Coming Out Stories

Schwule Geschichten von Jungs für Jungs. Erzählt eure Coming-Out Story und gebt hilfreiche Tips.

Es begann im Kindergarten

1 Kommentare
author
Wie alles begann Ich habe irgendwie schon früh gemerkt, das mich Jungs mehr interessieren, als Mädchen. Ich kann mich noch erinnern, als ich 3 Jahre alt war und im Kindergarten mit einem Gleichaltrigen Jungen mal so rum gemacht habe. Ist schon komisch, dass ich mich an sowas noch erinnern kann. Ich habe da noch mit meiner Mum im Norden von Thüringen gewohnt du es gab da einen Nachbarsjungen. Okay, er war 15 und ich war da 4.

Ist ja auch nichts gelaufen, aber er verbrachte mit mir immer sehr viel Zeit. Er fuhr mit mir Schlitten, ging mit mir Spazieren und wir alberten rum. Ich habe mich immer sehr gefreut, wenn er da war und Zeit hatte. Und natürlich fand ich ihn echt süß. Aber ich war noch Jung und habe mir da keine Gedanken darüber gemacht. Er war einfach nur ein Junge, der mit mir Zeit verbrachte und ich happy war.

Schon als Kind war ich irgendwie anders. Ich habe die Kleider von meiner Mum angezogen und bin mit ihren Stöckelschuhen rum gelaufen. Das fand ich richtig cool. Natürlich habe ich auch mit Lego und Matchbox Autos gespielt aber auch mit Puppen. Der Nachbarsjunge war eigentlich der einzige Freund / Kumpel, den ich hatte. Hm, ich hatte auch eine Kumpeline, aber daran kann ich mich nicht mehr erinnern. Nachdem meine Mum mit mir nach Römhild, in ihre alte Heimat zog, musste ich von dem Nachbarsjungen Abschied nehmen und mir war klar, dass ich ihn nie wieder sehen werde. Als wir in Römhild waren und ich wieder in den Kindergarten musste, passierte nicht viel aufregendes. Ich hatte auch keine Freunde. Keiner wollte mit mir was zu tun haben. Deswegen habe ich immer selber was gemacht. Als ich dann in der 1. Klasse war, gab es da einen Schüler in meiner Klasse, den ich sehr süß fand. Er war genauso verrückt und anders, wie ich. Wir waren sogar mehrmals zusammen auf der Toilette und haben an uns rum gefummelt. War damals eine sehr geile Erfahrung. Nach einiger Zeit brach leider der Kontakt ab.

Die Jahre gingen dahin und ich wurde älter. Als ich 12 Jahre alt war, ist meine Mum mit mir zu einer Mutter und Kindkur gefahren. Und die Kur lag wirklich im tiefsten Bayern. Der Grund war, weil ich mich mit meiner Mum nie wirklich gut verstand, wir hatte sehr viel Streit und ich wurde in der Schule gemobbt, weil ich immer ein ruhiger, in sich gekehrter unauffälliger Junge war. Ich kann mich noch sehr gut an die Fahr zur Kur erinnern. Wir haben an einer Autobahnraststätte halt gemacht um was zu essen und da sah ich ihn. Einen sehr hübschen Jungen in meinem Alter. Er ist mir sofort aufgefallen.

Nachdem meine Mum mit mir bei der Kur angekommen ist, war natürlich erstmal die Zimmeraufteilung und ich habe mich gefreut, dass ich ein Einzelzimmer bekam. An dem ersten Tag ist nicht wirklich viel passiert. Aber am Abend vom zweiten Tag, da wollte ich mit meiner Mum noch spazieren gehen, aber sie musste noch mal in ihr Zimmer, weil sie noch was vergessen hat. Hm, da ging ich also alleine in die Eingangshalle und war im ersten Moment erstarrt, weil genau der Junge da stand, den ich an der Autobahnraststätte gesehen habe. Nachdem ich mich von meiner Starre lösen konnte, ging ich zu einem Zeitungsständer und versuchte krampfhaft eine Zeitung zu lesen. Das sah bestimmt echt blöd aus, denn ich war mit 12 Jahren noch sehr schüchtern und traute mich nicht, den Jungen anzusprechen. Mein Gott, hätte man das Licht ausgemacht, hätte man sehen können, wie ich glühte. Ist doch so, da stand der süße Junge, genau zwei Meter von mir entfernt und ich traute mich nicht, ihn anzusprechen.

Nach ungefähr 5 Minuten brach der Junge das Eis und sprach mich an. Ich weiß nicht mehr, worüber wir uns genau unterhalten haben, aber er sagte mir, dass er Daniel heißt und bei der Kur wegen seiner Mutter ist. Nach einer elend langen Zeit kam meine Mum wieder und ich war richtig froh. Bevor meine Mum mit mir raus ging, sagte Daniel noch, dass er sich freuen würde, wenn wir uns wieder treffen könnten. Das haben wir auch. Jeden Nachmittag sind wir raus gegangen, haben rum gealbert und geredet. Er hat mit 12 Jahren schon geraucht und ging deswegen immer in den Wald, weil seine Mum nichts davon mitbekommen durfte. Mich hat es nicht gestört.

Eines Nachmittags, als wir wieder im Wald waren, dass er ungestört rauchen konnte, fragte er mich dann, ob ich denn mal wissen möchte, wie Zungenküssen ist. Wie gesagt, ich war damals schüchtern und zurückhaltend und habe das Angebot natürlich verneint. Wir waren sogar zusammen im Schwimmbad. Als wir am Beckenrand saßen, schaute er auf meinen Schritt und fragte mich, ob das, was da so ausgebeult ist, meine Eier wären. Ich sagte ihm dann, das es mein Schwanz ist. Als wir wieder nachhause gingen, ist der Abstand zwischen uns immer weniger geworden, bis wir Schulter an Schulter heim gelaufen sind. Ich kann mich noch daran erinnern, das ich in seinem Zimmer stand um ihn abzuholen. Jedenfalls stand er genau 30 cm vor mir und hat sich bis auf die glänzende Schlabbershorts ausgezogen. Da stand er mit nur einer Short bekleidet vor mir und ich traute mich nicht, ihn zu berühren. Ich weiß nicht warum, aber eins weiß ich jetzt, es hätte nicht geschadet, im Gegenteil, es hätte mir bestimmt gefallen und Daniel hätte sich gefreut. Und er sah wirklich heiß aus. Einfach nur perfekt.

Nach 4 Wochen ist Daniel mit seiner Mum wieder abgereist und ich war richtig traurig. Für mir was es so, als ob bei mir eine Welt zusammen bricht. Natürlich haben wir die Adresse und Nummern ausgetauscht. Nach 14 Wochen war es an der Zeit, das meine Mum mit mir wieder zurück nach Römhild geht. Hm, die Kur hatte mit wirklich nichts gebracht. Ich habe mich gefühlt, als ob ich erst 8 Jahre alt wäre und musste einiges wieder selbst erlernen. Allein mein Verhalten war echt kindisch.

Ich kam in die 7. Klasse und bei mir ging es bergauf. Ich war Klassenbester und ich hatte immer noch keine Freunde. Mit Mädchen konnte ich damals schon nicht wirklich was anfangen. Ich fand und finde die einfach nicht attraktiv. Mit einem schlag hatte ich meinen Quali mit 2,1 in der Tasche und besuchte danach eine Berufsfachschule im Bereich Metall. Als ich das erste Mal in der Klasse war, staunte ich nicht schlecht. Nur Jungs in der Klasse und es waren wirklich sehr hübsche Jungs anwesend. Ich habe mich auch diesmal sehr schnell mit zwei anderen angefreundet. Der eine hieß genauso wie ich, Manuel. Er war viel größer als ich und dünn. Er war Brillenträger und hatte blonde Haare. Er sah auch noch verboten heiß aus. Ich habe mit Manuel sehr viel Zeit verbracht. Er schlief sogar mal ein Wochenende bei mir.

Das eine Jahr war rum und ich fing eine Ausbildung zum Zimmerer an. 2006 habe ich durch eine Freundin einen Jungen kennengelernt, der auch schwul war. Ich wollte ihn unbedingt kennenlernen. Es gab anfangs ein paar Schwierigkeiten und ich war mir noch nicht sicher, ob ich schwul bin, bzw. habe ich mir eingeredet, das es falsch ist, auf Jungs zu stehen, weil es nicht normal ist. Nach langen überlegen hab ich mir gesagt, dass ich BI bin. Der Junge, den ich über einer Freundin kannte, wollte anfangs mit mir nicht zusammen sein. Der Grund war, dass er schon bei seiner Familie geoutet war, ich aber mich noch nicht bei meinen Eltern geoutet habe. Ich wollte es auch nicht, weil ich Angst vor ihrer Reaktion hatte. Der Junge, der Tim hieß sagte mir dann, das er ist nicht noch mal verstecken möchte und das er dazu steht, was er ist. Wir haben genau 1 Jahr jeden Tag telefoniert und er hat immer ein Stückchen mehr versucht mich zu überzeugen, das es besser wäre, mich zu outen, anstatt jedes Mal mit der Angst zu leben, dass dieses Geheimnis irgendwann rauskommen könnte. Tim hatte schon recht gehabt.

Als ich 18 war, hat mich ein Junge angeschrieben, er hieß Lukas und wollte mich kennenlernen. Ich war im ersten Moment echt sprachlos, weil ich nicht damit gerechnet habe. Ich habe mich gefreut und ihm auch geschrieben, dass ich ihn auch kennenlernen möchte. Nur gab es damals ein Problem. Ich war bei meinen Eltern noch nicht geoutet und wie sollte ich denen das denn beibringen. Ich kann doch nicht einfach freudestrahlend zu ihnen gehen und sagen: Hey Leute, euer Sohn ist schwul! Naja, ich kannte durch meiner Mutter einen Mann, der auch schwul war und wusste, das er zum Kalten Markt am 25. Januar 2007 da sein wird. Ich ging zum kalten Markt und sah den Kumpel von meiner Mum. Ich fing natürlich mit ihm ein Gespräch an und fragte ihn, wie ich das meiner Mum so schonend wie möglich beibringen kann, das ich schwul bin. Er hat mir ein paar Tipps gegeben und gesagt, dass er es super findet, das ich den Schritt gehen möchte, weil man daran kaputt gehen kann, wenn man das Geheimnis für sich behält.

Zwei Tage, bevor Lukas mich besuchen wollte, habe ich mir überlegt, wie ich es meiner Mum sage, dass ich schwul bin. Ich hatte da auch eine sehr unruhige Nacht, mit Alpträumen gehabt. Mein Gott, hatte ich eine Angst. Ein Tag bevor Lukas mich besuchen wollte, ging ich zu meiner Mum, die gerade einen Wäschekorb voll Wäsche in der Hand hielt und teilte ihr ganz schüchtern und zurückhaltend mit, das ich schwul bin und am nächsten Tag mein Freund mich besucht. Ich habe ja mit allem gerechnet. Zum Beispiel, das sie ausrastet, mich anschreit, mich rausschmeißt. Aber das kam nicht. Sie war im ersten Moment geschockt. Das verstand ich auch. Für eine Mutter ist es am Anfang wirklich schwer, sich mit dem Gedanken anzufreunden, dass ihr Sohn schwul ist. Sie meinte dann nur, das sie sich Enkelkinder gewünscht hat und ich konterte, das ich ja noch einen älteren Bruder hätte. Weil mein Stiefvater noch nicht wusste, das ich schwul bin, mein Outing noch sehr frisch war, hatte ich vorgesorgt, indem ich bei einer Pension, bei mir im Ort ein Zweibettzimmer für eine Nacht gebucht habe.

Am Freitag war es soweit und Lukas kam mich besuchen und ich sah ihn das erste Mal. Wow, war er ein hübscher Junge. Er war groß, lange schwarze Haare und war dünn. Ein Traum. Wir gingen zusammen in das Doppelzimmer von der Pension und verbrachten die ganze Zeit im Bett. Wir fummelten an uns rum, küssten uns sehr intensiv und lange, und blasen uns gegenseitig einen. Sex hatten wir nicht. Wir hatten auch ohne Sex unseren Spaß. Um den wunderschönen Abend noch besser zu gestalten, haben wir Sommersturm geguckt und danach die Echo Aftershowparty in der Glotze. Wir haben aber nicht sehr viel davon mitbekommen, denn wir waren viel zu viel mit uns beschäftigt. Die Nacht mit Lukas war wirklich schön. Ich bin auf seiner Brust eingeschlafen und schlief wie ein Stein. Am nächsten Tag musste er leider wieder heim und wurde von seinem Vater abgeholt.

Die Tage vergingen und ich war wegen meiner Ausbildung wieder im Internat. Als ich mit meinem Arbeitskollegen, der im selben Lehrjahr gearbeitet hat, fragte er mich, ob ich schwul wäre, weil er was mitbekommen hatte. Im ersten Moment war ich sprachlos und bekam Angst, aber ihn anlügen konnte ich nicht. Ich wurde ja so erzogen, immer ehrlich zu anderen Menschen zu sein und ich antworte auf seine Frage, dass ich schwul bin. Wir unterhielten uns dann ein bisschen über dieses Thema und er versicherte mir, dass er es für sich behalten würde. Damals war ich noch sehr naiv und vertraute jedem blinden Hund. In dem Moment war mir nicht bewusst, das es ein Fehler war, meinem Kollegen das zu erzählen, denn das böse Erwachen kam im nächsten Turnus der Berufsschule. Kaum war ich im Klassenraum, glotze mich jeder blöd an und lachte mich aus. Da fing der Horror erst richtig an. Ich wurde beleidigt, gemobbt und ausgegrenzt. Die haben mich so behandelt, als wäre Homosexualität eine ansteckende Krankheit. Hinzu kam noch, dass ich zu der Zeit ein Emo war. Schwarze Röhrenjeans, Vans, lange schwarze Haare und schwarze Fingernägel. Ein Grund mehr, das die anderen in meiner Klasse mich mit Anfeindungen und Beleidigungen attackiert haben. Es gab aber auch eine Ausnahme in meiner Klasse. Zwei meiner Schulkameraden standen hinter mir und haben mich so akzeptiert, wie ich bin. Wir haben uns immer sehr gut verstanden, gingen zusammen zur Kirmes und in die Disko. Wenn wir uns mal in die Wolle hatten, schlug er lieber eine Glasscheibe kaputt, anstatt mir weh zu tun. Dies bedeutete mir sehr viel. Das Mobbing in der Schule ging so weit, das ich Angst hatte, früh in die Schule zu gehen. Ich lag in meinem Bett und konnte mich nicht bewegen. Meine Mum wusste nichts davon, weil ich nichts erzählte und ich schon eine eigene Wohnung hatte.

Mein Chef stand auch nicht hinter mir. Er versuchte immer wieder durch unrechtmäßige Abmahnungen mich aus dem Betrieb zu schmeißen. Naja, ich war der einzige im Betrieb, der mit seiner Homosexualität offen umging. Irgendwann kam der Tag, wo mein Chef einen Weg gefunden hat, mich aus dem Betrieb zu schmeißen und da war ich Arbeitslos. Mein Ausbilder vom Bildungsträger hat mich dann unter seiner Fittische genommen und durfte meine Ausbildung weiter machen.

Naja, die Zeit habe ich ganz gut überstanden, außer das ich 2 Monate vor meiner Abschlussprüfung einen sehr schweren Autounfall hatte, wo mein bester Freund, in dem ich auch heimlich verliebt war, gestorben ist. Mich selber hat es auch richtig schlimm erwischt und wäre damals auf der Intensiv, trotz Lungenmaschine, fast gestorben. Auch wenn mir keiner mitteilen durfte, was mit meinem besten Freund ist, wusste ich, dass er nicht mehr da ist. Dann kam noch hinzu, das ich zu dem Zeitpunkt einen Freund hatte. Nur unterstütze er mich nicht. Er war für mich nicht da, wo ich ihn am Meisten brauchte. Ich fühlte sogar, dass er mich betrogen hatte, was sogar stimme. Und dann wurde für mich alles zu viel. Ich wollte nicht mehr Leben und wollte einfach nur sterben. Die Schwestern bemerkten, das was nicht stimme und rannten zu mir um die Lungenmaschine so einzustellen, das ich wieder atmen konnte. Nachdem ich wieder gesund war und meine Ausbildung fertig hatte, war ich froh, dass ich den ganzen Horror überstanden habe. Jetzt bin ich 24 Jahre alt und mir geht es super. Ich habe jetzt Freunde, die hinter mir stehen und mich unterstützen. Ich mache meine zweite Ausbildung und fühle mich wohl. Mir macht es jetzt nichts mehr aus, wenn jemand nicht akzeptieren kann, dass ich schwul bin und ich beleidigt werde. Auch wenn mein Coming Out, was über 3 Jahre ging, eine Achterbahnfahrt durch die Hölle war, bin ich trotzdem ein bisschen froh. Denn ich habe sehr viel dazu gelernt und diese Erfahrung machte mich stärker. Ich bin was ich bin und bin stolz darauf, schwul zu sein.

  • Ich bin sehr gerührt von Deiner Geschichte, hab vielen Dank dass Du so offen warst sie mit uns zu teilen. Ich fühle in vielen Punkten sehr intensiv mit Dir und es macht mich stolz zu lesen wie Du jetzt über Dich und Deine Sexualität denkst. Bleib so und kämpfe mit jeder/jedem deiner Schwestern und Brüder für unsere Rechte! Denn ein offenes und verständnisvolles Umfeld bedeutet auch Prävention.