Adventsüberraschung

schwule Geschichte

Mann, ist das wieder öde heute. Bereits seit Stunden reiße ich meine Zeit im hiesigen Forstamt ab und langweile mich zu Tode. Die Zeit vor Weihnachten ist in meinem Ressort immer Saure-Gurken-Zeit. Die Leute kaufen Grundstücke mit Wald erst wieder, wenn es sie in selbigen zieht, um dort spazieren zu gehen oder sonst was...
Vor allem im Frühjahr habe ich dann immer massig zu tun, über die Verkaufrechtsanfragen zu entscheiden. Aber im Winter und wenn man nicht gerade für Weihnachtsbäume zuständig ist, passiert nicht so viel. Den wenigen Schreibkram hatte ich schnell erledigt. Und nun? Man kann doch nicht nur Kaffee trinken und den Klatsch und Tratsch über das Wer-mit-wem, die Todesfälle, ungewollten Schwangerschaften und Ehekrisen einer Kleinstadt über sich ergehen lassen. Der interessiert mich ohnehin nicht so besonders. Da bleibe ich doch lieber in meinem kleinen Büro und täusche Geschäftigkeit vor.

Zum Glück hatte ich mir das neueste Smartphone in einer Mini-Ausführung zugelegt, selbstverständlich mit einer Internetflat. So kann ich wenigstens die Zeit sinnvoll nutzen und meine Lieblingsseiten im Netz aufsuchen, die genügend Kurzweil bieten. Nur erwischen lassen sollte ich mich nicht, das würde nicht nur für Gerede in der Belegschaft, sondern auch Ärger mit dem Chef geben. Aber ich bin clever genug. Außerdem funktioniert mein Gehör gut genug, die übergewichtigen Damen der Abteilung den Gang entlang trampeln zu hören. Da zahlt es sich aus, das letzte Büro in der Reihe abgefasst zu haben.

Also drapiere ich wieder einmal die Alibiakten auf meinem Schreibtisch, die eine oder andere davon aufgeschlagen, lege ein halb beschriebenes Blatt Papier nebst einem Stift dazu und mein Smartphone vor mich hin. Dann kann es losgehen. Meine Lieblingsseiten habe ich im Browser hinterlegt. Schnell sehe ich bei meinem Lieblingsforum vorbei und wähle dort die Leseecke an. Ich weiß gar nicht mehr, wie ich dieses Forum fand. Jedenfalls war ich von den Geschichten dort derart angetan, dass ich in der Vergangenheit selbst ein paar kleinere Machwerke veröffentlichte. Mit Interesse verfolge ich daher immer die Neuigkeiten und Kommentare. Heute fällt mir gleich der Aufruf zum Autorencontest für den diesjährigen Advent ins Auge. Neugierig sehe ich mir die dortigen Bedingungen an. Sonderpunkte soll es auf bestimmte Begriffe geben. Hm, daraus sollte sich eine schöne schnulzige Geschichte basteln lassen. Etwa in der Art, dass der arme Hartz IV-Empfänger Basti mit hängendem Magen über den Weihnachtsmarkt läuft, tief den Duft von Marzipan, Plätzchen und Lebkuchen inhaliert, da er sich die Leckereien nicht kaufen kann, und unter dem riesigen Weihnachtsbaum des Marktes die Liebe seines Lebens trifft, welche einen gerade erworbenen Adventskranz unter dem Arm trägt. Zu dick aufgetragen? Ach was, an Weihnachten und in der Zeit davor kann es nicht schnulzig genug sein. Und überhaupt, wer kommt denn auf solche Begriffsvorgaben? Ach, die Moderatoren? Na, wenn es so ist …, dann will ich mal nicht so sein.

Kurz entschlossen beginne ich, an einer Adventsgeschichte zu schreiben. Natürlich kann ich dafür nicht den PC nutzen, der vor mir auf dem Schreibtisch steht. So dumm bin nicht einmal ich. Nein, da muss es die althergebrachte Weise tun, also mit Stift und einem Blatt Papier. Den Aufwand, das Ganze dann zu Hause in den PC zu klopfen, nehme ich aus Datenschutzgründen gern auf mich.

Außerdem habe ich am Abend, wie auch die vergangenen und die künftigen Abende, nichts weiter vor. Seit meiner Scheidung vor etwa einem halben Jahr lebe ich allein. Es kam ziemlich plötzlich, dass ich mich und die wenigen persönlichen Sachen vor der Wohnungstür wiederfand und mir eine neue Bleibe suchen musste. War irgendwie alles dumm gelaufen. Wer hatte auch ahnen können, dass meine Ex vorzeitig von einem Wellness-Wochenende, das sie mit einer ihrer dämlichen Freundinnen genießen wollte, zurückkehren und mich bei ziemlich eindeutiger Beschäftigung im Ehebett überraschen würde? Dass ich dabei mit einem Mann zugange war, machte unsere Trennung nicht unbedingt leichter. Ich verstehe bis heute nicht, weshalb sie sich gerade darüber so aufregte. Schließlich wusste sie, dass ich bi bin. Auch hatte sie nie nachgefragt, wenn ich mal auffällig lange „im Büro arbeiten“ musste und dennoch gut gelaunt und entspannt nach Hause kam. Meine kleinen Ausrutscher konnten ihr nicht wirklich verborgen geblieben sein. Im Gegenzug hatte ich ihren Wellness-Bedarf stets toleriert und nie nachgehakt, mit wem sie die Wochenenden verbrachte. Überhaupt ließen wir uns unsere Freiheiten. Und dann das. Dabei hatte ich den Eindruck, dass sie mir eine Affäre mit einer Frau vielleicht verziehen hätte. Verstehe einer die Frauen. Zum Glück haben wir keine Kinder und so ging die Scheidung recht schnell über die Bühne.

Das mit dem Kinderwunsch ist auch so eine Sache. Ich mag Kinder und hätte gern zwei oder drei gehabt. Es hätte nicht nur unserer Ehe, sondern auch unserem Leben einen ganz anderen Sinn gegeben. Wir wären eine richtige Familie gewesen und sicherlich noch heute zusammen. Aber meine Ex wollte keine Kinder. Die waren ihr zu laut und zu anstrengend. Statt dessen habe ich jetzt meine überbesorgte Mutter an der Backe, die sich nun andauernd in mein Leben drängt. Zugegeben, es ist praktisch, wenn jemand sauber macht und die Wäsche versorgt. Auch habe ich nichts gegen ihre Kochkünste einzuwenden. Gerade jetzt in der Vorweihnachtszeit gehen bei mir nie die selbstgebackenen Plätzchen und Lebkuchen aus. Um meine Figur zu schonen, musste ich schon meine Arbeitskolleginnen damit versorgen. Sie sind vor allem von dem selbstgemachten Marzipan begeistert. Selbst den Adventskranz auf meinem Wohnzimmertisch hatte meine Mutter besorgt und auf eine weihnachtliche Tischdecke gestellt. Aber so schön es ist, liebevoll umsorgt zu werden, so lästig kann dies auf Dauer werden. Leider mangelt es meiner Mutter an der nötigen Distanz. Insbesondere ihr überraschendes Auftauchen und die abschätzigen Blicke vergraulten mir schon einige Übernachtungsgäste. Meinen Zurechtweisungen setzte sie dann ihren verletzten Blick und mit ihm den stummen Vorwurf der Undankbarkeit entgegen, der mich stets entwaffnet und nachgeben lässt. Irgendwie habe ich das Gefühl, dass sie der einzige Gewinner meiner Scheidung ist.

Ein ziemlich lauter Seufzer entfährt mir. Erschrocken lausche ich, ob er gehört wurde. Aber die zu mir dringende Geräuschkulisse ändert sich nicht. Erleichtert atme ich auf und ermahne mich zu mehr Vorsicht. Entschlossen mache ich mich nun daran, mein Vorhaben umzusetzen und schreibe an der Adventsgeschichte weiter.

Ich habe schon ein paar Skizzen für die Geschichte entworfen und die Schlüsselwörter in Position gebracht, als es an meiner Bürotür klopft. Verwundert über die Störung verberge ich das Geschriebene, gerade noch schnell genug, ehe die Tür ohne Aufforderung geöffnet wird. Langsam spüre ich Ärger aufsteigen. Gibt es denn gar keinen Anstand mehr? Wenigstens ein „Herein“ oder „Ja bitte“ kann man doch abwarten. Außerdem muss ich doch nicht sofort und für jedermann Zeit haben, oder? Missmutig blicke ich zur Tür. Meine Laune bessert sich in dem Moment, als mir klar wird, dass keine meiner adipösen Kolleginnen Einlass begehrt. Sie hebt sich, als die Bürotür den Blick auf einen – zugegeben reichlich – jungen Kerl freigibt, der mich sogleich mit offenem Blick aus zwei dunkelbraunen Augen erfasst. Er ist etwas kleiner als ich, trägt eine dieser Daunenjacken, wie sie zurzeit modern sind und etwas zu groß erscheint. Sein braunes Haar quillt unter einer Strickmütze hervor und kringelt sich leicht lockig. Allerdings werde ich nie verstehen, was an Jeans so toll sein soll, die suggerieren, keinen Arsch in der Hose zu haben.

„Hallo“, grüßt er, bevor ich in der Lage bin, meinen leicht geöffneten Mund zu schließen.

Meine etwas entglittenen Gesichtszüge haben sicher etwas Dümmliches, wie sein freches Grinsen verrät.

„Ich störe doch nicht?“

Ich muss mich dringend unter Kontrolle bringen, ehe es wirklich peinlich für mich wird. Schnell schließe ich den Mund und meine Augen, atme kurz durch, sammle mich und wende mich ihm, nun wieder ganz professionell, zu. Obwohl dies alles in kürzester Zeit geschieht, bleibt ihm die Verzögerung nicht verborgen. Sein wissendes Grinsen vertieft sich. Dieser kleine Teufel weiß nur zu gut um seine Wirkung. Ob er schwul ist? Gott, was denke ich denn da? Kaum kommt ein Kunde, jung, schlank, gut aussehend, und schon drehen sich meine Gedanken wieder nur um das Eine. Irgendwie fühle ich mich ertappt und spüre, wie mir die Hitze ins Gesicht steigt. Da hilft nur noch, die Flucht nach vorn anzutreten.

„Entschuldigung. Ich hatte niemanden erwartet.“

Mit einer einladenden Handbewegung bitte ich ihn herein. Jetzt lächelt er geradezu entwaffnend. Zwei niedliche Grübchen zaubern sich in sein hübsches Gesicht. Ich fasse es nicht, welche Wirkung der Kleine auf mich hat. Zum Glück sitze ich.

„Ich wollte zu Herrn Schuster.“

Wieder einmal beeindruckt mich das Timbre seiner angenehm dunklen Stimme, die wundervoll zu seinem Äußeren passt. Aber ich lasse mich nicht ablenken.

„Da sind sie richtig.“

Er strahlt. Womit habe ich denn das verdient?

„Tom Schuster?“, hakt er hoffnungsfroh nach.

„Der bin ich. Was kann ich für sie tun?“

Er grinst.

„Ein Kaffee wäre nicht schlecht.“

Was? Frecher Kerl. Ich kann ihm trotzdem nicht böse sein.

„Sonst noch was, ein paar Plätzchen vielleicht?“

Er grinst breit und nickt dreist.

„Gern. Darf ich mich setzen?“

„Natürlich.“

Er zieht die Jacke aus, setzt sich auf den Stuhl, der direkt vor meinem Schreibtisch steht, und sieht mich erwartungsvoll an. Die Mütze hat er aufgelassen. Sie steht ihm, stelle ich fest. Sein Verhalten kommt mir allerdings reichlich komisch vor. Er ist nicht nur zu selbstbewusst für jemand seines Alters. Da ist noch mehr dahinter, etwas, das mir noch nicht klar ist und mich zu verunsichern beginnt. Ich bleibe erst einmal defensiv, sehe ihn freundlich und auffordernd an. Er scheint auf etwas zu warten, lässt den Blick schweifen. Was hat er denn, will er nicht mal anfangen? Also ich fange nicht das Gespräch an. Schließlich ist er zu mir gekommen, nicht umgedreht. Mir gefällt sein Spiel und ich habe Zeit, viel Zeit. Da ist jede Abwechslung willkommen, vor allem dann, wenn sie so niedlich ist, wie die vor mir. Er schweigt noch immer, wendet sich mir wieder zu. Ich kann seinen Blick nicht recht deuten, fange an zu grübeln. Langsam beschleicht mich das Gefühl, dass ich etwas vergessen habe.

„Ah ja, der Kaffee“, erinnere ich mich.

„Und die Plätzchen“, setzt er hinzu.

Ziemlich cool der Kleine, imponiert mir irgendwie. Schmunzelnd gehe ich in Küche hole das Gewünschte und nehme mir auch eine Tasse. Es ist die Vierte heute. Ich muss den Kaffeekonsum dringend etwas einschränken. Aber nicht heute. Wieder zurück in meinem Büro stelle ich eine der Tassen vor ihm auf den Schreibtisch. Die Dose mit dem von meiner Mutter gebackenen Weihnachtsgebäck nehme ich aus dem Schrank und stelle sie dazu.

„Danke.“

Er nippt an der Tasse und greift dann ohne Scheu nach einem Florentiner.

„Gut“, lobt er und nimmt sich noch einen.

„Freut mich“, entgegne ich und beschließe, weiter in der Defensive zu bleiben. Es macht Spaß zu sehen, wie es ihm schmeckt. Meine Mutter wäre begeistert.

„Kennen sie eine Manuela Huhn?“, richtet er plötzlich das Wort an mich.

Verdutzt blicke ich von der Gebäckdose auf, aus der ich mir gerade ein Vanillegipfel nehmen will. Klar erkenne ich den Namen trotz der vielen Jahre wieder, wie sollte ich nicht? Aber was hatte dieser Junge mit Manuela zu tun?

„Wer will das wissen?“, weiche ich erst einmal aus.

„Ich bin ihr Sohn. Sebastian. Sie können Basti zu mir sagen“, stellt er sich vor.

Na das ist ja mal eine Überraschung. Erfreut nehme ich die dargebotene Hand und erwidere den angenehm festen Händedruck.

„Klar kenne ich Manuela“, gebe ich nun zu.

Jetzt, wo er es sagt, fällt mir auch die Ähnlichkeit zwischen ihm und seiner Mutter auf. Sie haben die gleichen dunklen Haare und Augen, die langen Wimpern, das offene Lächeln und hübsche Gesicht. Einfach frappierend, wie ähnlich sie sich sehen. Ich blicke Basti freundlich an.

„Ist alles lange her. Wie geht es ihr?“

„Sie ist vor einem halben Jahr gestorben.“

Schockiert halte ich in meiner Bewegung inne und starre ihn an. Es dauert eine ganze Weile, bis ich die Bedeutung der Worte verarbeite, mich wieder fange.

„Oh. Das tut mir leid.“

Das tut es wirklich. Ich mochte Manuela.

„Danke. Langsam bin ich drüber weg.“

Irgendwie glaube ich ihm nicht so recht. Um mir diese Nachricht zu überbringen, hätte er auch anrufen können. Er muss mir die Zweifel angesehen haben.

„Es ist schon schwer so ohne sie“, setzt er leise nach.

„Und du …, bei wem bist du jetzt?“

Wie selbstverständlich bin ich zum Du gewechselt. Er kommentiert es nicht.

„Stiefvater“, antwortet er knapp.

Oha, das klingt irgendwie nicht so gut.

„Probleme?“

„Is ´n Arsch.“

Dachte ich es mir doch. Ich atme tief durch. Manuela ist tot, die hübsche, lebenslustige Manu. Ich fasse es nicht.

„Kannten sie sich gut?“, reißt er mich aus meinen düsteren Gedanken.

„Was? Äh …, wie gesagt, es ist lange her. Und wir hatten nur kurze Zeit miteinander zu tun.“

„Waren sie zusammen?“

Ich weiß nicht recht, ob es ihn was angeht, was mich mit Manu verband.

„Du meinst, ob wir ein Paar waren?“, zögere ich meine Antwort hinaus.

Basti nickt und sieht mich aufmerksam an. Mir wird klar, dass er erkennen wird, wenn ich lüge. Und warum soll er nicht die Wahrheit erfahren?

„Nein. Ein Paar waren wir nicht. Sie hatte damals schon einen Freund. Peter.“

Basti schien enttäuscht.

„Wie kommst du eigentlich auf mich?“, versuche ich abzulenken.

„Ich habe Briefe gefunden, von Ihnen an meine Mutter.“

Gott, wie peinlich. Jetzt habe ich bestimmt einen roten Kopf. Wir waren damals ziemlich offen und Manu liebte es, die Dinge direkt anzusprechen. Verlegen räuspere ich mich.

„War nicht leicht, Sie ausfindig zu machen“, fährt er ungerührt fort und greift erneut nach einem Plätzchen.

Ich nehme es nur am Rande war. Zu sehr beschäftigt mich die sich aufdrängende Frage nach dem Warum. Auch hat sich ein irgendwie mulmiges Gefühl in meiner Magengegend eingestellt und ich bin mir nicht sicher, ob ich die Antwort hören möchte. Aber Basti blickt mich plötzlich fest, fast schon herausfordernd an.

„Ich wollte meinen Vater kennenlernen.“

Da war die Antwort, die ich befürchtet habe. Einige Minuten sehen wir uns schweigend an, mustern uns, warten auf irgendeine Reaktion. Könnte es möglich sein? Könnte er mein Sohn sein? Ich versuche etwas zu finden, das auf meine Vaterschaft hindeuten könnte. Aber ich erkenne nichts von mir. Basti sieht seiner Mutter zu ähnlich, da ist nicht viel Platz für etwas anderes.

„Du scheinst dir ja ziemlich sicher zu sein“, merke ich an.

Mein Hals ist wie ausgedörrt. Der Rest Kaffee, den ich hinunterstürze, hilft nicht wirklich. Etwas zu hastig stehe ich auf und hole eine Flasche Wasser aus meinem Schrank. Als ich mein Glas fülle, merke ich, dass meine Hand leicht zittert. Basti hat mich die ganze Zeit nicht aus den Augen gelassen.

„Willst du auch?“, bemühe ich mich um Fassung.

„Nein. Danke.“

Ächzend lasse ich mich wieder in meinen Bürostuhl fallen und nehme einen kräftigen Schluck. Langsam beruhige ich mich, sehe wieder zu Sebastian. Er nimmt es als Aufforderung, nachzuhaken.

„Nach den Briefen … Also, was sie da geschrieben haben …“

Es scheint ihm nun doch etwas peinlich zu sein. Ok, welcher Jugendlicher stellt sich gern vor, dass seine Eltern, und seien es nur die vermuteten, auch einmal jung waren. Zudem ist die Situation hier reichlich skurril. Ich muss grinsen. So cool war der Kleine dann doch nicht, wie er tat. Er sieht mich an, wartet auf mein Eingeständnis, scheint irgendwie zu hoffen. Da er den Inhalt der Briefe kennt, kennt bereits die Antwort. Wozu also leugnen?

„Wie alt bist du denn?“

„Sechzehn.“

Kurz rechne ich nach. Wann war das doch gleich?

„Möglich wäre es schon“, gestehe ich tief ausatmend ein.

Überrascht stelle ich fest, dass es mir nicht wirklich etwas ausmacht, wenn ich sein Vater wäre. Es hat einen gewissen Reiz. Und Basti scheint in Ordnung zu sein, jemand, auf den man stolz sein könnte.

„Haben sie meine Mutter geliebt?“

Ich kann die romantische Hoffnung in seinen Augen erkennen, ein ideales Bild, nachdem das mit seinem Stiefvater nicht so ideal zu laufen scheint.

„Ehrlich gesagt, nein“, zerstöre ich die Illusion. „Ich mochte sie zwar sehr, aber Manu, also deine Mutter liebte ihren Peter über alles. Außerdem waren wir nur zwei Wochen in diesem Feriencamp. Zu kurz, um etwas zu vertiefen.“

„Was war denn mit diesem Peter. Ich habe das in den Briefen nicht so richtig verstanden.“

War ja klar, dass ihm dieses Detail nicht entgangen ist und er es genau wissen will. Die Frage ist nur, ob ich darüber erzählen möchte. An sich ist es nichts, wofür ich mich schämen müsste. Und doch ist es mir etwas peinlich. Vor allem weiß ich nicht, wie Basti darauf reagieren wird.

„Der war auch mit im Camp.“

Sebastian stutzt, hakt dann aber doch nach.

„Ich denke, sie und … meine Mutter …?“

„Na ja“, weiche ich aus. „Peter hatte halt nichts dagegen.“

Erleichtert stelle ich fest, dass Basti nicht angewidert ist. Vielmehr erkenne ich die Fragezeichen in seinen Augen, die unvoreingenommene Neugierde. Allerdings glaube ich kaum, dass er die Tragweite meiner Äußerung erfasst.

„Cool.“

Cool? Ok, irgendwie war das schon ganz schön abgefahren damals. Ich sehe Basti an und mir geht auf, dass ich damals gerade mal zwei Jahre älter als er war. Trotz der vergangenen Zeit kann ich mich noch gut an alles erinnern.

Irgendwie hatte ich mich überreden lassen, in dieses Camp zu fahren, als Betreuer für die Kinder, die ihre Ferien an der See verbringen wollten. Ich hatte überhaupt keinen Plan, was mich dort erwarten würde. Aber da noch ältere Aufsichtspersonen dabei waren, die ich nur unterstützen sollte, machte ich mir nicht wirklich Sorgen, ob ich klarkommen würde. Manuela und ihr Freund Peter lernte ich im Camp kennen. Sie waren drei Jahre älter als ich und nicht zum ersten Mal als Betreuer dabei. Wir verstanden uns auf Anhieb und sie nahmen mich unter ihre Fittiche. Manu war sehr beliebt bei den Kids, vor allem die älteren unter ihnen, fuhren voll auf sie ab. Kein Wunder, denn Manu war nicht nur schön, sie hatte auch ein sonniges Gemüt, war immer fröhlich. Sie musste man einfach gern haben. Ich erlag alsbald ihrem Charme. Und auch Manu zeigte mir immer wieder, dass sie mich mochte. Wie sie mich immer wieder anlächelte, mich bei jeder Gelegenheit berührte, umarmte, durch die blonden Haare fuhr, war schon ziemlich deutlich. Wegen ihr hatte ich wieder feuchte Träume. Erstaunlicherweise hatte Peter nichts gegen Manus Vertraulichkeiten, ihn schien es zu amüsieren. Ich war einfach zu naiv, als dass ich mir Gedanken über alles machte, und genoss es, dass Manu mich mochte.

In unserer vorletzten Nacht im Camp passierte es dann. Peter hatte Aufsicht und musste sich mit den Kids herumärgern, die nie Schlaf zu brauchen schienen und nur Unsinn im Kopf hatten. Ich war nach den gemeinsamen Abendstunden, wo die Betreuer nochmals die Abschiedsfete für die Kinder besprachen, zusammen mit Manu zu den Unterkünften der Betreuer gegangen. Vermutlich hätte ich mich, schüchtern wie ich damals war, wieder schnell in mein Zimmer zurückgezogen, wenn nicht Manu meine Hand ergriffen und mich mit in ihr Zimmer gezogen hätte, das sie mit Peter teilte. Ich war ziemlich aufgeregt und konnte keinen klaren Gedanken fassen. Aber das Denken hatte Manu für mich übernommen, die genau wusste, was sie wollte. Schnell fand ich mich rücklings auf dem breiten Bett wieder und Manu über mir, die auch gleich heftig zu knutschen anfing. War ich anfangs noch überrascht, so ließ ich mich schnell auf ihr Spiel ein. Hektisch rissen wir uns die Kleidung vom Leib, berührten und küssten uns, ungeduldig, ausgehungert. Ich hatte meine Umgebung völlig ausgeblendet, war nur fixiert auf den heißen Körper über mir, der mein Blut zum Kochen brachte. Schon seit dem ersten Kuss war ich hart. Keuchend rieb ich mich an Manu, nahm mit meinen Händen gierig Besitz von ihr und ließ sie spüren, wie geil ich auf sie war. Ich war so sehr weggetreten, dass ich nicht mitbekam, wie die Zimmertür geöffnet wurde und ein wütender Peter Manu von mir herunterriss. Unfähig auf die neue Situation zu reagieren, sah ich mit vor Schreck weit aufgerissenen Augen plötzlich Peter über mir, der mich grimmig auf das Bett pinnte und mich würgte. Meine schließlich einsetzende Gegenwehr war ebenso vergebens, wie Manus wortreichen Versuche, Peter von mir herunterzuziehen. Umso erstaunter merkte ich auf, als Peter plötzlich innehielt und sich mit fiesem Grinsen meinem Gesicht näherte. Ich war viel zu perplex, als dass ich mich gegen seinen groben Kuss hätte wehren können. Dies änderte sich auch nicht, als Manu Peter energisch abdrängte, nur um an seiner Stelle meinen Mund zu plündern. Ihr gieriger Wettstreit bescherte mir eine schlaflose Nacht, die mir nicht nur jedwede Jungfräulichkeit raubte, sondern sich in solch intensiver Weise niemals wiederholen sollte. Am folgenden Morgen war ich nicht nur entkräftet und ausgelaugt, fühlte ich nicht nur einen brennenden Schmerz, der mir das Gehen und Sitzen zur Qual machte. Ich war auch zum ersten Mal vollends befriedigt und mir zugleich über die Vielschichtigkeit meines sexuellen Interesses im Klaren.

Aber dies alles erzähle ich Basti nicht. Es ist schlimm genug, dass wir uns damals nicht schützten, obgleich das Thema Aids schon in aller Munde war, und ich mir keine Gedanken darüber gemacht hatte, ob Manu verhütete. Zudem musste ich dem Kleinen nicht gleich auf die Nase binden, dass ich auch auf Kerle stehe. Nun, was die Infektion anbelangte, hatte ich Glück gehabt, und in der anderen Sache …, na ja, mal sehen. Dabei hat die Möglichkeit, dass mein Sohn vor mir saß, für mich nichts Erschreckendes. Jedenfalls würde ich mich nicht vor der Verantwortung drücken, da bin ich mir sicher. Deshalb kann ich seine Frage, ob ich zu einem Vaterschaftstest bereit bin, guten Gewissens mit ja beantworten. Zwei leuchtende Augen sind der Lohn für meine schnelle Antwort und dafür, dass ich ihn bitte, mich zu duzen. Sebastian wäre meine Vaterschaft offensichtlich auch nicht unrecht. Nach einigem hin und her, wann und wo der Test gemacht werden soll, blicke ich auf meine Armbanduhr und stelle fest, dass meine Kernarbeitszeit vorüber ist. Meinen Vorschlag, die Zeit, bis sein Zug fährt, auf dem hiesigen Weihnachtsmarkt zu verbringen, findet Sebastian prima. Also packe ich zusammen, räume die Alibiakten in den Schreibtisch und schon kann es losgehen.

Unser verschlafenes Nest hat keinen großen Weihnachtsmarkt, alles ist sehr beschaulich und übersichtlich. Der Markt befindet sich mitten in der Stadt auf jenem Platz, wo es das ganze Jahr über den Wochenmarkt gibt. Häuser säumen ihn und bilden eine beschauliche Kulisse. Natürlich ist ein recht großer Weihnachtsbaum der Mittelpunkt des Marktes, zu dem die einzelnen Gässchen zwischen den Ständen hinführen. Zielstrebig steuere ich eine der Stände an und kaufe uns jeweils einen weißen Glühwein. Wir stellen uns an einen der Stehtische, wärmen unsere Hände an den heißen Tassen und schlürfen genüsslich unseren Wein. Ich frage Basti etwas aus, will wissen, wie er in der Schule ist, welche Hobbys er hat, was seine Freunde so treiben. Ich habe einfach das Bedürfnis, ihn näher kennen zu lernen. Die freimütige Art, mit der er erzählt, gefällt mir sehr und ich bin mir sicher, dass wir gut miteinander auskommen würden. Bei dem Thema Stiefvater reagiert Basti etwas verhalten, erzählt dann aber doch von den täglichen Reibereien, die sich wohl verstärkt haben, seit der Stiefvater arbeitslos wurde und viel zu Hause ist. Ich versuche Verständnis bei ihm zu wecken, dass die Arbeitslosigkeit sicher keine schöne Situation ist und man schon mal genervt sein kann, aber Basti wiegelt ab.

„Ach, der ist nur zu faul, sich was Neues zu suchen und ruht sich lieber auf seinem Hartz IV aus.“

„Bist du da nicht etwas hart in deinem Urteil?“, gebe ich zu bedenken.

„Nee. Den ganzen Tag lungert der rum. Wenn ich in der Schule bin, schnüffelt er in meinen Sachen. Nichts kann ich ihm recht machen. Das Liebste wäre ihm, wenn ich ausziehen und mir was Eigenes suchen würde.“

Ich schweige dazu. Unsicher schaut Basti zu mir herüber.

„Stört es dich, dass ich auch deshalb versuche, meinen Vater zu finden?“, fragt er leise.

Ich nehme einen tiefen Schluck Glühwein. Dann schüttle ich den Kopf.

„Nein. Ich kann dich verstehen.“

Basti sieht erleichtert aus.

„Hättest du auch gesucht, wenn bei dir zu Hause alles im Lot wäre?“, will ich dann doch wissen.

„Ja“, antwortet er prompt. „Vielleicht später, aber irgendwann ganz bestimmt.“

Jetzt bin ich irgendwie erleichtert. Als Notnagel hätte ich mir nicht gefallen. Da die Zeit voranschreitet, machen wir uns auf in Richtung Bahnhof. Basti ist still geworden. Etwas treibt ihn um, das sehe ich ihm an. Schließlich stehen wir auf dem Bahnsteig. Es ist noch etwas Zeit, ehe der Zug eintreffen wird.

„Da ist noch etwas, das du wissen musst“, ringt er sich schließlich durch.

Unwillkürlich verspanne ich mich etwas. Hoffentlich hat er keine größeren Probleme. Bei Drogen zum Beispiel verstehe ich keinen Spaß. Abwartend blicke ich ihn an und sehe seine Unsicherheit.

„Spuck´s aus. So schlimm wird es schon nicht sein“, ermuntere ich ihn.

„Na ja, vielleicht willst du dann den Test doch nicht machen“, brummelt er und wird plötzlich rot.

„Lass mich das entscheiden.“

Basti atmet tief aus. Dann streckt er sich.

„Ok. Also … ich bin schwul.“

Mir fällt ein Stein vom Herzen. Wenn es nur das ist … Und ich bin stolz auf ihn, dass er es mir zu diesem Zeitpunkt sagt. Nicht dass es etwas an meiner Entscheidung geändert hätte. Aber so zeigt er mir, dass er es ihm ernst mit mir ist. Unsicher sieht er mich an.

„Und?“, will ich wissen und muss über Bastis verdatterten Blick lachen. „Das ist alles?“

Er nickt, lächelt zaghaft.

„Es stört mich nicht“, versichere ich ihm.

Wie könnte es das? Wo ich doch bi bin. Aber das sage ich ihm nicht. Noch nicht. Ich will sehen, wie sich die ganze Sache entwickelt. Erst einmal kommt er auf mich zu und schließt mit einem erleichterten Seufzer seine Arme um mich. Ich ziehe ihn an mich, streiche über seinen Rücken.

„Ich würde mich freuen, wenn der Test positiv wäre“, raune ich ihm ins Ohr.

„Ich mich auch“, schnieft er leise.

Erst als der Zug einfährt, trennen wir uns. Basti scheint der Gefühlsausbruch peinlich zu sein. Vielleicht sind es auch die Blicke, die wir auf uns gezogen haben, welche ihn schnell einsteigen lassen. Ich beobachte noch, wie er einen Platz findet, erwidere sein Winken. Etwas traurig sehe ich dem ausfahrenden Zug hinterher. Ich habe den Kleinen bereits in mein Herz geschlossen. Und ich verspreche uns, dass ich mich auf jeden Fall um ihn kümmern werde.
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