Coming Out Stories

Schwule Geschichten von Jungs für Jungs. Erzählt eure Coming-Out Story und gebt hilfreiche Tips.

Es begann vor zwei Jahren...

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Wie war das damals... wann merkte ich, dass ich schwul bin? Es ist eine Frage über die ich nachdenken muss, da mein Coming Out zwar noch nicht sehr lang her ist, aber die Geschichte dazu schon vor Jahren begann.

Damals in der Grundschule, kurz vor der vollendeten Grundschulausbildung war ich 10 Jahre alt und wenn ich heute darüber nachdenke, da musste schon vor 10 Jahren klar sein: Ich bin schwul. Ich fühlte mich zu einem Jungen ziemlich stark hingezogen. Er hatte wunderschöne Augen, einen sehr hübschen Körper und immer wenn wir einen Klassenausflug machten, wo wir uns an den Händen nehmen mussten, da fassten wir uns an. Ein Glück – er war damals mein bester Freund. Dass das eine Art Liebe zu einem Jungen ist, hätte ich mir beim besten Willen nicht ausmalen können. Ich wusste ja noch nicht einmal, was die Wörter „Schwul“ oder „Homosexuell“ für eine Bedeutung hatten. Meine Familie und die Gesellschaft hatten mir das „Phänomen“ Mann und Mann, oder Frau und Frau noch nicht vorgelebt. Auch wurde die Homosexualität in meinen jungen Lebensjahren nie thematisiert, weder positiv, noch negativ. Und so war für mich eine Liebe zwei gleicher Geschlechter nicht existent.

Dennoch, mit 10 Jahren fühlte ich mich eher zu Jungs hingezogen, trotzdem hatte ich eine sehr erfolgreiche „Grundschulbeziehung“ mit einem tollen Mädchen führen dürfen. Es war meine Erste und vorletzte Erfahrung mit einem Menschen weiblichen Geschlechts. Noch nicht einmal geküsst hatte ich sie damals. Aber einen anderen küsste ich, da war ich ca. 11 Jahre alt. Es war ein Junge, den ich schon von der Grundschule her kannte. Ich versuche seit Jahren mich daran zu erinnern, wann wir uns das erste Mal geküsst haben bzw. wie es zu diesem Kuss gekommen ist, mir fällt es nicht mehr ein. Schade. Es war aber eine Sache, die in Vergessenheit geraten ist, da es für uns nur ein Spiel war. Es war nichts Besonderes und wir vergaßen – ich vergaß.

Es folgte die Trennung meiner Eltern und ich hatte vorerst andere Probleme, nicht nur, dass ich jetzt mit meiner Mutter und Schwester allein war, begann ich mich auch noch so ganz langsam in die Phase der Pubertät einzufinden. Und „Hurra“ mit 11 ½ Jahren befand meine Mutter, ohne Vater und die väterliche Aufklärung kann ich nicht aufwachsen und so schenkte sie mir ein Buch für „starke Jungs“. Es war ein Buch, was mir erklärte wie und wo ich mich waschen sollte. Wo Haare sprießen und Körperteile wachsen…und es stellte mir zum ersten Mal die Frage: „Bin ich schwul“? Auf der Seite 148 standen unter dem benannten Thema Dinge, die bisher nur ein Gespinste meiner Phantasie waren. Jungs mit Jungs, Gleichgeschlechtlich, das Buch hatte mich nur mit dieser einen Seite komplett in den Bann gezogen und sollte mich wahnsinnig enttäuschen. Zum damaligen Zeitpunkt wollte ich nämlich nicht so richtig schwul sein, aber es gab Hilfe, das Buch sagte mir: „Es ist bestimmt nur eine Phase“! Dazu aber später...

Nun ich konnte nicht anders, diese Phantasie wollte ich ausleben, wollte ausleben, was ich gelesen hatte. So erzählte ich es meinem, zum „besten“ gewordenen, Freund, was ich da gelesen hatte. Ich machte indirekte Avancen, aber sagte ihm nicht direkt was ich von ihm wollte. Dafür hätte ich dann doch zu viel Angst gehabt. Aber das was ich wollte hatte er schon verstanden, er wollte es nämlich auch, aber lest selbst.

An einem der schönen letzten Sommertage im Jahr 2001 machte ich mit ihm eine Fahrradtour, Fahrrad fuhr ich damals für mein Leben gern. Wir waren mehr als 2 Stunden unterwegs und dann passierte das, was ich bei ihm noch nie erlebt hatte, wir machten eine Pause. Er setzte sich ihn, holte aus seinem Rucksack eine Decke mit den Worten: „ Ich will was machen“!
Merkwürdig…was machen…?! Was wollte der von mir, ehrlich, zuerst bin ich nicht darauf gekommen. Erst eine Weile später, wir saßen schweigend da, da machte es „Klick“, doch so spontan „was machen“, dazu war ich nicht bereit und so fuhren wir weiter. Zwei Wochen später dann, ich war zu Hause, da kam er wieder vorbei, ich öffnete die Tür, er sah mich und ich denke er wusste, dass ich nun bereit war. Wir wollten keinen Sex, obwohl wir wussten, was das ist, wussten wir doch nicht, wie das denn gehen sollte, wie auch, hatten wir doch in der Schule nur die heterosexuelle Art und Weise des Praktizierens vom Beischlaf gelehrt bekommen. Nachdem aufregend „ersten Mal“, was hauptsächlich ein Treffen unsere Lippen beinhaltete, trafen wir uns unregelmäßig, oft bei ihm oder mir. Wir erlebten unsere liebevollen Abenteuer und das jahrelang.

Zwischenzeitlich jedoch war mir bei dieser Sache nicht so recht wohl, da wurde man älter und älter und die Phase verging nicht?! Es gab Zeiten in denen ich mir meinen Mund und meinen Körper lange gewaschen hatte, nachdem ich mit ihm intim Zeit verbracht hatte…. Ich machte mir Gedanken was ich zu diesem „Fehlverhalten“ in 10 bis 20 Jahren sagen würde?! Und mir war damals sehr klar: Dass durfte keiner wissen! Ich traf mit ihm eine Vereinbarung: „Wir sind nicht schwul“! Denn auch wenn ich mich nach den unsrigen Berührungen zwar schlecht fühlte und mir den Kopf zerbrach, überkam uns die Lust zu lieben, immer wieder.

Von dieser Liaison hat nie irgendwer erfahren, wir waren Freunde und hielten dicht. Als ich im 3. Quartal des Jahres 2005 dann bemerkte, wie zunehmend über meine sexuelle Orientierung von den Schülern auf einem katholischen Privatgymnasium spekuliert wurde, musste ich daran was ändern, dachte ich, und nahm mir vor wieder „normal“ zu werden. Es sollte ein großer Fehler sein! Ich hatte von einer Freundin erfahren, dass ihre Freundin mich ziemlich niedlich findet und für mich war das dann ein gefundenes und leider nur benutztes, aber kein liebendes Glück. Ich sag mal so, wir kamen zusammen, sie liebte mich sehr, wie man einen Freund eben liebt – ich dagegen konnte für sie nur so empfinden, wie für eine beste Freundin. Die 3monatige Beziehung war eine sehr freundschaftliche, als es mehr werden sollte und ich bemerkte, dass ich uns beide nur verletze, brach ich dann ab. Es war der 01. Januar 2006, wo ich die zweite und letzte erfolglose Karriere als „Hete“ beendete.

Die Treffen zwischen meinem besten Freund und mir fanden wieder statt und ich begann so ganz langsam einzusehen, dass es wohl keine Phase gibt, jedenfalls nicht bei mir. Eine 6jährige Phase konnte ich mir einfach nicht vorstellen, dass Buch hatte - für mich zumindest - „gelogen“ und so begann ich mich vor mir selbst als Schwuler zu bekennen, das Coming Out sollte erst viel später erfolgen. Ich erlebte eine Zeit, als junger Heranwachsender, in der ich mir viel Literatur von und über Homosexuelle zu Gemüte führte, ich surfte um Netz und begann einen wunderbaren Telefondialog. Die Nummer gegen Kummer konnte mir zwar nicht helfen, dennoch hatte ich eine Stimme gefunden, die mir zuhörte. Ein Buch was ich dann entdeckte, hieß „Jim im Spiegel“, es war ein Buch über einen sehr traurigen Homosexuellen, ich fand mich ein stückweit darin wieder, es begleitete mich über eine lange Zeit, ich las es immer in einem Buchladen, erst 2008 kaufte ich es. Nachdem wir uns 3 Jahre kannten, war ich dazu bereit. Ich traf indes viele Jungen, mit denen ich liebte, heute sind die Meisten, im Gegensatz zu mir, alle mit einer Freundin glücklich, die „falsche“ Beziehung mit mir gab es natürlich nie.

Ich glaube das war es auch, was mich dann störte. Ich wollte eine Beziehung. Ich wollte die gelebte Liebe erfahren und ich machte mich auf die Suche. Ich lernte die blauen Seiten kennen und loggte mich unter Fakeaccounts bei verschiedenen sozialen Netzwerken ein und fand außer der einmaligen Lust, keinen der mich wollte, wie auch ich hatte hunderte Namen.

Und dann eines Tages, es war Wochenende, da kam meine Schwester aus ihrem Internat zu uns gefahren und meinte, dass sie an ihrer neuen Schule schon Freunde gefunden hatte, der eine „gayfällt“ ihr besonders gut und erfreute sich an dem Wortspiel. Ich hörte aufmerksam auf und bekam den Namen der Person raus. Ich recherchierte und fand ein Profil auf svz.net., an diesem Tag war es um mich geschehen und ich verliebte mich in einen wahnsinnig tollen Menschen. Wir schrieben mehr als 100 Seiten miteinander, als er eines Tages fragte, ob man nicht mal telefonieren wolle, da schlug mein Herz so laut, der stärkste Bass ist nichts dagegen. Ich lief durch das ganze Haus, dann nahm ich allen Mut zusammen und machte mich auf zum ersten von gefühlten tausend Telefonaten. Wir telefonierten oft und stundenlang, es war Wahnsinn, eine der schönsten Zeiten in meinem Leben. Wir sprachen über alles, hörten uns stundenlang zu, lasen uns gegenseitig Bücher vor, hörten Musik und aßen gemeinsam, an unterschiedlichen Orten, zu Mittag. Er erzählte mir von seinem Coming Out - ich hatte viele Fragen. Er bereitete den Weg meines Coming Outs, er führte mich zu iBoys - gab mir meinen Usernamen, er ist einer der wenigen Menschen außerhalb der Familie, die mir das Fundament für mein heutiges Leben gebaut hatte. Ich liebte ihn und liebe ihn immer noch, früher als Freund, heute die Freundschaft – bei ihm ist es denk ich besser so, denn Freunde kommen und gehen, Freundschaften die bleiben.

Wir schreiben das Jahr 2008, nach 8 Jahren wird es heute Abend geschehen. Jahrelang habe ich Freunde angelogen, mich selbst. Habe Geschichten über Mädchen erfunden. Habe mich viel zu lange versteckt und der Druck es zu erzählen ist so groß, ich platze fast. Ich habe mich selbst reflektiert, einen Brief verfasst, sitze auf meinem Bett und warte auf meine Mutter. Sie kommt nach Hause, es ist gegen 22:30 Uhr und ich bitte sie in mein Zimmer, sie setzt sich auf mein Bett und beginnt, den von mir an sie geschriebenen Brief, zu lesen. Danach blickt sie mich an, ich mit dem Wissen, dass ich ihr diese Information niemals wieder nehmen kann. Sie ist ganz ruhig und wir führen einen guten Dialog – über 8 Jahre Last fallen von mir ab, ich konnte mich von den selbst gemachten Fesseln befreien.

Das Coming Out beginnt dann erst so richtig, ich erzähle es der Familie und Freunden. Immer unter vier Augen, nicht wissend wie sie reagieren, mit der Angst, dass eine zwischenmenschliche Beziehung gleich zerbrochen werden hätte können. Doch bis auf meinen Großvater nehmen es alle sehr gut auf, Freunde, wo ich dachte es ist vorbei, hielten zu mir, es war ein tolles Gefühl.

„Elias wir kennen uns jetzt mehr als 15 Jahre. Du bist dein ganzes Leben lang so gewesen wie du bist, nun ist nur der Zeitpunkt gekommen wo ich „es“ erfahre, was ändert das?“ - Ein Freund.

Es begann nun ein neues Leben, ich lebte. Allen die mit mir heute zusammenkommen sage ich, wer und wie ich bin. Um neue Erfahrungen zu sammeln, liberaler zu leben und anderen Menschen „Hallo“ zu sagen, nicht zuletzt wegen dem Gayunion e. V., zog ich 2009 mehr als 500 Kilometer weit weg. Nun wohne ich in Köln und lebe – frei – in Düsseldorf, vernetzt in eine starke Gemeinschaft im realen Leben.