Coming Out Stories

Schwule Geschichten von Jungs für Jungs. Erzählt eure Coming-Out Story und gebt hilfreiche Tips.

Im Urlaub verliebte ich mich

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Bin ich schwul oder nicht? Wie fassen es meine Eltern auf? Werde ich dadurch persönlich Nachteile haben, wenn ich mich oute? Alle diese Fragen gingen mir in den letzten Tagen durch den Kopf, doch jetzt ist Schluss mit diesen quälenden Fragen. Fangen wir doch mal am Anfang an.

Ich war 2008 mit einer Jugendreisegruppe nach Malgrat de Mar gefahren. Bis dahin habe ich nie gedacht, dass dieser Urlaub mein Leben verändern wird. Wir stiegen in der Nachbarstadt Hagen(Westfalen) ein und fuhren von dort nach Richtung Süden. Am Hotel angekommen wurde uns das Zimmer zugeteilt. Da ich alleine Unterwegs war und ich ein Doppelzimmer gebucht hatte, habe ich noch einen Jungen in mein Zimmer dazu bekommen. Er war älter als ich und wir verstanden uns echt super. Der erste Tag war einfach nur zum kennenlernen der Teamer und der Mitreisenden da. Am ersten Tag ist mir der süße Junge erst gar nicht aufgefallen. Wir machten Spiele, um uns kennenzulernen und dann ging es für mich auch schon ins Bett, da die Fahrt ziemlich anstrengend war. Am nächsten Morgen saß ich im großen Speisesaal des Hotels und dort fiel mir auch schon der gut aussehende Junge auf. Er hatte längere Haare und war mit ein paar Kollegen von ihm unterwegs. Da er auch mit demselben Reiseunternehmen unterwegs war wie ich, dachte ich mir, du wirst ihn noch des öfteren sehen. Die nächsten Tage vergingen und ich sah Patrick (so hieß er) jeden Tag beim Meeting. Ich wurde immer verwirrter, was war da bloß los mit mir? Kaum in Spanien angekommen war auch schon die Reise wieder vorbei und es ging in Richtung Heimat. Während der Fahrt lies ich noch mal die ganze Reise auf mich wirken, doch alles was ich noch merkte war, dass ich Patrick nicht mehr wieder sehen würde, da er noch eine Woche länger in Spanien blieb. Verwirrt kam ich in Hagen wieder an und erzählte meinen Eltern alles, wie schön doch Spanien sei etc. Einen Tag wieder in der Heimat kehrte der Alltag ein. Fast!!! Es ist irgendwas in mir, was mir sehr komisch vorkommt. Da war die Frage wieder: Warum hat Patrick es mir so angetan??? Ich unterdrückte diese Frage und versuchte, mich wieder auf die Arbeit zu konzentrieren. Mir kam langsam die Frage auf: Bist du eigentlich schwul, oder wieso schaust du anderen Boys hinterher?

Ich machte mir immer mehr Gedanken über dieses Thema. Da war es dann auch schon Silvester 2008. Ich dachte mir, mit Silvester wird alles wieder gut und du wirst den Mädels wieder verfallen. Doch dieser Gedanke wird sich als falsch erweisen. Ich dachte mir, dass muss ja irgendwie erklärbar sein, wieso ich Jungs hinterher schaue. Ich suchte nach Antworten im Internet und fand da die Seite dbna, GayUnion etc. Ich meldete mich einfach mal an und sofort lernte ich nette Leute kennen, die alle diese "Probleme" kannten und dann wurde wieder die Frage in mir geweckt: Bin ich schwul? Das war wie ein herber Schlag ins Gesicht für mich. Ich war mir einfach nur noch unsicher, wie es weiter gehen sollte. Nach cica drei Monaten habe ich mich mit einem aus den zahlreichen Gaycommunitys verabredet. Er sah super aus und meine Eltern waren in den Urlaub verreist. Also hieß dieses: "Sturmfrei". Zum verabredeten Zeitpunkt war ich am Hauptbahnhof, doch er kam nicht mit der verabredeten Bahn. Deprimiert fuhr ich nach Hause.

Mitte Juli ging es dann in den Urlaub. Es ging mit demselben Reiseveranstalter nach Skagersbrunn (Schweden), mit dem ich auch in Spanien gewesen war. Dort angekommen, wurden wir von den Teamern herzlichst begrüßt und wir bekamen direkt unsere Zimmer zugewiesen. Da ich mit meinem besten Freund unterwegs war, war die Frage des Zimmernachbarn schon geregelt. Eines Tages war am Abend Disco und ich bin mit meinem besten Freund dort hingegangen. Allerdings war sie, wie wir schnell merkten, nicht für unsere Altersrichtung. Doch da wir einfach aus dem Zimmer wollten, blieben wir dort. Nach einiger Zeit bekam ich mit, wie zwei 16 Jährige lauthals über Schwule lästerten und sie als asozial und pervers darstellten. Das hat mich tief getroffen und ich bin schnell hinaus gerannt, an den See. Das bekam ein Teamer mit und kam auch zum See. Dort erzählte ich ihm die Geschichte und er sagte ganz trocken zu mir. Du, weißt du was, ich bin auch schwul und mir gehen solche Kinder richtig gegen den Strich. Da er genau wusste wer das war, hatte er am nächsten Tag mit diesen geredet und sie mussten sich bei mir entschuldigen. Nach diesem Gespräch outeten sich immer mehr Teamer bei mir (ich kam als Ältester mit denen super gut klar). Alle bestärkten mich, dass ich mich bei meinen Eltern outen soll und das danach auch alles einfacher ist. Ich dachte mir nur, wenn ihr wisst wie schwer das wird.

Nachdem der Urlaub auch wie im Fluge vergangen war, war mir klar: Du bist schwul und jetzt hast du ein Problem. Wie genau dieses Problem aussieht, war mir auch klar. Wie sage ich es meinen Eltern?! Als der Sommer langsam "Auf Wiedersehen" sagte, wurde ich von Tag zu Tag depressiver und schließlich merkte ein guter Freund (mein Hausarzt) von mir, dass was los ist und er fragte, was denn los sei. Da ich ihm das nur halb anvertraut habe, da ich ihm einfach nicht alles erzählen wollte, da er ja auch ein Freund ist, hat er mir eine Überweisung zu einem Psychotherapeuten ausgestellt, damit ich mal mit dem über die Probleme reden kann. Ich legte zu Hause die Überweisung unter meine Schreibtischmappe und dort verblieb diese dann auch. Als ich nach meiner Schicht am Notruftelefon nach Hause fuhr und die Tür zu meinem Zimmer öffnete, sah ich, dass die Überweisung mit einem PostIt auf meinem Schreibtisch lag. Auf dem PostIt war ein großes Fragezeichen geschrieben. Ich fragte sofort meine Mama, was das denn solle und was es sie angehen würde. Sie fragte direkt als Gegenfrage, wofür ich diese Überweisung brauche. Ich wollte keine Gründe nennen und bin in mein Zimmer gegangen. Sauer über diese Handlung meiner Mutter bin ich dann weinend eingeschlafen.

Die Berufschule fing langsam wieder an und ich merkte sofort, dass ich mich einfach nicht auf den Unterricht konzentrieren konnte und mir einfach alles zu viel wurde. Meine Noten gerieten in den unteren Bereich der Notenskala und zu Hause gab es immer mehr Stress, wieso ich denn nur noch schlechte Noten mit nach Hause bringen würde. Nach ein paar Tagen in der Schule fragte mich mein Lehrer, was denn los sei. Da man ihm vertrauen kann, erzählte ich ihm das und er sagte, dass es ganz normal sei schwul zu sein und ich mir jetzt nicht so den Kopf machen soll. Da ich mir immer mehr Gedanken über mein Coming-Out machte, ging mir dieser psychische Druck komplett auf den Magen. Als Höhepunkt des psychischen Drucks wurde ich dann noch schwer krank. Diese Erkrankung war eindeutig auf die psychischen Probleme zurückzuführen. Nach dieser Erkrankung wurde mir klar, dass ich mich langsam outen muss. Doch wie mache ich das am besten? Langsam ging das Jahr 2009 zu Ende und ich fuhr mit meinen Eltern nach Schwangau, in den Winterurlaub. Ich nahm mir fest vor, mich einfach, von dem psychischen Druck, zu befreien. Langsam kam das neue Jahr um die Ecke und ich merkte, dass mein Ziel, das Jahr mit dem Outing zu beenden, nicht Realität wird. Mit diesem Gefühl feierte ich dann in das neue Jahr. Am 01.01.2010 fuhren wir dann zurück in Richtung Heimat. Nach der langen Heimfahrt war ich froh, mal wieder bei den Gaycommunitys online gehen zu können. Dort sah ich, dass mir jemand aus dem Nachbarort Wuppertal geschrieben hat. Ich öffnete die Nachricht und las, dass er mich beim suchen gefunden hat und ob wir nicht vielleicht öfters schreiben wollten. Ich schrieb ihm zurück, dass wir gerne öfters schreiben können. Nach ein paar Nachrichtenwechseln fragte er mich, ob ich nicht mit ihm schlafen möchte. Dieses verneinte ich, da ich nicht so ein "Szenehüpfer" werden wollte. Nach einer Woche habe ich dann bei ihm noch mal auf dem Profil nachgeschaut und ich sah, dass er vergeben war. Ich schaute mir seinen Schatz an und irgendwie ging mir da richtig das Herz auf. Ich beobachtete sein Profil, um den Beziehungsverlauf zu beobachten. Als ich dann nach drei Wochen sah, dass er wieder Single ist, schrieb ich ihn direkt an, das mich sein Ex-Freund auch angeschrieben hat und ob er auch nur das eine von ihm haben wollte. Irgendwie kamen wir dann so ins Gespräch. Nach einer Weile ging mir bei ihm das Herz auf und wir wollten uns treffen. Wir haben vereinbart, dass ich ihn zu Hause abhole, und wir gemeinsam nach Hagen fahren wollten. Dort sind wir dann ein bisschen herum gelaufen, haben uns super gut verstanden. Auf dem Rückweg kamen wir an einem See vorbei und wir schauten uns an, verstanden uns sofort, dass wir einmal herum gehen wollten. Nach ca. 2 Stunden des Fußmarsches waren wir beide erschöpft und ich brachte ihn nach Hause. Wir trafen uns nach diesem Treffen noch 2-mal. Beim zweiten Treffen saßen wir auf einer Bank in der Sonne und plötzlich spürte ich seine Lippen auf meinen, ich küsste meinen ersten Freund. Jetzt war mir klar, ich bin schwul. Mit diesem Kuss war klar, dass wir zueinander passen. Wir wollten uns jetzt fast jeden Tag sehen.

Nur ein Problem bestand noch. Wie erkläre ich es meinen Eltern, dass ich jetzt öfters nicht mehr zu Hause bin. Es hieß dann immer nur noch von mir, dass ich jemanden Nachhilfe gebe und ich mich danach noch mit einer Freundin treffen wollte. Dieses Notlügen ging eine Woche bis meine Mutter sich ein bisschen veräppelt fühle. Ich musste mir also direkt wieder eine neue Lüge einfallen lassen. Nach einer Weile viel mir dann auch keine Ausrede mehr ein. Ich sagte meinen Freunden immer öfters, dass ich mich jetzt outen wolle. Und dann kam der Dienstagabend. Ich ging zu meiner Mutter in die Küche und sagte ihr das ich ihr was unter vier Augen sagen wolle. Da sie gerade keine Zeit hatte, ging ich zurück in mein Zimmer. Dort chatete ich wieder und dann hieß es, es gibt Essen. Ich ging wie jeden Tag zum Essenstisch und wollte mit dem essen beginnen. Meine Mutter fragte mich dann während des Essens, was ich ihr denn sagen wollte. Ich sagte ihr, dass ich es jetzt am Tisch nicht sagen wollte, da mein Vater noch mit dabei saß. Irgendwann waren wir dann mit dem Essen fertig und ich ging zu meiner Mutter in die Küche und half ihr beim spülen. Ich weiß bis heute nicht, wie ich aus meinem Mund was herausbekommen habe. Ich sagte: Ich muss dir mal was sagen: Ich habe da jemanden kennen gelernt. Sie war total happy, dass ihr Sohn mal wieder nach 5 Jahren unter der Haube sei. Ich fuhr dann fort, dass es nicht so ist, wie sie jetzt wahrscheinlich denkt. Ich stockte und dann kam es heraus. Ich habe einen Jungen kennen gelernt. Bei diesem Spruch fiel ihr fast der Teller aus der Hand. Sie schaute mich an und ich wusste jetzt nicht, wie die nächsten Gefühlsregungen aussehen könnten. Es war Totenstille. Dann fragte Sie, ob ich mir denn sicher sei und wie lange ich denn schon das Verlangen nach Männern habe. Als ich dann die ersten Fragen alle beantwortet hatte, fiel mir ein Stern vom Herzen. Die letzte Frage war von meiner Mutter nur noch, wie wir es denn jetzt meinem Vater beibringen würden. Ich schlug vor, dass wir doch erstmal warten können, da ich nach den Sprüchen von ihm total verunsichert war, wie er darauf reagieren würde. Mit dem Gefühl endlich geoutet zu sein ging ich zurück an meinen PC und dort wartete auch schon mein Freund. Ich erzählte es ihm, dass ich mich gerade geoutet hatte. Er dachte erst, dass ich ihn verarschen wolle. Da rief meine Mutter auch schon aus dem Wohnzimmer und ich ging hin und setze mich auf einen Stuhl. Mein Vater sah die Nachrichten und meine Mutter sagte dann nur, dass er mal bitte den Fernseher ausmachen solle. Er machte diesen aus und dann schaute Sie mich an und sagte: Dein Sohn möchte dir was sagen. Ich war ein bisschen geschockt. Ich bat meine Mutter es ihm zu sagen. Als sie dann sagte, das ich schwul sei, schaute er mich an und sagte ganz locker: Ja und?! Ich war ein bisschen perplex von der Sache und wartete, dass da jetzt noch ein Satz kommen muss, doch er kam nicht. Als das dann ausgesprochen war, sah ich wieder zu, dass ich in mein Zimmer kam. Dort wartete mein Freund schon ganz ungeduldig und er merkte langsam, dass es kein Joke gewesen war. Er machte sich totale Sorgen um mich. Ich beruhigte ihn und versicherte, dass alles Gut sei.

Da mein Freund immer für mich da ist, ist es hier noch mal zu erwähnen, das er der tollste Typ ist, den ich je kennen gelernt habe und ich ihn auch nicht missen möchte.

Wenn ich jetzt noch mal auf die letzten 2 Jahre zurück blicke, war die Angst vollkommen umsonst. Man lebt geoutet einfach viel leichter. Aber mir wurde auch klar, dass der Weg zum Outing einer der schwersten im Leben war.