Gay Geschichten & Coming Out Stories

Unsere schwulen Geschichten & Coming-Out Stories soll Personen - vor allem Jugendlichen, die vor ihrem Coming-Out stehen, zeigen, dass sie nicht alleine sind und ihnen somit Mut machen, sich zu outen und ihre Sexualität in Zukunft offen ausleben zu können.

Nacht der Entscheidung

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Die Basishandlung der folgenden Geschichte entspringt meiner Fantasie. Die handelnden Personen existieren zum Teil wirklich, natürlich habe ich ihre Namen hier verändert. Die Darstellungen der Handlungen dieser Personen entspringen meinem Bild, das ich von ihnen habe, oder realen Erfahrungen. Auch Teile der Feuerwehrhandlung, z.B. die Einsätze oder die »coolen Fahrer«, basieren auf realen Begebenheiten.

Schwerfällig fuhr das große Feuerwehrfahrzeug um die Kurve, um von der Wache in die Hauptverkehrsstraße einzubiegen. Die blinkenden Blaulichter wurden trotz des intensiven Lichts des sommerlichen Mittages von den Fenstern der Anwohnerhäuser reflektiert.

»Vier-dreiundfünfzig-eins von Vier-elf-eins kommen«, tönte es aus dem Funkgerät.

Ich griff nach dem Hörer: »Vier-dreiundfünzig-eins hört.«

»Anfahrt über Eichenweg, dann Schillerstraße.«

»Verstanden«, sagte ich und klemmte den Hörer zurück. Ich wandte mich an den Fahrer, Dirk, der diese Fahrt, wie eigentlich jede, sehr gemütlich nahm. Mit seinen siebenundvierzig Jahren war er fast doppelt so alt wie ich und hatte schon eine Menge gesehen. »Gib Asche.« Er lächelte und schaltete, um aus dem neuen, aber dennoch chronisch untermotorisierten Stadtfahrzeug ein Paar Newtonmeter mehr herauszuquetschen. Als wir den Bereich der von der Wache kontrollierten Ampeln verließen, schaltete er schließlich das Horn ein, und der Verkehr wich vor uns zurück.

Auf mich übte die eintönige Zweitonfolge immer eine beruhigende Wirkung aus, besonders wenn sie wie an diesem Rüstwagen aus einem Elektronikhorn stammte. Es ist etwas, auf das ich mich konzentrieren kann, eine Konstante in den ersten chaotischen Minuten eines Einsatzes. Für Dirk und andere Kameraden war es wohl einfach nur nervig, weshalb sie es nur an Kreuzungen anschalteten und danach wieder ausmachten. Das war nervig, fand ich. Diesmal war der Verkehr jedoch recht dicht, er ließ den Alarmschalter glücklicherweise in Ruhe. Während Dirk souverän den Verkehr meisterte, beruhigte ich mich tatsächlich. Die Hektik wich der Ruhe, und ich fasste ein paar andere Gedanken. Wie kann man auf der Schillerstraße, einer langen geraden Strecke, einen so schweren Unfall bauen, wenn kein zweites Fahrzeug involviert ist? Nun ja, wir würden sehen. Kurze Zeit später kam die Einsatzstelle in Sicht, und die Polizei hatte wirklich mal die Straße gesperrt. Das war ein Ereignis, welches man Rot im Kalender anstreichen sollte. Normalerweise wurden uns Feuerwehrleuten fasst immer die A...llerwertesten abgefahren.

»Florian Siegburg Vier-elf-eins von Siegburg vier«, tönte es wieder aus dem Funkgerät.

»Vier-elf-eins«, hörte ich meinen Zugführer über Funk der Leitstelle antworten.

»RTW und Notarzt sind in einem anderen Einsatz gebunden, es kommt der eins-dreiundachtzig-drei aus Siegburg.«

»Das dauert ja mindestens zwanzig Minuten!«

»Ja, leider, vier Ende.«

Da gerade keiner sprach, meldete ich mich zu Wort: »Vier-dreiundfünfzig-eins EST an.«

Dirk fuhr an dem Einsatzleitfahrzeug unseres Zugführers, der mit seinem VW-T4 mit der Funkrufnummer Vier-elf-eins als Erstes angekommen war, vorbei und näher an das verunfallte Fahrzeug heran. Es handelte sich um einen, oder vielmehr um die Überreste, eines VW-Golf IV oder III, der gegen den Pfeiler einer Fußgängerbrücke gedonnert war. Die Reste der Heckscheibe waren mit schwarzer Folie abgeklebt, in der Rückbank konnte man übergroße Boxen erkennen, die wahrscheinlich einmal den halben Kofferraum ausgefüllt hatten. In einem unmöglichen Winkel hing ein kleiner Reifen mit Leichtmetallfelgen in der Luft. Gut, dachte ich, Klischee erfüllt: Ich war mir ganz sicher, dass der Wagen auch mal tiefer gelegt gewesen war. Jetzt schien mir der Grund für den »Unfall« auf der geraden Strecke einleuchtend, und meine Meinung über den Verunfallten wurde einen Deut schlechter selbst schuld.

Wir hielten und stiegen aus. Gerd, unser Zugführer, hatte das Unfallfahrzeug erkundet und kam auf uns zu. »Dirk, Pulverlöscher und Schere/Spreizer vorbereiten. Oliver, kümmere dich um den Fahrer. Er ist bei vollem Bewusstsein«, befahl er und verschwand, das anrückende Löschgruppenfahrzeug einzuweisen.

Nein, ich war weder für mein Mitgefühl noch meine diplomatische Ader in der Feuerwehr bekannt. Dass Gerd ausgerechnet mich zum Patienten schickte, ließ Ärger in mir aufkommen, aber manchmal ist die Feuerwehr wie die Bundeswehr: Befehl ist Befehl. Patientenkontakt ist bei fast rein freiwilligen Feuerwehren, wie wir es sind, eher selten. Dafür gibt es den Rettungsdienst, war einhellige Meinung. Mein erster Gedanke war daher simpel: Scheiße! Dennoch lief ich im gemütlichen Trab zu dem, was einmal die Fahrerseite gewesen war. Wie konnte jemand nach solch einem Unfall nicht Matsche sein? Als ich seitlich vor dem Fahrzeug stand, konnte ich den Fahrer und seine Situation erkennen. Er war seltsamerweise nicht zwischen Lenkrad und Sitz festgeklemmt. Da er den Betonpfeiler nicht mittig, sondern eher links getroffen hatte, war das Auto auf der Beifahrerseite von hinten nach vorn vollkommen zusammengedrückt, ähnlich einer Ziehharmonika. Bei einem frontalen Aufprall wäre er wirklich mit seinem Auto verschmolzen. So hatte er Glück, denn seine Seite wurde zwar sehr gestaucht, aber nicht ganz zusammengequetscht. Ich vermutete, dass seine Beine wohl halb im Ex-Motorraum steckten und nur schwierig von den Pedalen zu trennen sein würden.

Ich ging die letzten Schritte auf das Fahrzeug zu. »Hallo?«, fragte ich vorsichtig. In dem Schrotthaufen bewegte sich etwas, und ich blickte in das Gesicht des jungen Fahrers. Ich sah in ein Paar blaue Augen, die mich traurig ansahen. Von der linken Stirnseite war Blut die Wange hinuntergelaufen und getrocknet. Seine kupferfarbenen Haare waren arg durcheinander, kein Wunder nach dem Aufprall. Er war etwa Anfang zwanzig, mit breiten Schultern, die auf sportliche Aktivitäten schließen ließen, und hatte ein schönes, weiches Gesicht, das eigentlich eher Frohsinn als die momentane Traurigkeit ausstrahlen sollte. Fasziniert starrte ich ihm einige Zeit in die kristallklaren Augen, konzentrierte mich jedoch schnell wieder auf meine Aufgabe.

Zwar hatte er meine Begrüßung gehört, aber außer dass er mich von oben bis unten musterte, kam keine Reaktion. Ich versuchte seine Gedanken zu erraten: Was will der denn von mir? Ich versuchte es noch mal: »Hallo, ich bin Oliver.«

»Hi«, sagte er nur, mich durchdringend ansehend. Ich fühlte mich, als hätte er ein Röntgengerät im Auge. Ich fing an zu schwitzen, diese Hitze und dann diese Schutzkleidung keine angenehme Kombination.

»Hast du Schmerzen?« Was duzte ich den eigentlich?

»Mein rechtes Bein tut weh.«

»Das kann ich mir gut vorstellen. Das wird wohl noch eine Weile warten müssen. Wir müssen erstmal sehen, wie wir dich da herausbekommen.«

Das Funkgerät in meiner Hand erwachte zum Leben. Eigentlich hätte ich es gar nicht haben sollen, habe in der Eile aber gar nicht daran gedacht, es Dirk zu geben Anschiss vorprogrammiert.

»Verdammt«, murmelte ich mit einem Blick auf das Gerät.

»Was ist?« fragte der Unfallfahrer beängstigt.

»Ich werde einen Haufen Ärger bekommen, weil ich meinem Boss seine Quetsche nicht gegeben habe.«

»Na, du hast Probleme«, sagte er erleichtert. Auch er schien nicht auf das »Sie« zu stehen.

»Ja, und wenn man keine hat, macht man sich welche«, grinste ich ihn an.

Er schnaufte.

Es war warm, und ich war froh, etwas umzusetzen, was ich irgendwann einmal gelernt hatte. Sie müssen als Mensch erkennbar sein, hatte der Ausbilder gemeint, und mit Helm und Schutzjacke wirken Sie eher bedrohlich, offiziell. Also legte ich die dicke Jacke ab, den Helm behielt ich jedoch auf wegen schlechter Erfahrungen mit meiner Größe. Er sah mir dabei zu und wieder hatte ich das Gefühl, ausgiebig gemustert zu werden. Einen Schönheitswettbewerb hätte ich gerade nicht gewonnen, mein Feuerwehrhemd war ziemlich verschwitzt und klebte an meinem Körper, der nicht so ganz trainiert wurde wie wohl der des Fahrers, trotzdem aber keine überflüssigen Pfunde aufwies, und die Form meiner strassenköterblonden Haare [Zitat einer Abi-Freundin] war nach dem Kontakt mit dem Helm wohl nicht mehr existent, o.k., ich muss zugeben, dass ich mir diesen Morgen sowieso nicht so viel Mühe damit gegeben hatte.

»Es ist viel zu warm«, versuchte ich ein Gespräch zu beginnen. Gerd, ich hasse dich manchmal wirklich.

Inzwischen kam Leben in die Einsatzstelle, im Hintergrund wurde ein Generator gestartet und mein Funkgerät kam nicht mehr zur Ruhe.

»Was passiert denn da eigentlich?«, fragte er, den Blick von mir abwendend und in die Runde schauend.

Glücklich und erleichtert erklärte ich ihm, was um ihn herum passierte. Es war eine Menge, und mit wirklich interessierten Fragen hielt er mich am Reden. Meine Meinung über den Unfallfahrer war etwas besser geworden, da seine nette Art so gar nicht zum Klischee eines coolen Fahrers passte. Während des Gesprächs konnte ich einige Male nicht widerstehen, in diese wunderschönen Augen zu blicken, ich konnte darin versinken.

»Du brauchst mir die Frage nicht zu beantworten, aber wie heißt du eigentlich?«, wagte ich ihn schließlich zu fragen, was mich selber erstaunte.

»Martin. Warum sollte ich dir denn nicht antworten?«

»Ich habe nicht das Recht, dich das zu fragen.«

»Warum?« Er war sichtlich erstaunt.

»Dienstverhältnis und Datenschutz.«

Er wurde sichtlich niedergeschlagener: »Blödsinn.«

»Nun ja.«

Eine Pause entstand, und wir betrachteten gemeinsam die ersten Vorbereitungen, ihn aus dem Fahrzeug zu befreien.

»Andere Frage«, setzte er an. Ich wandte mich ihm wieder zu. »Bist du eigentlich übrig oder warum redest du die ganze Zeit mit mir?«

»Äh«, war alles, was ich erwidern konnte und blickte ihn hilf- und sprachlos an. Ich fühlte mich plötzlich angegriffen.

»Sorry«, sagte er plötzlich und lächelte gequält, »ich wollte dich nicht beleidigen. Ich bin nur etwas aufgewühlt.«

»Na, das ist doch nicht verwunderlich«, erwiderte ich freundlich. Ich konnte ihm irgendwie nicht böse sein. Ich erinnerte mich an eine Studie, die behauptete, dass schöne Menschen es wirklich leichter haben im Leben. Irgendwie schien diese recht zu behalten. Ich versuchte, das Gespräch wieder in Gang zu bringen: »Dein Auto kannst du vergessen.«

»Wenn es nur mein Auto wäre.« Ich war plötzlich froh, dass er nicht zu der Sorte cooler Fahrer gehörte.

»Zieh die Jacke wieder an!«, brüllte Gerd mir plötzlich zu, »was glaubst du, wo wir hier sind?«

Seufzend zog ich das Teil wieder an und Gerd wandte sich anderen Dingen zu.

»Der mag dich wohl nicht?«, meinte Martin verschwörerisch. Er war wohl froh, das Thema wechseln zu können.

»Das Gefühl habe ich manchmal auch«, erwiderte ich übertrieben überzeugt.

»Kann ich gar nicht verstehen«, sagte Martin grinsend.

»Idiot.« Ich biss mir gleich auf die Zunge, aber er grinste mir frech zu ohne beleidigt zu sein. Dieses Gespräch nahm in keiner Weise den erwarteten Verlauf. Welche Erwartung hatte ich eigentlich gehabt? Eine Negative, das war klar, aber ich war sehr angenehm überrascht worden. Wir sahen uns lange und tief an, die Umgebung fast vergessend, bis plötzlich ein Fahrzeug mit Alarm an die Einsatzstelle kam. Ich blickte mich, erleichtert und enttäuscht zugleich, um und dachte an diese Augen, was sollte das?

»Da kommen die Fachleute«, sagte ich, »und werden sich um dich kümmern.« Wieder war ich froh und traurig zugleich.

Der Rettungswagen hielt nicht weit entfernt, und die Besatzung holte ihre Koffer aus dem Fahrzeug. Martin kramte seinen Arm aus dem Fahrzeugwust und reichte mir die linke Hand.

»Es ist zwar nur die linke, aber sie kommt von Herzen. Danke.«

Ich zog die Handschuhe aus und ergriff seine Hand. Wieder blickten wir uns tief in die Augen.

»Wie ich sehe, geht es ihm gut«, meinte der erste Rettungsassistent, dessen Stimme mich wieder in die Realität zurückholte.

»Ja, der macht sogar noch Scherze«, sagte ich und ließ Martins schnell Hand los.

»Ich? Scherze? Der scherzt.«

»Sehen Sie«, meinte ich gespielt verzweifelt.

»Na gut, dann wollen wir mal.« Sie legten die Koffer ab und öffneten sie. In kurzer Zeit waren der Blutdruck und die Grundreflexe getestet. »Etwas durchgerüttelt, aber sonst in guter Verfassung.« Der Rettungsassistent wandte sich an mich. »Danke. Wir kümmern uns jetzt um ihn.«

»Gut, danke«, sagte ich und hing im Geiste du Arschloch an. Schon begriffen, meine Herrn Berufsfeuerwehrleute, die Profis sind da, die Amateure können abziehen. Ich wandte mich zum Gehen.

»He«, tönte es aus dem Unfallfahrzeug. »Danke.« Wieder dieser Blick, dem ich nicht widerstehen konnte. Ich nickte und lächelte zurück. Verwirrt trotte ich langsam zum Rüstwagen, wo ich mich zu einigen Kameraden gesellte, die auf ihre Einsatzbefehle warteten, sie aber nicht mehr bekommen würden. Nach ein paar weiteren Minuten, in denen ich die Aktivitäten und die Befreiung von Martin aus dem Fahrzeug aufmerksam verfolgte, war auch schon alles vorbei. Er wurde in den Rettungswagen geschoben, der gemächlich ohne Sonderrechte abrückte. Ohne es zu bemerken, lauschte ich dem Funk.

»Florian Siegburg Eins von Siegburg eins-dreiundachtzig-drei.«

»Eins hört.«

»Voranmeldung EVK vier, männlicher Patient, Alter 21, Name Baumann, Martin, Chirurgische.«

»Ja, wenn Sie das so wünschen«, lautete die lapidare Antwort der Leitstelle der Kreisstadt, die gleichzeitig Rettungsleitstelle des Kreises war.

»Genau das wünsche ich.« Funkdisziplin schien nicht ihre Stärke zu sein.



KAPITEL II
Nach den Aufräumarbeiten an der Einsatzstelle verging die Rückfahrt still, wie auch sonst üblich, redete ich nicht viel. Dirk war es wohl auch recht, wir waren beide ziemlich kaputt. Das Arbeiten an einem Sommertag gehörte eigentlich verboten. Ich freute mich auf ein kühles Glas Cola an der Wache, was ich auch sofort nach dem Wegräumen meiner Ausrüstung bekam Gerd servierte diesmal persönlich.

»Na, neuer Job?«, wagte einer zu sagen.

»Werd nicht frech«, erwiderte Gert halb ernst halb spaßig. »So, kommen wir zur Sache.« Er schilderte die Lage beim Eintreffen und die durchgeführten Maßnahmen. Schließlich kam er auf mich zu sprechen. »Etwas für uns Neues ist jedoch auch passiert. Oliver musste sich mit dem Thema Patientenbetreuung auseinandersetzen. Erzähl mal, was war dein Eindruck?«

Ich stand auf und wandte mich der Gruppe zu. »Tja«, setzte ich an und sah plötzlich Martins kristallblauen Augen vor mir. Schnell konzentrierte ich mich wieder auf das Wesentliche. »Zunächst möchte ich mich herzlich bedanken, dass du ausgerechnet mir, dem charismatischsten«, ein Aufstöhnen meiner Kameraden ertönte, »dem schönsten«, noch ein Aufstöhnen - lauter diesmal, »und diplomatischstem«, diesmal lachten sie auf, »Mann des Zuges diese Aufgabe gegeben hast: Mir.« Buhs und Pfiffe ertönten, wir lachten.

»Nee«, sagte Gerd, »du bist mir als Erster über den Weg gelaufen, und ich dachte mir, wenn die Vorsehung mir so etwas wie dich vorwirft, kannst du dich nicht erwehren. Ernsthaft: Es war einfach kein guter Mann in der Nähe.« Natürlich hatte er die Lacher auf seiner Seite.

»Um zurück zum Thema zu kommen«, sagte ich etwas lauter, nachdem wieder halbwegs Ruhe eingekehrt war. »Es war ungewöhnlich, aber er war ein angenehmer Gesprächspartner.«

»Der sehr an dir interessiert war«, warf Daniel ein, was wieder Gelächter hervorrief.

»Wie kommst du darauf?« fragte ich patzig.

»Na ganz einfach«, erwiderte er. »Einmal hat er unseren Olli angesehen, als ob ...«

Wieder Gelächter, was Gerd mit einem Ruhe-Ruf schnell beendete. »Oliver, wie hast du die Patientenbetreuung empfunden?«

»Ehrlich gesagt als bescheiden. Auf so etwas war ich nicht vorbereitet oder besser: ist keiner von uns vorbereitet.«

»Ja«, stimmte Gerd mir zu. »Ich denke, dass wir in diesem Bereich noch Nachholbedarf haben.« Ich wollte mich gerade wieder setzen, bevor Gerd mich stoppte: »Halt! Mit dir bin ich noch nicht fertig.« Es wurde schlagartig still. Alle erkannten diesen Satz als einen von Gerds Lieblingssätzen. Es herrschte Standpaukenalarm. »Bist du neuerdings Führungskraft oder Maschinist?«, fragte er eisig.

»Nein?«, erwiderte ich unsicher.

»Dann lass gefälligst deine Finger von Geräten, die dich nichts angehen. Zweimal habe ich versucht, Dirk über Zwei-Meter zu erreichen, was ich nicht konnte, da du das Funkgerät hattest. Ist das klar?«

»Ja«, sagte ich nur. Die gute Stimmung von vorher war wie üblich verschwunden.

»Gut, dass wir uns verstehen. Für die anderen gilt selbstverständlich das gleiche: Lasst die Funkgeräte aus den Händen!«

Ich trank noch meine Cola aus und verschwand dann. Gerd konnte manchmal die beste Stimmungskanone sein, dann der beste Stimmungstöter. Ich hatte jedenfalls keine Lust mehr, zog mich um und verschwand, nachdem ich mich verabschiedet hatte. Schließlich musste ich auch noch arbeiten.

Mein Chef steht, im Gegensatz zu vielen anderen Vorgesetzten, meiner Tätigkeit in der Freiwilligen Feuerwehr positiv gegenüber, auch wenn das bedeutet, dass ich während der Kernarbeitszeiten öfters die Firma verlassen muss. Der Grund, warum mein Boss dem Ganzen so gelassen gegenübersteht, ist wohl der, dass ich meistens die anstehende Arbeit aufarbeitete. Also legte ich ihm die ausgestellte Entschuldigung von der Feuerwehr auf den Tisch, was er mit einem kurzen Nicken quittierte, da er telefonierte. Ich ging in mein Büro, welches ich heute Vormittag so stürmisch verlassen hatte und sah als Erstes nach neuen Emails.

Nachdem ich wieder zur Ruhe gekommen war und mich geistig wieder auf meine Arbeit ausgerichtet hatte, stellte ich mich wieder meinem Programmierproblem. Irgendwie war es mit meiner Konzentration jedoch nicht weit her. Immer wieder dachte ich an Martin Baumann und dessen kristallblauen Augen, deren Blick ich nicht widerstehen konnte. Immer wieder zwang ich mich zurück an meine Arbeit. Zur Ablenkung ließ ich meinen zweiten Rechner eine CD mit Händels Feuerwerksmusik spielen und drehte laut auf. Mein Musikgeschmack ist situationsabhängig, und meine Kollegen wundern sich doch manches Mal, was aus meinem Büro so heraustönt. Gleichzeitig sind wir alle froh, unsere eigenen vier Wände zu haben. Glücklicherweise hielt unser Chef nicht viel von der amerikanischen Philosophie des Großraumbüros. Wenn ich eines hasste, dann ein Großraumbüro: immer Lärm, andere Leute und man hat keine Ruhe, sich zu konzentrieren.

Obwohl ich mich dringend auf meine Programmieraufgabe und meinem damit verbundenen Problem konzentriert haben sollte, kam mir Martin immer wieder ins Gedächtnis. Inzwischen machte ich mir jedoch auch ein bisschen Sorgen. Mit einem bzw. mehreren geistigen »Quatsch« brachte ich meine Konzentration für einige weitere Zeilen oder eine Schleife zurück, um wieder einfach fortgetragen zu werden:

Ob es ihm gut geht? Sicher, die sind ohne Sonderrechte abgefahren.

Tipp-Tipp.

Ob er lange im Krankenhaus bleiben muss? Nein, vermutlich angeknackster Knochen, ein Gips und fertig.

Tipp-Tipp.

Wem gehört wohl das Auto? Ob er Ärger bekommen wird? Nu reichts wirklich, dachte ich mir, schaltete meine PCs ab und verließ mein Büro.

Unüblicherweise verließ ich die Firma, sobald die Kernarbeitszeit beendet war. Ich stieg in mein Auto und starrte eine Zeit lang ins Leere. Ohne es richtig zu wissen, fuhr ich nach Hause. Fast jede Ampel war wie üblich rot, auch die mit der Abfahrt zum evangelischen Krankenhaus. Kurzentschlossen setzte ich den Blinker und fuhr zum EVK. Erstaunlich schnell hatte ich einen Parkplatz gefunden und begab mich zur Auskunft.

»Ja, bitte?«, fragte die alte Dame hinter dem Schalter.

»Ich möchte zu Herrn Martin Baumann. Er wurde heute wegen eines Unfalls eingeliefert.« Die ganze Sache kam mir unwirklich vor, als wäre mein bewusstes Ich nur Gast in meinem Körper. Irgendwie konnte ich mich gar nicht richtig erinnern, wie ich hierher gekommen war. Ich wollte gehen, weglaufen, doch zitternd vor Unsicherheit und gleichzeitiger Erwartung blieben meine Beine einfach stehen, während sie die Daten am Computer abfragte.

»Sind Sie ein Verwandter?«

»Nein, ein Freund.«

Sie musterte mich kurz. »Zimmer 705.«

»Danke«, ich drehte mich um, doch nicht um das Krankenhaus zu verlassen wie eine Stimme in meinem Kopf rief, sondern um schnurstracks zu den Aufzügen zu gehen. Einer war auch direkt da, und während ich nach oben fuhr, fragte ich mich ständig, was ich da überhaupt tue. Ping die Tür ging auf, und ich stieg aus. Zimmer 705 war einfach zu finden, ein Dreierzimmer, vor dessen Tür ich mich nun befand, und die ich mich nicht aufzumachen traute. Ich stand wohl eine ganze Zeit vor der Tür, alle möglichen Verläufe der Begegnung mit der Person hinter der Tür durchzuspielen. Mir ging es wie einem der alten Computer: Stak Overflow Error. Irgendwann hatte wohl ein Reflex gesiegt, und ich hörte meine Faust an die Tür klopfen: es gab kein zurück mehr. Ich öffnete die Tür und trat ein.

Ein typisches Zimmer dieses Krankenhauses, in welchem ich selber schon gelegen hatte, mit drei Betten an einer Wand, von denen das ganz links im Raum und das ganz rechts am Fenster belegt waren. Martin Baumann blickte vom ganz linken Bett auf und lächelte mich freudig an. »Hallo, das ist aber eine Überraschung.«

»Hi, ich dachte, ich schaue mal vorbei, um zu sehen wie es dir geht.« Platt, Arm, Aus. Ich hätte mich treten können.

»Das ist toll, komm setz dich.« Er wies auf das leere Mittelbett. »Oliver von der Feuerwehr.«

Ich war sehr stolz, dass er meinen Namen noch wusste. »Und, was ist bei dir kaputt?«

»Einige behaupten: alles!« Er grinste mich frech an. Ich konnte nicht anders als zurück zu grinsen. »Aber ernsthaft«, fuhr er fort, »ist mein rechter Unterschenkel angeknackst, und eine weiche Birne habe ich auch.« Er tippte sich an das dicke Pflaster der Kopfplatzwunde.

Erst jetzt hatte ich Gelegenheit oder wieder genug Kontrolle über mich selbst, dass ich ihn näher betrachten konnte. Er wirkte gefasster als bei seiner Rettung, was ja nicht verwunderlich war, und etwas fröhlicher. In seinem Blick lag ein besonderer Glanz, der vorher nicht dagewesen war. Es war, als sei der letzte Schliff an einem Diamanten ausgeführt worden. Mir kam es vor, als betrachtete ich nicht einen Menschen, sondern das Werk eines Künstlers. Die Formen und Proportionen, seine Nase, diese Augen und seine kupferfarbenen, immer noch unordentlichen aber freundlich wirkenden Haare: ein faszinierender Anblick.

»Ich soll bis übermorgen hier bleiben«, fuhr Martin fort, und seine Stimme riss mich aus meinen Gedanken. Ich wusste nicht, ob oder was er davor gesagt hatte. Ich merkte, wie ich rot wurde.

»Ah«, ich räusperte mich. »Hast du denn überhaupt ein paar Sachen hier?« fragte ich und blickte vielsagend auf das blaue Krankenhaushemd, dass er trug. Just in diesem Moment fiel mir das Zusammenspiel der Farbe seines Haares und des ausgewaschenen blauen Krankenhausstoffes auf. Genug, dachte ich mir und zwang meine Gedanken zurück in das Hier und Jetzt. Wenn ich jetzt schon anfing, solchen Blödsinn zu denken, war es weit mit mir gekommen.

»Nee, gar nichts«, erwiderte Martin. »Die Sachen, die ich getragen habe, sind alle im Krankenhausmüll gelandet. Außer dem Hemdchen hier trage ich nichts. Das ist nicht sonderlich angenehm.« Er blickte mir in die Augen. Wieder dieser Blick.

Ich versuchte seine Gedanken zu erraten: »Wie groß bist du?«

»Etwa 1,98.«

»Hm, da werden dir meine Sachen nicht passen«, stellte ich fest. Der Typ war ja fast einen Kopf größer als ich! »Wohnst du weit von hier?«

»In Siegburg.«

»Das ist ein Weg«, sagte ich seufzend. »Können dir deine Eltern nichts vorbei bringen?«

»Nein!«, antwortete er streng und fügte freundlicher hinzu: »Die wohnen zu weit weg.«

»War ja nur eine Frage«, versuchte ich ihn zu beruhigen und fragte mich, ob ich den nächsten Satz nicht bereuen würde: »Soll ich dir ein Paar Sachen holen?«

Seine Miene hellte sich sofort auf. »Das wäre nett«, strahlte er mich an, schon wieder dieser unschuldige Blick aus diesen kristallblauen Augen. »Ich wohne auch im Stadtzentrum Adelsweg 6.«

»Ah, Noblesse obligé. Ich werde das schon finden.« Während ich nach dem Schlüssel griff, den er mir reichte, bemerkte ich: »Keine Angst, ich klaue nichts. Und wenn, du weißt ja, wie du mich finden kannst.«

Seine Hand mit dem Schlüssel berührte meine, und er öffnete sie langsam, um den Schlüssel fallen zu lassen. Ich spürte die Bewegung seiner Finger auf meiner Handfläche, und mir lief ein Schauer von der Hand ins Rückenmark bis in die Zehenspitzen.

»Ich glaube nicht, dass du etwas klaust«, sagte er, während wir uns in die Augen blickten.

»Bin gleich zurück«, sagte ich euphorisch und flog geradezu hinaus.

Mit einem sicheren Blick auf die Karte fand ich meinen Weg. Aus Vorsorge habe ich die Karten aller Kreisstädte im Wagen, und manche halten mich deswegen für etwas bescheuert, aber in Situationen wie diesen machte sich das durchaus bezahlt. Ich war stolz auf mich und meine Karten, denn ohne größere Schwierigkeiten stand ich eine knappe Dreiviertelstunde später vor der Wohnung von Martin Baumann. Das kleine Appartement war eine typische Single-Wohnung, allerdings ordentlich aufgeräumt. Ich kam mir ein bisschen dumm vor, als ich den Schlafzimmerschrank öffnete, um einen Schlafanzug und einen Satz Alltagskleidung zu suchen. Ein bisschen war es, als würde ich sein Vertrauen brechen, und ich war nicht sicher, ob ich jemanden gebeten hätte, einfach so in meine Wohnung zu gehen und Sachen aus meinen Schränken zu suchen. Als ich schließlich alles beisammenhatte, war ich froh, wieder gehen zu können. Sorgfältig verschloss ich die Wohnung und begab mich auf den Rückweg, um ziemlich schnell zum Krankenhaus zu kommen. Ich weiß nicht, wann ich diese Strecke das letzte Mal so schnell hinter mich gebracht habe, denn noch vor Ende der Besuchszeit war ich wieder in Martins Zimmer und übergab ihm freudestrahlend seine Sachen sowie den Wohnungsschlüssel.

»Vielen Dank«, sagte er überschwänglich. »Das war wirklich sehr nett von dir.« Er stellte die Tasche neben sein Bett und seufzte: »Feuerwehr - dein Freund und Helfer, ach nee das waren die Grünen.«

»Du sagst das so abwertend«, stellte ich fest. »Die waren sicher schon da und haben neugierige Fragen wegen des Unfalls gestellt.«

»Das auch«, erklärte er und seine Fröhlichkeit von vorhin verschwand. »Aber viel schlimmer ist, dass mein Bruder, dieser Schrauber, dessen wunderschönes Auto ich zersemmelt habe, ein bisschen zu sehr daran geschraubt hat.«

»Und futsch ist der Versicherungsschutz.« Ich fühlte mich in Bezug auf die coolen Fahrer mal wieder bestätigt.

»Viel schlimmer! Sie wollen prüfen, ob ich das wusste. Strafrechtlich verantwortlich ist nämlich der Fahrer, der sich vor der Übernahme vom ordnungsgemäßen Zustand des Fahrzeugs überzeugen muss, nicht unbedingt der Halter.«

Martin berichtete mir von der Befragung durch die Polizei und von seinem Bruder, der leider in das Klischee des ach so coolen Fahrers passte. Nach einiger Zeit verließ Martins Zimmergenosse das Zimmer, um seine Raucherlunge zu befriedigen. Martin wartete ab, bis er das Zimmer verlassen hatte, und wechselte das Thema.

»Setz dich«, lud er mich ein, sich neben ihn zu setzen. »Ich finde es toll, dass du vorbeigekommen bist.«

Ich setzte mich zu ihm herüber. »Ich wollte wirklich wissen, wie es dir geht«, druckste ich rum. »Irgendwie.«

»Ja?«

»Nun, irgendwie musste ich die ganze Zeit an dich denken.« Es war raus. Wie konnte ich so etwas sagen?

Er lächelte mich an, und wir sahen uns schweigend an. Ich blickte in dieses sanfte schöne Gesicht und betrachtete das unordentliche, kupferfarbene Haar. »Kupfer ist meine Lieblingsfarbe«, wagte ich zu sagen und wies auf sein Haar. Es war blöd von mir, aber ich musste irgendetwas sagen. Immerhin entsprach es der Wahrheit.

»Kupfer?«, fragte er erstaunt und zupfte an einer Strähne, um sie in sein Blickfeld zu bekommen. »Ja, wenn ich mir das so ansehe«, sagte er die Strähne streng begutachtend, »ist Kupfer wohl richtig.« Er setzte wieder dieses spitzbübische Grinsen auf und wieder konnte ich nicht anders als zurück zu grinsen. Ich mochte seinen Humor und genoss seine Gesellschaft. Insbesondere in seinen Augen konnte ich geradezu versinken, was mir gerade wieder passierte. Ich empfand Wärme und Geborgenheit, eigentlich wollte ich nur in seiner Nähe sein.

Plötzlich plärrte von meiner rechten Gürteltasche die Titelmelodie von Star Trek TNG, und ich hasste mein Handy. Ich holte es hervor und erstarrte. Die Zahlen, die das Display zeigte, holten mich schlagartig in die bittere Realität zurück. Das grüne Licht, welches die LCD-Anzeige verbreitete, traf meine Augen mit der Wirkung von Laserstrahlen die Zahlen brannten sich in mein Blickfeld. Es war die Nummer meiner Freundin Britta.



KAPITEL III
»Was ist?«, fragte Martin besorgt. »Du bist ja aschfahl.«

»Ich«, stotterte ich und stand fluchtartig auf, »ich muss gehen.«

»Was ist passiert?«

»Nichts. Es tut mir leid.« Ich wandte mich zur Tür.

»Kommst du morgen wieder?« Er blickte mich fast flehend an.

Ich weiß nicht warum und schon gar nicht wie, aber konnte nicht anders als »Ja« zu sagen und aus dem Zimmer zu fliehen. Er wünschte mir noch eine gute Nacht, was allerdings halb durch das Schließen der Tür unterging. Ich lehnte mich neben der Tür an die Wand und holte mehrmals tief Luft.

Was war dort drin geschehen? Warum bin ich hierher gekommen? Meine Gedanken kreisten, mein Geist rotierte. Irgendwann, ich weiß nicht, wie lange ich dort an der Wand, meinem Halt, gelehnt gestanden hatte, fand ich die Kraft mich zu bewegen ohne umzufallen. Ich floh in mein Auto, ließ mich schwerfällig in den Sitz fallen und ließ den Gedanken freien Lauf.

Was ging da mit mir vor? Ich starrte auf das Display meines Handys, welches immer noch die Nummer des letzten Anrufers anzeigte. Ich dachte an Britta, wie ich sie kennen gelernt habe und einige gemeinsame Erlebnisse. Doch immer wieder schlich sich das lächelnde Gesicht Martins in den Hintergrund dieser Blick, in dem ich versinken konnte. Wie konnte ich ihm nur versprechen, morgen wieder zu kommen? Was tat ich hier?

Irgendwann später, ich konnte wirklich nicht sagen, wie lange ich einfach nur dagesessen hatte, nahm ich die Umgebung um mich herum wieder wahr. Wahrscheinlich wegen des Fahrzeuges links von mir, dass mühsam aus der Parkbucht gesteuert wurde. Verwirrt und unschlüssig war ich noch immer. Ich beschloss, das zu tun, was ich immer tat, wenn ich private Probleme überspielen wollte - ich fuhr zur Arbeit.

Richard, der Nachtwächter, begrüßte mich am Portal. Er war es gewohnt, dass Mitarbeiter bis in die Nacht arbeiteten oder spät noch mal wieder kamen. Ich weiß nicht, ob er meinen konsternierten Gesichtsausdruck in dem diffusen Licht überhaupt bemerkte, falls doch ließ er sich glücklicherweise nichts anmerken. Kaum, dass ich in unsere Räume kam, suchte ich die Toiletten auf, wo ich mir das Gesicht mit kaltem Wasser wusch. Die Person, welche mich aus dem Spiegel ansah, ignorierte ich konsequent. Schnell verließ ich den Einzugsbereich des Spiegels und ging in den Sozialraum zum Kühlschrank. Mit einer Flasche Wasser begab ich mich in mein Büro. An meinem Arbeitsplatz schaute ich in meine »To do«-Liste und schaltete meine beiden Rechner ein.

Abends zu arbeiten ist, so finde ich, einfach toll, weil keiner da ist, der einen stört oder wieder mal etwas erledigt haben will. Ich konnte jetzt niemanden gebrauchen, der irgendetwas von mir wollte und wenn es nur ein Abschiedsgruß gewesen wäre. Meinen zweiten Rechner ließ ich sehr laut ein Album von »Subway to Sally« spielen - meine Depri-Muse - und lud mein aktuelles Programm.

Manchmal war ich auf meine Verdrängungsfertigkeiten richtig stolz, so auch diesmal. Es war schon gegen zehn, als mein Handy mich erneut in die Realität zurückholte. Natürlich war es Britta. Ich wappnete mich und nahm das Gespräch entgegen.

»Hi, wo bleibst du denn?«, fragte sie besorgt.

»Sorry, ich musste länger machen. Wir hatten vorhin eine Besprechung, da konnte ich nicht abnehmen. Danach wollte ich anrufen, aber Scheißkiste [unser Chef hätte uns niemals erlauben dürfen, unsere Rechner im Netzwerk selbst zu benennen] hat wieder Mucken gemacht. Darüber habe ich es dann allerdings vergessen.« Autsch, das hätte ich nicht sagen dürfen!

»Vergessen? Bin ich dir nicht wichtig genug?«

Ich hatte wirklich keine Lust, jetzt wieder die weibliche Seele zu streicheln. Plötzlich fühlte ich mich einfach nur angegriffen. »Ich habs vergessen okay? Ich habe jetzt keinen Nerv das auszudiskutieren!«

Sie war natürlich beleidigt. Ich hörte es an den Untertönen. »Gut. Wann kommst du heim?«

»Wenn ich fertig bin. In etwa ein bis zwei Stunden.«

»Ich weiß nicht, ob ich dann noch wach bin. Gute Nacht.«

»Gute Nacht«, sagte ich und legte auf. Ich hatte sie tatsächlich angelogen.

Etwa eine Stunde später, die ich nur mit sinnlosem Getippse verbracht hatte, verließ ich die Firma und fuhr nach Hause.

Britta war noch wach und immer noch verstimmt. Nachdem ich Jacke und Schuhe ausgezogen hatte, ging ich ins Wohnzimmer, wo sie vor dem Fernseher saß. Glücklicherweise bemerkte sie meine miese Stimmung und sah von weiteren Bemerkungen ab. Sie kannte diesen Gesichtsausdruck von mir zu genüge. Statt dessen schlug sie versöhnlichere Töne an.

»Ich habe dir noch etwas zu Essen gemacht.«

»Danke. Das ist lieb von dir.« Ich ging in die Küche, wo ich den bereitgestellten Teller mit gemischtem Salat nahm, und kehrte ins Wohnzimmer zurück. Ich gebe ja zu, dass sie recht hat und ich auf meine Ernährung achten muss. Wenn nur der ewige Salat nicht wäre!

»Und, wie war es?«, fragte sie mich.

»Nervig, wie immer«, erwiderte ich zwischen zwei Gabeln Salat. »Heute Mittag hatten wir einen Verkehrsunfall mit eingeklemmter Person, was auch der Grund war, warum ich länger machen musste.«

»Ziemliche Matsche?« Sie hatte sich meine Ausdrucksweise in Feuerwehrdingen sehr schnell zu eigen gemacht.

»Nö, eigentlich gar nicht. Der Fahrer hat nichts abbekommen, nur Kratzer! Der saß im Auto und hat sich erklären lassen, was wir so machen.«

»Ist dir das schwer gefallen?«

»Was?«, fragte ich entsetzt. Woher wusste sie, dass ich bei dem Fahrer war? Wusste sie, dass ich im Krankenhaus gewesen war? Der Salat schmeckte plötzlich bitter.

»Daniel hat vorhin angerufen. Da du ja nicht da warst«, da war die erwartete versteckte Bemerkung eine Kunst, die Frauen bis zur Perfektion beherrschten, »musste er ja notgedrungen mit mir sprechen.« Wieder so eine Untertreibung. Steckte man die beiden in einen Raum, konnten die stundenlang miteinander reden, ohne einmal das Thema wechseln zu müssen! Ich war froh, dass er angerufen hatte, sonst wäre die Telefonrechnung wieder merklich angestiegen. »Er hat erzählt, dass du dich um den Verunfallten hast kümmern müssen.«

»Yep. Dummes Gefühl«, sagte ich ohne zu lügen. Momentan hatte ich ein dummes Gefühl. Ich hoffte nur, dass Daniel ihr nicht auch die Bemerkung über Martin gesteckt hatte.

»Das fand der Fahrer wohl gar nicht«, säuselte sie. Ich machte die mentale Notiz, Daniel zu vierteilen, die Stücke zu verbrennen und anschließend die Asche in die vier Himmelsrichtungen zu zerstreuen.

»Daniel ist eine Laberbacke«, erwiderte ich ernst.

»Und ein elender Kiffer«, sagte sie angewidert. »Er fragte, ob du morgen vorbei kommen willst. Er hat neues Gras da.« Zwar wollte ich grade den Mund aufmachen, bekam aber keine Gelegenheit etwas zu sagen, da Britta fortfuhr: »Eure elende Kifferei geht mir ziemlich auf den Keks!«

»Stopp«, unterbrach ich sie, da sie schon wieder zu einer Schimpftriade ansetzte. »Keine Diskussion mehr darüber. Ich habe es dir zuliebe schon sehr stark eingeschränkt, aber aufgeben werde ich es nicht. Ich gehe morgen zu Daniel, und wenn ich mir mit ihm die Birne zudröhnen will, dann tue ich das auch.« Ich kannte diese Diskussion und hatte momentan wirklich keinen Nerv auf irgendeine Art von verbaler Auseinandersetzung. Daher griff ich meinen inzwischen leeren Teller und brachte ihn in die Küche zurück. Anschließend ging ich ins Bad und nahm eine lauwarme Dusche. Ja, ich gebe zu, ein Warmduscher zu sein, lauwarm ist für mich kalt. Ich weiß nicht, ob es die vermeintliche Kälte des Wassers oder die vorherige Diskussion war, aber diesmal konnte ich Erinnerungen an Martin Baumann aus meinem Geist verbannen.

Ich zog meinen Schlafanzug an und kroch auf meine Seite des großen Bettes. Ein paar Minuten später kam Britta nach. Auch sie nahm ihr Nachtoutfit an und kroch unter die Decke. Ich spürte, wie ihre Hand meinen Rücken entlang strich und sie langsam näher rückte.

»Bitte«, sagte ich, ein Zittern unterdrückend. »Ich habe keine Lust.«

»Wie, du hast keine Lust?«, sagte sie in einem Tonfall der zwischen beleidigt sein und ernsthaftem Erstaunen lag. »Du bist doch sonst kein Kind von Traurigkeit.«

»Ne, ernsthaft. Ich hatte viel Stress heute. Ich mag einfach nicht.«

»Ist was nicht in Ordnung?«, fragte sie mitfühlend.

»Alles in Ordnung«, log ich. »Ich bin einfach nur müde.«

Ich fand, dass ich mich wie ein Arschloch verhielt, aber ich konnte einfach nicht. Es kam mir irgendwie nicht richtig vor, jetzt mit ihr zu schlafen. Ob sie sehr beleidigt war, vermochte ich nicht zu sagen. Jedenfalls drehte sie sich auf ihre Seite und war kurze Zeit später auch wirklich eingeschlafen. Ich weiß nicht wie, aber auch ich schlief schließlich irgendwann ein, was mich von Gedanken an Martin und meinen Besuch bei ihm befreite.



KAPITEL IV
Am nächsten Morgen ging es mir sehr bescheiden. Britta war schon eine Stunde eher aufgestanden, um zu ihrem Frühdienst als Busfahrerin aufzubrechen. Ich sah auf die Uhr, die kurz nach sechs anzeigte und beschloss, dass mein Zeitkonto viel zu sehr im Plus war, und drehte mich noch mal um. Ich war viel zu müde, um über irgendetwas nachzudenken. Kurz nach acht wurde schließlich auch mein Verstand wach, wobei ich fand, dass er besser weitergeschlafen hätte.

Ich dachte natürlich an Martin Baumann, sein fesselndes Lächeln, die geilen roten Haare und diese blauen Augen mit ihrem unverwechselbaren Blick. Unbewusst bewegten sich meine Hände zu meinem morgens öfters steifen Glied und begannen, diese unverwechselbaren Bewegungen zu machen, die einem Freude versprachen.

Irgendwie fühlte ich mich in meine Teenagerzeit zurückversetzt. Gegenseitige Selbstbefriedigung hatten Kevin und ich es genannt, was wir drei Jahre sehr oft zusammen getan hatten, bis er schließlich nach der elften Klasse mit seinen Eltern nach Hamburg gezogen war und unsere Schule verließ. Anschließend musste ich oft an ihn und seine Berührungen denken, nun dachte ich dabei an Martin Baumann. Danach fühlte ich mich zwar irgendwie erleichtert, aber auch schuldig. Schnell räumte ich auf und machte mich fertig für den Tag.

Gegen zehn Uhr tauchte ich schließlich bei der Arbeit auf. Schon auf dem Weg zur Firma hatte ich mich mit der momentan bitteren Realität auseinander zu setzten. Nach einigen Überlegungen hatte ich mir vorgenommen, Martin Baumann während der Mittagspause zu besuchen. Es gelang mir wirklich, mich die zwei Stunden bis zur Mittagspause zu konzentrieren. Lahme Ente, mein zweiter Rechner, machte mich schließlich auf die Uhrzeit aufmerksam. Entgegen meinen Gewohnheiten hastete ich am Sozialraum vorbei in Richtung Ausgang.

»Na, wieder mal unterwegs zu den blauen Jungs?«, fragte eine Arbeitskollegin.

»Nein«, erwiderte ich grinsend. »Aber fast.«

Voller unbegreiflicher Vorfreude ließ ich meine Kollegin verwirrt stehen und hastete hinaus zum Parkplatz ins Auto. Der Weg zum Krankenhaus war bekanntermaßen kurz, und nur wenig Zeit später war ich auf dem Weg zu Martins Zimmer.

Es hatte mich einige Mühe gekostet, mich an der Rezeption vorbei zu reden, die mich dort wegen der Besuchszeiten nicht durchlassen wollten, aber reden konnte ich schon immer. Einige behaupten sogar, ich könnte anderen einen Knopf an die Backe labern - nun, ich empfand das nicht so, insbesondere nicht, wenn ich Daniel und Britta zusammen erlebte.

Auf dem Weg zu Martins Zimmer wurde ich jedoch wieder unschlüssig. Die nüchterne Krankenhausatmosphäre schien sich auf mein rationales Denkvermögen positiv auszuwirken. Jedenfalls schien es mir so, als meldete sich nach langer Zeit wieder meine Vernunft bei mir. Was wollte ich hier eigentlich? Ich kannte ihn kaum, konnte es aber nicht erwarten ihn wieder zu sehen. Ich fühlte mich von ihm gefesselt, wollte unbedingt in seiner Nähe sein, aber gleichzeitig fühlte ich mich auch abgestoßen. Hatte ich mich in Martin Baumann verliebt? Anstatt einer Antwort rutschte jedoch ein zweiter Gedanke gleich hinterher: War ich schwul? Dieses Wort nagte an mir, brannte sich ein, und meine Vorfreude schwand. Ich wurde plötzlich unsicher sehr unsicher. Wie gestern stand ich mit wild schlagendem Herzen vor der Tür zu Zimmer 705 und traute mich nicht zu klopfen. Erst als eine der Schwestern mich bemerkte, klopfte ich jedoch schnell an und trat ein.

Ich fand Martin und seinen Zimmergenossen, ein älterer Herr Mitte sechzig, in eine politische Diskussion über die nächste Bundestagswahl vertieft, die in einem sehr freundschaftlichen Ton geführt wurde. Tja, wenigstens schienen sie sich zu verstehen, dachte ich. Der ältere Herr nickte mir zu, was Martin dazu veranlasste, sich der Tür zuzuwenden.

»Hallo, Oliver«, rief er begeistert. »Setz dich.« Es ist toll, so begeistert begrüßt zu werden. Meine negativen Gedanken verschwanden im Nichts.

»Guten Tag zusammen«, erwiderte ich und setzte mich auf das Fußende von Martins Bett, von wo ich beide sehen konnte.

»Darf ich dir Herrn Zimmer vorstellen, mit dem ich mein Zimmer teile?« Martin und Zimmer lachten über das Wortspiel. »Herr Zimmer, das ist Oliver von der Feuerwehr.«

»Oliver Wegner«, stellte ich mich vor, ging herüber und reichte Herrn Zimmer zur Begrüßung die Hand.

»Konrad Zimmer«, erwiderte er. Ich ging wieder zu Martins Bett, während Zimmer sich aus seinem Bett wuchtete.

»Nun denn«, sagte er. »Ich gehe eine Rauchen.« Schnell waren Martin und ich allein.

»Habe ich ihn vertrieben?«, fragte ich ernsthaft besorgt.

»Nein«, versicherte Martin schnell. »Es tut mir leid, dass ich dich nicht ordentlich vorstellen konnte, aber ich kannte bis jetzt ja deinen Nachnamen nicht.«

»Ist schon gut. Vielleicht hätte ich mich ordentlich vorstellen sollen.« Unschlüssig blieb ich stehen.

»Na komm, setz dich«, lud er mich ein und klopfte auf sein Bett, während er ein bisschen rückte, um mir Platz zu machen. Ich setzte mich und musterte ihn unauffällig, so hoffte ich unnützerweise. Martin hatte meinen Blick bemerkt und sah mich frech grinsend an. Ich errötete.

»Wie ich sehe«, bemerkte ich schnell, »hast du dein Krankenhaushemd schnell über Bord geworfen.«

»Ja, das war auch ein schreckliches Teil. Vielen Dank noch mal für die Sachen.«

»Ist okay. Habe ich gern gemacht.«

»So viel wäre aber gar nicht nötig gewesen«, sagte er triumphierend grinsend. »Heute Abend werde ich entlassen. Alles halb so schlimm.«

»Soll ich dich nach Hause bringen?«, fragte ich plötzlich ohne nachzudenken.

»Das wäre nett«, strahlte er. Ich war glücklich, dass ich ihm helfen konnte. Ich versank wieder in seinen Augen, doch nicht nur darin, ich versuchte, jeden Winkel seines Gesichts gleichzeitig zu erfassen. Es war wie ein einem Traum, die Realität nahm ich nur noch am Rande war, denn ich hatte nur noch Augen für Martin. Langsam beugte ich mich näher zu ihm, und ich spürte, wie er meine Hand ergriff. Seine Berührung war wie ein Energieschub, der sich von meiner Hand aus in meinem Körper ausbreitete. Seine Berührung erregte mich, instinktiv beugte ich mich näher zu ihm, als plötzlich ein entsetzliches Quietschen und Pfeifen zu vernehmen war.

Mein Melder, den ich immer auf volle Lautstärke hatte, quengelte seine Alarmsequenz herunter, was mich schlagartig aufspringen ließ. Nach den quietschenden Tönen folgte die Alarmmeldung: »Hier Florian Siegburg vier. Alarm für den Löschzug eins. F2 MIG Wohnungsbrand Ambrosius-Brandt-Strasse.«

Im Hinauseilen rief ich Martin zu, dass ich versuchen würde, um 17:00 Uhr da zu sein. Ich rannte an Konrad Zimmer vorbei, als der Melder seine aus Quietsch- und Pfeiftönen bestehende Alarmsequenz und die Ansage wiederholte.

Kurze Zeit später war ich an der Wache, sprang wie die anderen in die Einsatzkleidung und eilte auf das Tanklöschfahrzeug. Der Alarm war echt, und wir fuhren zur Einsatzstelle. Obwohl auch diesmal das Horn fast ununterbrochen lief, konnte ich mich nicht richtig konzentrieren. Ich bekam gerade noch mit, dass Daniel und ich uns als Atemschutztrupp [die mit den Flaschen und der Maske auf dem Gesicht] ausrüsten sollten.

An der Einsatzstelle, einem fünfstöckigen Wohnhaus mit zehn Mietparteien, wurden wir jedoch nicht sofort eingesetzt, was meinen Adrenalinspiegel leicht absinken ließ. Wir waren der zweite Zug, der dorthin befohlen worden war, was bedeutete, dass einige andere Trupps bereits im Einsatz waren. Als wir in voller Ausrüstung wartend vor dem Fahrzeug standen, ließ ich die Szenerie im Krankenhaus noch einmal Revue passieren. Ich war drauf und dran gewesen, ihn zu küssen! Ich versuchte, meine Gefühle und Gedanken zu ordnen, bis mich jemand an der Schulter packte und herumriss.

»Bist du taub?«, fuhr Gerd mich an.

»Nein.«

»Dann setz dich in Bewegung.«

»Und was sollen wir tun?«

»Das was ich eben gesagt habe: öffnet die Fenster im Hausflur und auf dem Dachboden. Heute noch.« Gerd wandte sich ab und ging.

Saftsack, dachte ich und setzte mich mit Daniel in Bewegung, die gestellte Aufgabe auch ordnungsgemäß zu erfüllen. Ich glaubte einen kurzen Seitenblick von Daniel bemerkt zu haben. Zum Glück sagte er jedoch nichts. Wir öffneten die Fenster und konnten auch kurz danach die Ausrüstung wieder ablegen.

Der Einsatz dauerte noch etwa eine halbe Stunde, jemand hatte seine Wohnung verlassen, ohne den Herd abzustellen. Zu Schaden gekommen war körperlich niemand, doch der Sekundärschaden durch den Rauch war enorm. Der andere Zug würde mit einigen Lüftern versuchen, das Gebäude rauchfrei zu blasen. Wir, die Verstärkung für den vermeintlichen Wohnungsbrand, konnten schnell wieder einrücken.

Zurück auf der Wache knallte ich meine Einsatzkleidung in den Spind, holte mir meine Entschuldigung und fuhr zur Arbeit, wo ich das Dokument meinem Boss auf den Schreibtisch legte und mich in mein Büro verzog. Allerdings kam ich auch hier nicht zu viel. Der Beinahe-Kuss ließ mich nicht mehr los. Mein üblicher Trick, mit Arbeit Problemen aus dem Weg zu gehen, zog diesmal nicht. Ich konnte mich nicht auf meine Arbeit konzentrieren und sinnierte über Martin Baumann, mich und mein Leben. Manchmal verfluchte ich meine selbstanalytischen Fähigkeiten, so auch diesmal. Das Adjektiv schwul brannte sich in mein Hirn. Die Frage, um die sich wohl alles drehte, war die, was ich überhaupt wollte. Mein Problem lösen, war meine spontane Antwort. Also Frage eins: Liebe ich Martin Baumann wirklich? Antwort: ich denke die ganze Zeit an ihn, möchte in seiner Nähe sein, sehne mich nach seinen Berührungen, sehe ihn als nahezu perfekt an und wollte ihn gerade küssen, bevor mich die Feuerwehr gerettet/gestört hatte. Im Allgemeinen bezeichnet man das als ein sicheres Anzeichen für Liebe. Liebte ich wirklich einen Mann?

Ich dachte zurück an meinen Schulfreund Kevin, mit dem ich intim geworden war. War ich in Kevin verliebt gewesen? Nein, sicher nicht, oder vielleicht doch, wenigstens ein kleines bisschen? Als er weg war, hatte ich eine große Leere empfunden. Ja, einmal habe ich sogar geweint. Aber ist das nicht normal, wenn der beste Freund einfach so aus meinem Leben verschwindet? Es hatte mich sehr viel Kraft gekostet, seinen Weggang zu verkraften. In der Konsequenz hatte ich auch nie wieder jemanden so nah an mich herangelassen, um ihn als besten oder sehr guten Freund bezeichnen zu können.

Frage zwei: Liebe ich Britta? Antwort: ja, sicher, oder nicht? Irgendwie wurmte mich dieser Gedanke. Es war eine dumme Frage, um deren Beantwortung ich aber nicht herumkam. Ich kannte Britta seit meinem zwanzigsten Geburtstag und bin mit ihr seit etwa einem Jahr zusammen - meine bisher längste Beziehung, nein, meine bisher einzige richtige Beziehung. Kann man sich in zwei Personen gleichzeitig verlieben? Einige behaupteten das. Meistens handelte es sich dabei jedoch um Esoteriker oder Philosophen, zu denen ich ganz gewiss nicht gehöre.

War ich jetzt unfair, oder war es richtig, dass ich noch nie etwas so intensiv gefühlt hatte wie bei Martin? Oder war es der berühmte Helferkomplex, der einsetzte, als ich ihn mit seinem süßen Gesicht, den wuscheligen Harren mit der geilen Farbe und dem konsternierten Gesichtsausdruck in dem Wrack von Auto habe sitzen sehen?

Ich bemerkte nicht, wie die Zeit verflog, bis mich Scheißkiste [der Name ist Programm - viermal habe ich das Ding seit meinem Eintritt in die Firma schon neu konfigurieren müssen] an die anstehende Teambesprechung erinnerte. Effektiv gesehen hatte ich keine Lust, aber ein Nichterscheinen würde mein Boss nicht tolerieren. Nun ja, was tut man nicht alles für Geld, dachte ich und machte mich schwer genervt auf den Weg in den Konferenzraum. Soweit ich es mitbekam, ging es um nichts Wesentliches, außer dass die Besprechung um 16:45 Uhr beendet war und ich die letzten fünfzehn Minuten andauernd auf die Uhr gesehen hatte.



KAPITEL V
Ich musste mich sputen, um zur verabredeten Zeit am EVK zu sein. Wenn ich etwas hasste, dann Unzuverlässigkeit, die sich insbesondere in Unpünktlichkeit äußerte. Irgendwie schaffte ich es auch, halbwegs pünktlich zu sein. Man sprach nicht umsonst von dem berühmten »akademischen Viertel«, einem Ausdruck, den ich jedoch erst als Student verstanden hatte.

Martin hatte bereits seine Sachen gepackt und diskutierte wieder einmal mit Herrn Zimmer, der wohl auch darauf wartete, zu gehen, denn auch er stand neben seinem gepackten Koffer.

»Guten Tag zum zweiten«, unterbrach ich die beiden wie schon heute Mittag.

»Hi«, rief Martin enthusiastisch und humpelte einen Schritt auf mich zu, um mich zu umarmen. Perplex ließ ich es geschehen und genoss seine Nähe. Ich wollte ihn gerade an mich drücken, als mein Blick auf Konrad Zimmer fiel, und ich unterließ es. Martin ließ mich wieder los.

»Guten Tag zum zweiten«, lächelte Zimmer mich an, als Martin mich freigegeben hatte.

»Sie werden ebenfalls entlassen?«, fragte ich ihn.

»Ja, man will mich nun doch nicht hier behalten. Meine Frau holt mich gleich ab.«

»Herr Baumann?«, tönte die Stimme der Stationsschwester von der Tür her. »Könnten Sie mal kurz zum Stationszimmer kommen?«

»Ich komme«, rief Martin zurück und humpelte auf seinen Krücken aus dem Zimmer.

Ich setzte mich an den Tisch des Raumes, Konrad Zimmer folgte meinem Beispiel. Eine Stille entstand, die irgendwie keiner brechen wollte, bis Konrad Zimmer plötzlich sagte: »Verpassen Sie die Gelegenheit nicht. Er liebt Sie.«

»Was?«, war das Einzige, das ich herausbrachte. Ich war so perplex, dass ich nicht wusste, ob ich beleidigt, still sein oder ihm eine krasse Antwort zuwerfen sollte. Um ehrlich zu sein: Es fehlten mir einfach die Worte. Was dachte der Mann von mir?

»Woher ich das weiß? Nun«, sagte Zimmer verschwörerisch, »nach Ihrem ersten Besuch hat er nur von Ihnen gesprochen. Es war richtig schwierig für mich, ihn dazu zu bewegen, das Thema zu wechseln. Zum Glück interessiert er sich für Politik.«

»Äh«, war immer nur noch alles, was ich herausbekam. Ich fühlte mich gerade so wie jemand, der von seinen Eltern beim Wichsen erwischt worden war. Mein Kopf musste wohl so rot leuchten wie eine Ampel, jedenfalls spürte ich meinen Herzschlag sehr eindeutig. Mein Gesichtsausdruck muss dem wohl auch entsprochen haben, denn Zimmer lächelte mir aufmunternd zu.

»Ich habe selbst einen schwulen Sohn«, erklärte er. »Ich kann Ihnen nur sagen, dass Sie Martin viel bedeuten.«

»Wir kennen uns doch erst seit«, ich rechnete kurz nach, »seit gestern Mittag.« Es war keine meisterliche Argumentationsführung, doch ich musste einfach irgendetwas erwidern - es irgendwie leugnen.

»Was ist das für ein Grund? Liebe denkt nicht nach.« Er sagte dies sehr beherzt und mit viel Emotion und Ernsthaftigkeit. In der Art, wie er mit mir redete, kam er mir vor wie der liebe Großvater, an den man sich immer vertrauensvoll wenden konnte.

»Stört Sie das Schwulsein Ihres Sohnes nicht?«, stellte ich frech die Frage, die mir auf der Seele brannte.

»Meine Frau und ich haben uns natürlich Enkel gewünscht. Leider wird dieser Wunsch nie in Erfüllung gehen. Aber die Hauptsache ist doch, dass unser Sohn glücklich ist. Natürlich hatte ich zu Anfang Probleme damit. Ich bin in einer ganz anderen Zeit aufgewachsen als Sie.«

Ich war perplex. Bevor ich noch etwas sagen konnte, betrat eine ältere Dame den Raum, wohl Konrad Zimmers Frau und begrüßte uns. Nur kurze Zeit später humpelte auch Martin auf seinen Krücken hinein. Ich nahm seinen Koffer, Herr Zimmer den seinen, und wir vier verließen das Zimmer und die Station. In der Lobby des Krankenhauses trennten sich unsere Wege. Beim abschließenden Händeschütteln zwinkerte Konrad Zimmer mir verschwörerisch zu und lächelte mich aufmunternd an. »Auf Wiedersehen und viel Glück!«

Martin schien nichts bemerkt zu haben. Ich hatte jedoch das Gefühl, dass die Menschen in der Lobby nur alle so taten, als gingen sie ihren Dingen nach und nur hier waren, um uns zu beobachten. Ich wollte so schnell wie möglich dieses Haus verlassen, was mir plötzlich noch hässlicher und ungemütlicher vorkam, als seine Siebziger-Jahre-Architektur vermuten ließ. Als wir endlich im Auto saßen und losfuhren, war mir wesentlich wohler.



KAPITEL VI
Auf der Fahrt nach Siegburg hatten wir Gelegenheit, uns endlich etwas näher kennen zu lernen. Immerhin wussten wir praktisch nichts voneinander. Er studierte Chemie, trieb im Gegensatz zu mir viel Sport und war drei Jahre jünger als ich nun, das hatte ich schon gewusst, was er erstaunt zur Kenntnis nahm. Glücklicherweise verstanden wir uns auf Anhieb, hatten nahezu die gleichen Interessen, und ich empfand seine Gegenwart als einfach nur angenehm, so wie er wohl meine. Die Fahrt verging wie im Fluge. Wir holten uns etwas zu Essen bei seinem Stamm-Döner-Mann, noch eine Gemeinsamkeit von uns. Ich trug die kleine Sporttasche, die ich gerade gestern aus seiner Wohnung geholt hatte, wieder die Treppen hinauf.

Wir verstauten kurz die Sachen, um uns anschließend am Döner-Mahl gütlich zu tun. Ich war von ihm noch faszinierter als vorher und wollte einfach nur seine Nähe und das Beisammensein genießen. Es war, als hätte ich meinen lang vermissten Gegenpart endlich gefunden. Irgendwie hegte ich aber auch eine düstere Stimmung, denn ich hatte Angst davor, dass der verhinderte Kuss doch noch Realität werden könnte. Als wir das gekaufte Mahl beendet hatten, machte ich mich deshalb bereit zum Aufbruch.

»So«, sagte ich, als ich den Pappbehälter endgültig auf den Tisch stellte. »Langsam muss ich dich allein lassen.«

»Wieso?«, fragte Martin entsetzt. Er hatte wohl doch mein Bleiben voraus gesetzt. »Habe ich dir etwas getan?«

»Nein«, erwiderte ich ebenso entsetzt, »ganz gewiss nicht. Ich habe aber gleich noch einen Termin.«

»Um 18:30 Uhr Abends?«, fragte er ungläubig.

»Mein Chef ist fordernd«, sagte ich übertrieben und scherzhaft, was ein kleines Zucken seiner Mundwinkel provozierte. »Aber ernsthaft muss ich zur Feuerwehr.« Technisch gesehen war das schon irgendwie richtig, dennoch kam ich mir wegen der Lüge sehr schlecht vor.

»Ach so«, er schien sich zu entspannen.

»Warum?«, fragte ich spitzbübisch. Irgendwie konnte ich nicht widerstehen zu fragen: »Was hast du denn gedacht?«

»Nichts«, antwortete er. »Ich dachte nur, du wolltest noch etwas bleiben.«

»Das würde ich gerne«, sagte ich wahrheitsgemäß. Dennoch war mir bei seinen Worten der Schweiß ausgebrochen. »Doch das geht nicht. Es tut mir leid.«

»Das ist schade«, sagte er traurig, während er mich zur Tür begleitete. »Sehen wir uns wieder?«

»Natürlich!«, erwiderte ich entschlossen. Ich wollte ihn nicht verlieren, ihm momentan aber auch nicht zu nahe kommen. Oder wollte ich das doch? Wir standen uns im Flur gegenüber und blickten uns an. Es kam mir vor wie eine Ewigkeit. Wir kamen uns näher, ich spürte seinen Atem, sah ihn ganz nah, und wir umarmten uns. Ich wollte ihn nie wieder loslassen, unsere Wangen berührten sich. Ich strich durch sein kupferfarbenes Haar, schließlich kamen sich unsere Lippen immer näher, bis sie sich schließlich berührten.

Unsere Zungen trafen sich, spielten miteinander, und ich wollte ihn besitzen, greifen, fühlen und überall spüren. Ich ging vollends in unserem Kuss auf. Martin strich mit seiner Hand von meinem Rücken langsam zu meiner Brust und tiefer, an meine ausgebeulte Jeans.

»Bitte«, hauchte ich ihn mit dem ganzen Rest meiner verbliebenen Rationalität an. »Ich muss gehen.«

Widerwillig ließ er von mir ab, doch nicht ohne mich noch mal zu küssen. »Sehen wir uns morgen?«, fragte er sehnsüchtig.

»Ja«, konnte ich noch sagen, während ich mich durch die Wohnungstür zwängte. Ich lief aus dem Haus, Tränen in den Augen. Warum war das Leben so unfair? Hätte ich ihn nicht vor Britta kennen lernen können? Ja, ich liebe ihn, dessen war ich mir jetzt ganz sicher. Aber wie sollte es weiter gehen? Liebte ich ihn mit aller Konsequenz? Wieder hämmerte das Adjektiv schwul in meinem Kopf.

Es war alles so verwirrend, und was ich momentan nicht wollte, war Verwirrung. Ich fuhr zu Daniel, meinem Feuerwehrkameraden. Ich konnte Daniel nicht als meinen besten Freund bezeichnen, denn so jemanden hatte ich nicht. Daniel war ein guter Freund, mit dem ich hin und wieder Zeit verbrachte, soll heißen wir kifften uns die Birne zu. Wir hatten eigentlich immer viel Spaß miteinander, auch in der Feuerwehr, aber ich kann mich nicht daran erinnern, dass wir jemals ein ernstes persönliches Gespräch geführt hätten. Zum einen wollte ich das nicht, Daniel hat mal ein paar Ansätze in diese Richtung gemacht, jedenfalls hatte ich es so verstanden, was ich jedoch jedes Mal schnell abgeblockt hatte, und zum anderen erschien mir dieser Quasselkopf auch nicht vertraulich genug, um irgendetwas Persönliches über mich zu erfahren. Schließlich wollte ich nicht im ganzen Zug meine Schwankerl oder Probleme oder Taten diskutiert wissen.

Nachdem ich den Wagen zu Hause abgestellt hatte und die paar Meter zu ihm gelaufen war, klingelte ich bei ihm, um einen schönen Abend zu verbringen und um auf andere Gedanken zu kommen. Wenn Delta-9-Tetrahydrocannabinaol eine Wirkung hat, dann die, dass man sich nur schwerlich auf eine Sache konzentrieren kann. Mit Daniel, dieser Frohnatur, hatte ich gar keine Möglichkeit, auf trübsinnige Gedanken zu kommen. Wie üblich kamen wir aus dem Lachen kaum heraus. Als Daniel jedoch mit etwas zu Essen aus der Küche kam, stellte ich ihm eine Frage, die mich gerade beschäftigte: »Hast du das eigentlich ernst gemeint?«

»Häh?«, erwiderte er breit, von meinem unzusammenhängenden Themenwechsel verwirrt.

»Na, auf der Nachbesprechung vom VU gestern.«

»Was?«

Ich war genervt. Es war viel zu anstrengend, das zu erklären. »Na, du hast doch gesagt, dass der Fahrer ein Auge auf mich geworfen hat.«

»Ach das«.

»Ja, und?« Bei dem fiel der Groschen auch nur in Pfennigstücken.

»Und was?«

»Mensch, nerv nicht!«, sagte ich und bemerkte sein Grinsen. Er wollte mich nur veralbern. »Woran hast du das festgemacht?«, fragte ich.

»Oh man, Studierter. Rede nicht so geschwollen.«

»Ja, ja.«

»Nun«, sagte er langsam. »Ich stand Strahlrohr bei Fuß und konnte ihn deshalb gut beobachten.« Mir wurde übel. Wenn er als Brandwache uns beobachtet hatte ..., ich schwitzte. »Er hat dich mit einem Blick angesehen«, fuhr er fort, mich wie ein Raubtier anstarrend und langsam näher kommend, »dass man glauben konnte, er wolle dich auffressen. Grraorr.«

Wenn Delta-9-Tetrahydrocannabinol eine zweite Wirkung hat, dann die, Paranoia zu induzieren, und ich wich ängstlich ein Stück von Daniel ab. Gleichzeitig schaltete bei mir irgendetwas um, und ich wurde sauer.

»Dann erzähle das Britta nicht unbedingt«, sagte ich scharf und stürzte mich auf ihn, um ihn auszukitzeln, denn wenn Daniel etwas war, dann kitzelig. Sein nach Gnade flehendes Gewimmer ignorierte ich und ließ ihn leiden, denn Delta-9-Tetrahydrocannabinol verstärkt die Berührungsempfindungen. Erst als es mir selbst zu anstrengend wurde, ließ ich von ihm ab.

»Das«, ächzte er, während er nach Luft schnappte, »war unfair.«

»Nein«, erwiderte ich, zurück zum Sofa gehend. »Das war aktive Herstellung von Gerechtigkeit.«

»Hey, wenn der Typ auf Jungs steht, lass ihn doch«, keuchte Daniel.

»Lass ich doch. Ich fühle mich geschmeichelt.«

»Na, also.« Er stand auf. »Ich muss etwas trinken. Für dich auch was?«

Ich nickte kurz, und Daniel verschwand wieder in der Küche. Erstaunt dachte ich an seine Aussage, dass ihm das Schwulsein anderer wohl nicht viel ausmachte. Irgendwie passte das nicht so ganz zu der Person, für die ich ihn immer gehalten habe. Daniel ist augenscheinlich ein Party- und Mädchenheld, der alles mitnimmt, was ihm vor die Fänge kommt. Von einer solchen Person hätte ich niemals Toleranz gegenüber Schwulen erwartet.

Verwundert genoss ich den Rest des Abends, der mich mein Dilemma wirklich hat vergessen lassen. Auf dem Heimweg fing ich jedoch wieder an zu denken. Leider nahm dabei der paranoide Charakter meiner Einfälle zu. Jedenfalls war ich froh, dass Britta morgen wieder Frühdienst haben würde. Leise schlich ich in unsere dunkle Wohnung, zog mich um und kroch ins Bett, wo ich auch sehr schnell einschlief.



KAPITEL VII
Obwohl ich einen guten Schlaf hatte, hörte ich Britta am nächsten Morgen aufstehen und schließlich aus dem Haus gehen. Gewissensbisse und Gedanken quälten mich, bis ich endlich wieder einschlafen konnte. Soweit ich es mitbekam, hatte ich einen unruhigen Schlaf, und natürlich verschlief ich meinen Wecker, diesen allmorgendlichen Quälgeist. Irgendwann gegen Mittag wurde ich wach. Ich duschte schnell und machte, dass ich zur Arbeit kam.

Als ich unsere Räume betrat, traf ich auch direkt auf meinen Boss. Er sagte nichts, aber ein Blick von ihm genügte vollauf. Ich würde heute Abend sehr lange bleiben müssen, um meine drastische Verspätung aufzuholen. Da ich jetzt nicht auch Ärger auf der Arbeit gebrauchen konnte, arbeitete ich pflichtschuldig und sehr gewissenhaft durch bis etwa sieben Uhr. Ich bekam auch wirklich etwas geschafft, doch wie üblich störte mich wieder mein Handy. Manchmal bereute ich die Anschaffung dieses nervigen Gerätes.

»Wegner«, meldete ich mich halb seufzend.

»Hallo. Martin Baumann hier.«

Ich war erstaunt und erfreut zugleich. Seine Stimme zu hören bereitete mir Freude. Sofort waren meine An-die-Wand-werf-Gedanken, die ich für das kleine Telefon hegte, verflogen.

»Martin«, erwiderte ich. »Schön, dich zu hören. Ich danke dir für meine Rettung.«

»Rettung?«

»Nun, mein Pointer hat nicht den Wert, den er haben sollte.«

»Ah ja.«

»Ernsthaft! Ich verzweifle.«

»Tja«, sagte er verschwörerisch. »Dann solltest du Schluss machen.«

»Das würde ich gerne, aber momentan ist Arbeit angesagt.«

»Hm. Kann ich dich mit einem Abendessen überreden deine Arbeit ruhen zu lassen?«

»Hunger habe ich schon, aber echt keine Zeit.«

»Selbst gemacht«, hackte er nach.

»Ich«, setzte ich zu einer Absage an.

»Schon fast fertig«, drängte er.

»Martin«, setzte ich erneut an.

»Alleine schaffe ich das ganz bestimmt nicht«, sagte Martin bestimmt. »Du musst also herkommen und mir helfen.«

»Martin, das wird nicht ...«, setzte ich wieder einmal an.

»Also gut«, unterbrach er mich. »Bis gleich. Ich freu mich«, sagte er und legte auf.

Ich hatte keinen Satz der Ablehnung formulieren können. Normalerweise hasse ich es, wenn andere mich dazu bringen wollen, etwas zu tun, was meinen Plänen widerspricht, aber Martins wirklich in liebevollem Ton angebrachte Zwangseinladung konnte ich einfach nicht ignorieren. Vielleicht wollte ich das auch gar nicht. Momentan kam ich sowieso nicht weiter. Ich beschloss, dass eine kreative Pause eingelegt werden müsse und ob dieser liebevollen Dreistigkeit konnte ich nicht anders als meine beiden Rechner abzuschalten und die Arbeit ruhen zu lassen. Ich sah mich um und erkannte, dass ich sowieso der Einzige war, der noch arbeitete. Jedenfalls verließ ich kurze Zeit später das Gebäude meiner Firma, verabschiedete mich bei Richard dem Nachtwächter und ging in Richtung Parkplatz, wo mich mein Auto erwartete.

Ich fuhr voller Erwartung in Richtung Kreisstadt. Entgegen meiner Einschätzung war ich sogar pünktlich, denn ich schaffte es, gegen acht Uhr bei Martin zu klingeln. Kaum, dass der Summer mir die Tür öffnete, hastete ich wie ein kleines Kind, das sich auf Weihnachtsgeschenke freut, die Treppen hoch.

»Hi«, begrüßte mich Martin, der in der Tür stand, sobald er mich auf der Treppe erspähte.

Man erkannte sofort, dass er sich fein gemacht hatte. Er trug eine feine weiße Jeans und ein schwarzes Jeanshemd. Seine kupfernen Haare, im Mittelscheitel gekämmt, strahlten mich förmlich an. Dazu sein schönes, weiches Gesicht mit diesen Augen, die mir wie Tore in ein anderes Universum erschienen. »Hi«, erwiderte ich, zu gefesselt von seiner Erscheinung um mehr zu sagen.

Er ließ mich kaum eintreten, da umarmte er mich schon. Ich erwiderte seine Umarmung, die ich genoss.

»Schön, dass du hier bist«, sagte Martin schließlich.

»Einer so energisch vorgebrachten Einladung kann ich ja auch nicht widerstehen«, sagte ich halb tadelnd.

»Anders wärst du ja nicht gekommen.«

»Das ist wahrscheinlich.«

»Also«, sagte und machte eine einladende Geste. »Tritt ein und genieße ein selbstgemachtes Abendessen.«

Nachdem ich meine Jacke ausgezogen hatte, ging ich in sein Wohnzimmer, dessen Anblick mich glatt überraschte. Irgendwie schien meine sarkastische Ader vollkommen abgeschaltet zu sein. Normalerweise hätte ich den fertig gedeckten Tisch mit Kerzenschein und die leichte klassische Musik als kitschig abgetan. Ich hatte jedoch nur Augen für Martin, in seinen feinen Sachen und seine roten Haare, die bei jedem seiner Humpler leicht aufwippten. Gleichzeitig wurde ich mir der Unwürdigkeit meiner Bekleidung bewusst. Meine alte Bluejeans und mein altes kariertes Hemd konnten weder mit Martin noch mit diesem Tisch mithalten.

»Im Vergleich zu dir sehe ich recht unpassend aus.«

»Hm«, sagte er nach eingehender Musterung. »Die Klamotten gehen, der Typ, nun ja.« Er grinste wieder frech.

»Seppel«, neckte ich ihn.

»Setz dich, sonst gibt es nichts zu essen.« Er verschwand in der Küche.

»Was? Soll ich den ganzen Weg umsonst gefahren sein?« Ich setzte mich an den der Küche zugewandten Platz, von dem aus ich ihn bzw. seinen Schatten sehen konnte. Schließlich verließ er die Küche mit einem dampfenden Topf, den er zwischen uns auf den Tisch stellte.

»Was gibt es denn Leckeres?«, fragte ich und reckte meinen Hals in Richtung Topf.

»Bariumsulfataggregate in Schwefelsäuresuppe«, erwiderte Martin und öffnete den Topf, um etwas auf den Teller zu geben, den ich ihm hinreichte.

»Was?«, fragte ich erstaunt, da er dies mit voller Ernsthaftigkeit vorgebracht hatte.

Er grinste mich an, dieser Spitzbube. »Hast du etwas gegen Schwefelsäure?«

»Hm, Natronlauge«, rief ich mir mein seit dem Chemie-Leistungskurs im Abitur in den tiefsten Tiefen meines Bewusstseins vergrabenes Grundwissen ins Gedächtnis.

»Na schön«, meinte Martin gespielt beleidigt. »Aber meine Bariumsulfataggregate löst du trotzdem nicht auf!« Mit diesen Worten nahm er die Kelle und gab ein Stück seines Käse-Kartoffelauflaufs auf meinen Teller, den ich immer noch hinhielt.

»Ah, Bariumsulfataggregate.«

»Yep. Lass es dir schmecken.«

Auch Martin nahm sich aus dem Topf, und die ersten Minuten und testenden Bissen sprach niemand ein Wort. Es war eine angenehme Stille. Zwischen einzelnen Bissen blickten wir uns gelegentlich verstohlen an, bis Martin mir irgendwann frech zuzwinkerte, was einen Lachanfall bei mir auslöste. Ja, ich liebte diesen kleinen Spitzbuben wirklich. Wir sprachen über alles Mögliche und setzten so das gestrige Gespräch fort, als wären wir nie für den Tag getrennt gewesen. Sein Mahl war verspeist, die Kerzen auf ein Viertel herunter gebrannt und trotzdem fanden wir quasi kein Ende. Doch als ob es uns beiden klar war, dass jetzt eine wichtige Sache besprochen werden müsste, schwiegen wir beide.

Ich ergriff mein Glas, nahm einen Schluck und stellte es wieder an seinen Platz. Als ich meine Hand zurückziehen wollte, ergriff Martin sie. Er sah mich an, als sei er meiner Reaktion nicht sicher und sagte ernst: »Oliver, ich liebe dich.«

Freude, Trauer und Wut trieben mir wieder die Tränen in die Augen, die ich jedoch erfolgreich unterdrückte. Mein Gesichtsausdruck schien sich nicht verändert zu haben, obwohl ich mir dessen wirklich nicht sicher war, aber Martin blickte mich immer noch ernst an. Ich glaubte, ich hatte in meinem ganzen Leben noch nie so viel geheult oder heulen wollen, wie in jenen Tagen.

Ich schluckte bevor ich antwortete. »Ich liebe dich auch«, erwiderte ich und drückte seine Hand fester. Es war endlich raus, und ich fühlte mich besser. Martin ging es sichtlich ebenso, er strahlte mich an. Dies schien irgendetwas in mir zu lösen. Sehr ungewöhnlich für mich, ergriff ich die Initiative und stand auf, um zu ihm herüber zu gehen, immer noch seine Hand haltend. Er stand begierig auf und sah mich erwartungsvoll an. Ich hatte nur noch Augen für ihn und küsste ihn leidenschaftlich und lang. Wir lagen uns in den Armen, die Reste des Essens auf dem Tisch und alles um uns vergessend.

Diesmal hinderte ich ihn nicht. Küssend und ineinander verschlungen dirigierte er mich in Richtung Schlafzimmer. Auf dem Weg dorthin befreiten wir uns irgendwie von unseren Hemden und T-Shirts. Vorsichtig, fast verstohlen erkundeten wir den Körper des jeweils anderen. Bevor wir uns auf sein Bett fallen ließen, entledigten wir uns gegenseitig der restlichen Kleidungsstücke. Endlich konnten wir uns in unserer Ganzheit spüren, berühren und schmecken - ich hätte ihn auffressen können. Wir sprachen nicht, sondern verstanden uns ohne Worte, und genossen uns nur bis wir beide schließlich kamen.

Eng umschlungen lagen wir auf seinem Bett. Ich konnte ihn einfach nicht loslassen. Ich weiß nicht, wie viel Zeit wir so verbracht haben, doch irgendwann hörte ich aus dem Wohnzimmer mein Handy klingeln. Ich konnte mir denken, wer es war. Ich fühlte mich plötzlich sehr schuldig. Leise stiegen mir wieder Tränen in die Augen, zum Glück konnte Martin sie nicht sehen.

»Musst du wieder gehen?«, fragte Martin enttäuscht.

»Noch nicht«, erwiderte ich mit erstaunlich fester Stimme und kuschelte mich noch näher an ihn, falls das überhaupt möglich war. »Ignoriere es einfach.«

Das war jedoch nicht lange möglich, da Britta alle paar Minuten anrief und es Dauerklingeln ließ. Ich seufzte. Die Freude, ja gar Erfüllung, die ich mit Martin verspürte, verflog. Auf mir lastete ein Komplex aus Schuld, Feigheit und Egoismus.

»Martin, ich muss gehen.« Langsam erhob ich mich, doch Martin blieb liegen.

»Hast du einen anderen?«, fragte er plötzlich, ohne mich anzusehen.

Die Frage schockierte mich. Formal gesehen log ich nicht, als ich schnell antwortete: »Nein!« Ich spürte, wie mein Komplex an Gewicht zunahm. Ich ging zu ihm herüber, kniete mich vor sein Bett und sah ihm in die Augen. »Martin, ich liebe dich. Doch ich habe da ein Problem, mit dem ich dich nicht belasten möchte und kann. Es wird sich lösen, irgendwie, aber setz mich bitte nicht unter Druck. Vielleicht verlange ich gerade viel von dir, aber bitte vertrau mir.«

Ich weiß nicht, ob er darüber nachdenken musste, er ließ sich mit der Antwort jedoch Zeit. Mir war, als blickten seine kristallblauen Augen direkt in mein tiefstes Inneres. Schließlich sagte er: »Ich liebe dich, und ich vertraue dir.«

»Danke«, erwiderte ich ernst und gab ihm einen Kuss bevor ich aufstand, um meine Kleidungsstücke aufzusammeln und mich anzuziehen. Währenddessen stand auch er auf und zog sich seine Hose wieder an. Nachdem ich wieder alles beisammenhatte, wandte ich mich zur Tür. Martin begleitete mich.

»Sehen wir uns morgen?«, fragte er.

»Das kann ich dir nicht versprechen. Ich muss einiges klären. Außerdem muss ich arbeiten.«

»Ach so.«

»Ich melde mich. Bis dann.«

»Ja, tschüss.«

Ich ging, aber seine Enttäuschung war deutlich zu spüren gewesen. Ich konnte nicht anders und lief die Treppe wieder hoch, um bei ihm zu schellen. Als er aufmachte, griff ich ihn mir in einer engen Umarmung. »Bitte«, sagte ich unter Tränen, »denke nichts Schlechtes von mir. Wir sehen uns sobald ich kann. Martin, ich liebe dich.«

Er schien beruhigt, als er mir antwortete: »Oliver, ich vertraue dir.«

Ich ließ ihn los, aber wir konnten unsere Blicke nicht voneinander lösen, als ich die Treppe hinunterging. »Ich rufe dich an«, versicherte ich ihm, bevor ich ihn nicht mehr sah.



KAPITEL VIII
Während der Rückfahrt fing ich wieder an intensiv nachzudenken, was mir allmählich ziemlich auf die Nerven ging. So ein Theater hatte ich doch noch nie durchmachen müssen. Dass es so jedoch nicht weitergehen konnte, war eindeutig. Das hatten weder Britta, noch Martin, noch ich selbst verdient. Martin gab mir eine Erfüllung, die ich bisher noch nie gespürt hatte. Oder war es der Reiz des Unbekannten? Stand ich nun auf Männer, oder nicht? Nun, auf Martin stand ich jedenfalls sehr. Sein steifes Glied zu berühren, ihm Freude zu bereiten, hat mir gefallen. War es mit Kevin damals anders gewesen? Nun, wir hatten uns nie geküsst, aber fast jeden Tag gegenseitig zum Orgasmus gebracht. Ja, ich hatte ihn nach seinem Wegzug sehr vermisst, oder waren es nur seine Berührungen gewesen? Nein, wohl ihn selber, denn schließlich hatte ich nicht nur beim Wichsen an ihn gedacht. War ich in Kevin verliebt gewesen? Wenn ich jetzt so darüber nachdachte, würde ich das wohl mit einem zaghaften Ja beantworten. Was aber war mit Janine, Sonja und Britta?

Janine hatte mich verführt, keine Frage. Sylvester, Joints, Alkohol und das vermisste Gefühl der Nähe waren ein Cocktail, dem ich nicht viel entgegensetzen konnte. Hatte ich wohl auch überhaupt nicht gewollt. Endlich hatte auch ich die magische Grenze zum Mann überschritten, und Janine hatte es genau wie mir gefallen. Danach haben wir es noch ein paar Mal gemacht, aber zusammen waren wir nie. Jedenfalls nicht so, wie ich mir Zusammensein vorgestellt hatte. Sonja war meine erste richtige Freundin gewesen. Über dieses Kapitel wollte ich jedoch nicht näher nachdenken, da sie mich eine gewisse Zeit lang betrogen hatte und schließlich mit ihrem neuen Lover abgezogen war. Da ich also genau wusste, wie man sich fühlt, wenn man betrogen wird, fühlte ich mich elend. Die Frage, ob ich es Britta sagen sollte, hatte sich soeben positiv beantwortet.

Die Rückfahrt ging schneller vorüber, als mir lieb war, denn als ich meinen Wagen verließ, hatte ich keinen blassen Schimmer, wie ich es Britta sagen würde. Oder sollte ich es ihr überhaupt sagen und mich einfach von ihr trennen? Martin, Britta Britta, Martin Chaos, ich wusste es nicht. Ich quälte mich die Stufen hinauf. Entsetzt stellte ich fest, dass es kurz nach Mitternacht war. Ich öffnete die Wohnungstür und fand Britta natürlich wutentbrannt vor.

»Wo warst du?«, fuhr sie mich an, kaum dass ich das Wohnzimmer betreten hatte.

»Ich«, stammelte ich.

»Wieso kommst du erst jetzt?« Sie lief im Wohnzimmer auf und ab. »Erzähle mir nicht, dass du bei der Arbeit warst. Da warst du nämlich nicht.«

»Ich«, setzte ich erneut an. Warum ließ mich eigentlich nie jemand ausreden?

»Was glaubst du eigentlich, was ich hier tue? Ich sitze hier jetzt sei drei Abenden ohne zu wissen, wo du bist. Ohne Anruf, ohne Nachricht.«

Ein vertrautes Quietschen und Pfeifen ertönte von meinem Melder an meinem Gürtel, als er seine Alarmsequenz abspielte und Britta unterbrach, bevor sie richtig in Fahrt gekommen war.

»Hier Florian Siegburg vier. Alarm für den Löschzug eins. F2M Brandmeldeanlage Firma Probst.«

Normalerweise hasste ich Brandmeldeanlagen, insbesondere diejenigen, die nie gewartet wurden und dauernd Fehlalarme produzierten. Diesmal war ich der Firma Probst jedoch wirklich dankbar, dass sie an der Wartung ihrer Anlage sparten. Ich rannte los, eher wie auf der Flucht als auf dem Weg zum Einsatz. Die Wiederholung des Alarms und der Durchsage hallte durch das nächtliche Treppenhaus, was mir diesmal jedoch herzlich egal war. Ich rannte, als sei der Teufel hinter mir her. Ich war der Zweite am Gerätehaus und spulte das Umziehen ab wie eines meiner Programme. Mit einigen anderen, unter anderem Daniel, besetzte ich wieder das Tanklöschfahrzeug, mit welchem wir dann zur Firma Probst fuhren. Der Rest des Zuges folgte mit den anderen Fahrzeugen.

Erwartet hatten wir das Übliche: nichts, ein weiter Fehlalarm in der Kaskade der Fehlalarme der Firma Probst. Diesmal roch es jedoch nach Rauch, als wir ankamen, zu sehen war jedoch nichts. Wieder sollten ein Kamerad und ich als Atemschutztrupp hineingehen, diesmal zur Erkundung der Lage. Mein Truppmann und ich fanden hinter ein paar Kisten ein Paar Arbeiter der Nachtschicht, die sich in der lauen Sommernacht ein paar Würstchen hatten grillen wollen, jedoch in der Halle, was den Rauchmeldern natürlich nicht gefallen hatte. Kopfschüttelnd rief ich Gerd per Funk. Gerd kam richtig wütend in die Halle und stapfte an uns vorbei, um erst bei den drei Männern und ihrem herbeigerufenen Vorgesetzten anzuhalten. Er hielt ihnen eine ordentliche Standpauke. Mein Kamerad und ich grinsten unter unseren Masken, und ich rechnete, dass es für die Drei wohl die teuersten Würstchen ihres Lebens werden würden: neunzehn Mann, drei Fahrzeuge, die draußen schon aufgebauten Geräte - vielleicht bekamen sie Mengenrabatt. Als Gerd fertig mit ihnen war, sammelte er uns ein, und wir verließen die Halle, um uns am Tanklöschfahrzeug abzurüsten. Ich nahm meinem Helm ab, und Gerd explodierte wieder.

»Oliver, wo ist deine Sturmhaube?«

Ja, ich hatte sie vergessen, die Schutzhaube, die man trug, um den Rest des Kopfes und des Halses vor möglichen Flammen und der Hitze zu schützen.

»Äh«, war wieder einmal alles, was ich sagen konnte. Diese ganze Geschichte ließ mich viel zu oft sprachlos dastehen und brachte mir viel Ärger ein. Gerd hielt jetzt mir eine Standpauke, die sich gewaschen hatte, ich hörte nur halb zu. Jetzt auch noch Ärger hier, es wurde mir allmählich zu viel.

»Ja, ist ja jetzt gut«, fuhr ich Gerd an. Eine eisige Stille entstand. Meine Kameraden hielten inne. Dass jemand Gerd angefahren hatte, war noch nicht passiert. Es war mir irgendwie egal, und ich packte das Atemschutzgerät zurück in die Sitzhalterung. Gerd sagte auch nichts mehr und ging zu seinem Fahrzeug. Wir fuhren zurück zum Gerätehaus.

Nachdem die Fahrzeuge in den Hallen waren, brachte jeder seine Sachen zu den Spinden. Gerd kam zu den Mannschaftsspinden und rief mich zu sich: »Oliver, in mein Büro.« Die anderen hielten inne, machten mir Platz, aber sagten nichts, blickten mich nicht einmal an. Ja, Gerd regierte wie ein König mit eiserner Faust, und ich schien gerade in extreme Ungnade gefallen zu sein.

KAPITEL IX
Gerd saß hinter dem Schreibtisch in seinem kleinen Kabuff, welches sein mit Akten und Büchern überfülltes Büro darstellte. Ich setzte mich wie ein Angeklagter auf den Stuhl vor den kleinen Schreibtisch. Gerd lehnte sich zurück und sah mich kurz an. Ich bereitete mich auf den Sturm vor, der kommen würde.

»Oliver«, begann Gerd ruhig, »was ist los mit dir?« Ich glaubte, meinen Ohren nicht zu trauen, denn so hatte ich Gerd noch nie erlebt, geschweige denn so eine Reaktion erwartet. »Du träumst in der Gegend herum, vergisst elementare Dinge, bist kaum ansprechbar, aggressiv und sagst kaum noch etwas. Nach dem Essensbrand letztens bist du ohne etwas zu sagen noch vor der Einsatznachbesprechung verschwunden. Sogar Daniel meint, dass du ihn einfach hast stehen lassen.«

»Echt?«, fragte ich ernsthaft erstaunt. Ich konnte mich nicht daran erinnern, dass Daniel mich angesprochen hatte, ich hatte eine Art Tunnelblick gehabt. Er selbst hatte es gestern nicht mehr erwähnt. Die obligatorische Einsatznachbesprechung hatte ich bewusst ignoriert, sagte es jedoch nicht.

»Ja, echt. Das ist kein Verhalten.«

»Ich weiß.«

»Und nun?«

Gerds Frage traf genau mein Dilemma und ließ meine mühsam aufrechterhaltene Selbstbeherrschung endgültig zusammenbrechen. »Ich weiß es nicht«, schluchzte ich und fing an zu weinen. Mir war einfach alles egal, es musste raus. Gerd kam um den Tisch herum, zog einen weiteren Stuhl heran, auf den er sich setzte. Er nahm mich in den Arm und ließ mich einfach heulen. Normalerweise war ich der perfekte Oliver, der immer funktionierte und da war, wenn man ihn brauchte. Die Situation war mir irgendwie peinlich, aber darum gab ich jetzt nichts. Er hielt mich einfach nur fest und ließ mich langsam zu Ruhe kommen. Als ich wieder ordentlich sprechen konnte, erzählte ich ihm alles bis auf die intimen Details. Es musste einfach raus, ich musste es einfach jemanden erzählen. Normalerweise hielt ich Arbeit, Feuerwehr und Privatleben strikt voneinander getrennt. Gerd war jetzt zufällig da, und ich laberte ihn voll mit meinem Seelenmüll. Er hörte mir einfach nur zu, sagte nichts und das war angenehm so.

Als ich geendet hatte, stand er auf und holte zwei Pinnchen sowie eine Flasche russischen Wodkas aus seinem geheimen Vorrat, den trotzdem jeder kannte. Wortlos schüttete er uns ein. Ich trank gleich zwei auf einmal.

»Das ist eine Geschichte«, sagte er einfach nur und setzte sich wieder hinter seinen Schreibtisch. »Du musst es Britta auf jeden Fall sagen.«

»Ich traue mich nicht.«

»Das ist verständlich, aber unfair.«

»Ich weiß.«

»Je länger du es heraus schiebst, desto schwieriger wird es.«

»Ich weiß.«

»Ich komme gleich wieder«, sagte er und schütte mir noch einen Wodka ein, bevor er das Büro verließ. Ich empfand eine wohltuende Leere. Ob sie vom Alkohol oder der Tatsache, dass ich mich Gerd anvertraut hatte, hervorgerufen wurde, vermochte ich nicht zu sagen. Ich wusste auch nicht, wie viel Zeit vergangen war, bis Gerd schließlich wiederkam.

»Und?«, fragte er. »Wie geht es dir?«

»Indifferent.«

Er stand eine Weile in der Tür, bis er schließlich sagte: »Komm, es wird immer später. Ich bringe dich nach Hause.«

Wie ein getretener Hund trotte ich hinter ihm her. Erst jetzt fiel mir auf, dass die anderen alle schon gegangen waren. Gerd verschloss die Wache, und wir verließen in seinem noblen BMW den Hof. Kurze Zeit später hielt er vor meiner Haustür.

»Sag es ihr, Oliver.«

»Nicht jetzt.«

»Junge, je länger du wartest, desto schlimmer wird es. Liebst du Martin Baumann wirklich?«

Diese Frage ausgerechnet von Gerd zu hören, entsetzte mich. Erst jetzt wurde mir klar, was ich ihm da erzählt hatte. Doch Gerd erwartete eine Antwort, und ich brachte ein zaghaftes »Ich denke schon.« hervor.

Er nickte ernst. »Viel Glück.«

Ich stieg aus und sah ihn davonfahren. Inzwischen war es so gegen ein Uhr und bei mir/uns brannte noch immer Licht. Es schien, als ob sich die Stufen in den dritten Stock wieder endlos hinzögen. Vor der Wohnungstür holte ich nochmals tief Luft, bevor ich sie öffnete. Britta erwartete mich natürlich. Ich entschloss mich, direkt ins Wohnzimmer zu gehen, wobei mir auch auffiel, dass ich meine Sachen in der Wache gelassen hatte und noch immer meine Feuerwehruniform trug. Ich betrat das Wohnzimmer, wo Britta auf der Couch saß und gerade ansetzte, etwas zu sagen. Ich ließ sie gar nicht zu Wort kommen.

»Britta«, stieß ich hervor, »ich habe mich verliebt.«

Sie sagte eine Zeit nichts. »Kenne ich sie?«

»Es ist nicht so, wie du denkst.«

»Nein«, fauchte sie mich an. »Ist es nicht? Bist die letzten Abende bei ihr gewesen, oder?«

»Ja und nein«, setzte ich an.

»Scheißkerl«, sagte sie, setzte sich und fing an zu schluchzen.

»Britta, ich kann nichts dazu. Es ist einfach passiert.«

»Kenne ich sie?«

»Nein.«

»Lüg mich nicht an«, kreischte sie.

»Britta«, sagte ich seufzend. »Sie ist ein Er und heißt Martin.«

Es war raus, meine Welt war soeben zusammengebrochen und ihre wahrscheinlich auch. Sie sagte nichts. Sie stand auf, kam auf mich zu und scheuerte mir eine. »Du perverse Sau!«

»Britta, ich..«

»Rühr mich nicht an, du Perverser!«, kreischte sie mich an und wich einige Schritte zurück. Sie griff nach der Tasse hinter ihr auf dem Tisch. »Raus!«, kreischte sie und warf die Tasse nach mir. Ich wich aus, und die Tasse aus dem letzten Urlaub zerschellte an der Wand.

»Raus«, sagte sie wieder, ruhiger diesmal. »Du ekelst mich an.«

Ich ging. Die Treppen, deren Aufstieg mich vorhin so viel Kraft gekostet hatte, schlich ich leise hinunter. Ich fühlte mich elend und doch erleichtert zugleich. Es war gesagt. Die Wahrheit war raus.

Ich fuhr zurück in die Kreisstadt zu Martin Baumann. Ich musste ihn wohl wach klingeln, da es etwas dauerte, bis er mir aufmachte. Ich hastete die Treppen hoch zu seiner Wohnung, wo mich ein verschlafener Rotschopf, nur in Boxershorts bekleidet, ungläubig ansah.

»Oliver«, sagte er nur erstaunt.

»Kann ich reinkommen?«

»Ja, sicher.« Er machte mir Platz und ließ mich ein. »Was ist denn passiert?«, fragte er mit einem Blick auf meine Feuerwehrsachen.

»Martin, kann ich hier bleiben?«

»Ja, sicher«, erwiderte er begeistert.

Er half mir aus meinen Sachen, ich war todmüde. Das Gefühlschaos der letzten Tage forderte seinen Tribut, was ich bisher nie so erlebt hatte. Trotz der Umstände war ich glücklich hier zu sein und Martin zu sehen, wie er mir besorgt einen Tee servierte. Schließlich legte ich mich in sein Bett und verlor mich in dem Kuss, den er mir gab. Ich umarmte ihn und wollte ihn nicht mehr loslassen.

»Du erwürgst mich ja«, sagte er. »Ich muss die Tasse wegbringen.«

»Lass die Tasse«, erwiderte ich und zog ihn ins Bett. Ich kuschelte mich eng an ihn, und wir lagen eng umschlungen da. Ich war glücklich, ihn zu spüren und zu halten. Schließlich erzählte ich ihm alles. Martin hörte ruhig zu, bis ich geendet hatte. Schließlich sagte er nur: »Danke.«

»Wofür?«, fragte ich ernsthaft erstaunt.

»Ich danke allem, dem man danken muss, dass du dich für mich entschieden hast. Ich liebe dich.«

»Ich liebe dich seit ich dich zum ersten Mal sah«, sagte ich und küsste ihn.

Arm in Arm schliefen wir ein.

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