte \"Schwänze lutschen? Glaubst du ich akzeptiere das?\", meine Mutter war währenddessen in einer Art Angstzustand versetzt. Sie hat nur dagesessen, verschränkt und auf den Boden gestarrt. Ich habe mich gegen meinen Vater gewehrt, aber er wurde sehr sehr laut und aggressiv, und kurz bevor er auf mich losgegangen ist, hat meine Mutter das Ganze unterbrochen und angefangen zu weinen. Sie ist nach oben gelaufen, und sich im Bad eingesperrt, mein Vater ging aus dem Haus um zu rauchen, ich war zwischen den Fronten. Ich bin nach oben um meiner Mutter einzureden, dass alles gut wird, doch sie meinte nur, dass es nicht mehr gut wird, da einer von uns (ich oder mein Vater) gehen müssten, weil wir es unter einem Dach nicht aushielten. Ich habe es nicht gezeigt aber in diesem Moment war ich dermaßen bestürzt über alles. Dass meine Eltern nicht hinter mir stehen konnten, dass ich am Ende, um diesen Streit aufzulösen, sogar lügen musste, und sagen, dass ich wieder heterosexuell werde (was bekanntlicherweise nicht möglich ist). Ich ging runter, rief meinen Vater rein und sagte ihm, dass ich mich auf Frauen konzentrieren werde, aber ich wusste, dass es nie dazu kommen würde, dass ich je wieder heterosexuell werden würde.

Diese Nacht war ein Albtraum. Ich konnte kaum schlafen, und war mit Selbstmordgedanken konfrontiert. Ich hatte mir ehrlich überlegt mich im Zimmer aufzuhängen, weil ich es nicht mehr ertragen konnte. Ertragen, dass meine Familie mich hasst. Obwohl, mein Bruder war in diesem Sinne viel moderner, er hatte nicht wirklich etwas dagegen, aber gefallen hat es ihm auch nicht. Trotzdem hat er sich damit arrangiert, im Gegensatz zu meinen Eltern, die (auch heute noch) ALLES dafür taten, dass ich mich nie wieder mit dem homosexuellen Jungen aus meiner Schule traf.

Es kam anders. Ich traf ihn sehr wohl noch, aber das letzte Mal, denn nach einem unvergesslichen Tag mit ihm und 2 Freundinen von ihm, kam meine Mutter darauf, und sie schwor mir, dass es Konsequenzen hat, wenn ich ihn noch einmal treffe. Was sie nicht wusste, an diesem Tag bin ich mit ihm zusammen gekommen, auch wenn unsere Beziehung am nächsten Tag wieder zerbrach, denn er meinte, dass er doch keine Gefühle für mich hatte. Insgeheim wusste ich es schon, und habe es auch so hingenommen. Doch er plante nicht nur unsere Beziehung, sondern auch unseren Kontakt abzubrechen, woraufhin ich in Tränen zusammenbrach. Er wollte mich einfach alleine lassen, alleine mit den Problemen die ich zuhause schon hatte, und was noch schlimmer war, war, dass meine Klassenkameraden herausgefunden hatten, dass ich schwul bin, und mich daraufhin übelst fertig gemacht haben, nicht nur in der Schule, sondern auch online, was für mich wie ein Schlag ins Gesicht war. Gleichzeitig hatte mein ehemals bester Freund die Freundschaft aufgegeben und mich mit den anderen fertig gemacht. In dieser Zeit fand ich Zuflucht bei einer Freundin von dem Homosexuellen, die mich stark gemacht hat. Ich war plötzlich so selbstbewusst, habe meine Meinung über meine Klasse geäußert, sie erst einmal auf allen Webseiten, auf denen sie mich fertig gemacht haben, blockiert. Dann habe ich meiner besten Freundin davon erzählt, dass ich schwul bin, und sie war überglücklich, da sie jetzt endlich einen schwulen besten Freund hatte. Irgendwann hörten die Attacken auf mich auf, und ich konnte mich den Problemen zuhause widmen.

Meine Eltern hatten das Thema Homosexualität nicht mehr angesprochen, womit ich schlagartig keine Probleme mehr hatte, außer, dass ich immer noch am Boden zerstört war, weil mein schwuler Freund den Kontakt abbrach. Selbstverständlich sah ich ihn jeden Tag in der Schule, und ich habe in der Zeit, in der ich nicht mit ihm geschrieben habe, mit seiner besten Freundin geschrieben, und sie gefragt wieso er so zu mir ist usw. Das ging circa 5 Monate so, bis er eines Tages von der besagten Freundin wissen wollte, ob es mir wieder gut ginge. Und irgendwann kam eine Freundschaftsanfrage auf Facebook, woraufhin ich losgeheult habe.

In der Schule sahen wir uns öfter, auch wenn meine Mutter etwas dagegen hatte, sie konnte mich nicht daran hindern ihn in der Schule zu treffen. Das Jahr ging zu Ende, und ich wusste auch, dass ich ihn in den Ferien nicht sehen werden kann, da mir meine Eltern wiedermal dazwischen funkten. Doch ich versuchte es trotzdem, und fragte meinen Vater, ob ich mich mit ihm treffen kann. Seine Antwort war geradezu beleidigend. Er meinte, dass ich sicher in eine Schwulenbar fahre, und mit anderen Sex haben werde, aber dass ich nicht schwul bin, sondern nur von anderen beeinflusst werde. Ich habe normalen Haarwuchs und sowas, deswegen KANN ich garnicht schwul sein. Das hat mich derart wütend gemacht, dass ich in den Keller ging, schrie und anfing zu weinen. Während den Ferien konnte ich mich nur mit Freundinen treffen, da meine Eltern bereits so weit gingen, dass ich keine Männer mehr treffen durfte. Deswegen habe ich mich bei meiner besten Freundin ausgeheult, und sie hatte Verständnis mit mir. Inzwischen hatte ich auch schon Internetbekanntschaften geschlossen, die mir beistanden, und mir nur zu gerne helfen wollten.

Das neue Schuljahr begann vor 3 Tagen. Meine Eltern zeigen immer noch nicht, auch wenn sie wissen, was für Probleme ich wegen ihnen habe, kein Mitgefühl mit mir, oder versuchen ansatzweise mich mein Leben leben zu lassen. Sie schränken mich eher ein, weswegen ich sie mittlerweile bereits hasse, und es macht mich einfach nur fertig, wenn ich von anderen Menschen höre, die absolut keine Probleme damit hatten, denn ich bin das ganze Gegenteil davon. Ich weiß garnicht, ob ich hier bleiben will, vermutlich ziehe ich so bald wie möglich aus.

Zu guter Letzt würde ich die Fragen konkret beantworten, da viele Punkte vielleicht untergegangen sind, oder ich drumherum geschrieben habe.

\"Wie war das für dich, als Du gemerkt hast, dass mit dir etwas anders ist - was war das für ein gefühl, wie bist du damit umgegangen?\"
- Ich war erschrocken und ein wenig verwirrt. Aber irgendwie befreit, und auch glücklich. Ich habe mich einfach zurückgehalten, und es unterdrückt, was anderes blieb mir ja nicht übrig.

\"Wie bist Du mit der Situation im Hinblick auf Deine Eltern umgegangen - was hast Du bezüglich Deiner Eltern an Reaktionen erwartet?\"
- Ich hatte Angst, und habe mir bereits eine negative Reaktion erwartet, aber dass es so heftig wird, damit hätte ich nie gerechnet.

\"Wie haben Deine Eltern reagiert, was haben sie gesagt?\"
- Sie haben mir die Schuld für alles was danach passiert ist gegeben. Sie reden mir ein, dass ich nicht schwul bin.

\"Was hast Du von Deinen Freunden für eine Reaktion erwartet? Hattest Du nie bedenken dass sie blöd reagieren oder ähnliches?\"
- Gut, da ich mich noch nicht bei allen geoutet habe bin ich wohl noch recht unerfahren, was das betrifft, aber denen, denen ich davon erzählt habe, hat es eigentlich gefallen. Und ja, diese Bedenken hatte ich.

\"Wie war das für dich, als du das erste mal einem Freund/einer Freundin gesagt hast dass Du schwul/bi bist - und wie haben sie reagiert?\"
- Nervösität pur. Viele haben gesagt, dass sie überrascht sind, aber sie haben es gut aufgenommen.

\"War es so wie du erwartet hast? Und wie reagieren deine Freunde so im allgemeinen?\"
- Es war so wie ich es erwartet habe.

\"Hast Du mal irgendwas negatives in Verbindung mit Deinem Coming-Out erlebt - oder immer nur positives?\"
- Leider hatte ich fast nur negative Erfahrungen.

\"Und was würdest Du nem Jungen, der das bei sich bemerkt, mit auf den Weg geben und raten? Wie soll er sich (deinen Erfahrungen nach) am besten mit dem Thema verhalten?\"
- Sei du selbst. Lass dir nichts einreden! Es geht nur darum was du von die hältst, nicht was andere von dir halten. Und akzeptiere dich so wie du bist, weil du daran ohnehin nichts ändern kannst. :)

  • Hey ;-) Sehr bestürzend zu lesen, wie deine Mitmenschen mit dir umbehen. Anscheinend hast du aber eine sehr gut herausgebildete Persönlichkeit die es dir gestattet weiterhin dein Leben zu leben. Ich kann dir nur meinen Respekt aussprechen! :-D

    Ich möchte dir aber sagen: Es gibt physische UND psychische Gewalt!
    Eltern die diese gegenüber Ihren Kindern anwenden haben schlechte (!) Karten... Ich habe im Sozialbereich gearbeitet und rate dir: wenn du bedroht oder angegriffen wirst, wende dich an den / die Schulpsychologin o.ä., rufe Rat auf Draht an, oder geh zum Jugendamt/zur Polizei. Es darf nicht soweit kommen, dass du Selbstmordgedanken entwickelst! :0

    DU MUSST DIR KEINE GEWALT GEFALLEN LASSEN !

    Sry wenn es unnötig ist, aber ich musste das einfach sagen. ^^

    Viel Glück und Freude wünsche ich dir ;-)
    LG

  • Hallo,
    Zuerst: Du hast auf jeden Fall meinen allergrößten Respekt für das, was du schon durchgestanden hast und für das was du noch durchstehen wirst! Dass du dann noch von einem optimistischen Standpunkt aus erzählst, ist m.M.n. grandios! :-)!
    Das Schockierende und Interessante an der Geschichte... Ich bin in der EXAKT gleichen Situation wie du gerade. Ich weiß, was dir deine Familie gerade antut und wie weh das tut.
    Trotzdem-- Bleiben wir stark!! Irgendwann werden wir unseren Frieden mit unserer Familie finden! Es gibt doch immer ein Happy-End :-)!
    LG

  • ach du scheiße :o ... mir fehlen die worte ...

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