Gay Geschichten & Coming Out Stories

Unsere schwulen Geschichten & Coming-Out Stories soll Personen - vor allem Jugendlichen, die vor ihrem Coming-Out stehen, zeigen, dass sie nicht alleine sind und ihnen somit Mut machen, sich zu outen und ihre Sexualität in Zukunft offen ausleben zu können.

Die Flaschenpost

0 Kommentare
author
Wir schreiben das Jahr 2008. Nordseeküste in der Nähe von Emden. Ein 16-jähriger Junge sitzt auf einer Kaimauer, schaut gedankenverloren aufs Meer hinaus. In seiner Hand eine Flaschenpost. Ja … die Worte, die er schrieb, waren hart, aber wahr, und sie trafen den Nagel auf den Kopf. Er war schwul. Er, Phillip Brüggemann, war schwul und hatte mit den Auswirkungen seines Coming - Outs nicht gerechnet. Er war allein, allein mit sich und seinen Sorgen. Er würde niemals jemanden finden, den er liebte, dafür, so sein Vater, war er zu krank. Krank, schoss es dem Jungen immer wieder durch den Kopf. Ich bin krank. Ein seelisches Frack.

Mit aufgestautem Hass gegen seinen Vater, aber auch Angst, was die Zukunft bringen sollte und einer gehörigen Ladung Wut, schmiss er die Flasche ins Meer und übergab sie damit dem Meer.

Der Himmel war wolkenverhangen als Phillip sich an diesem Morgen endlich aus dem Bett quälte. Er hätte eigentlich schon einen Uni-Kurs gehabt, doch es ging ihm nicht gut, wie immer in letzter Zeit.

Gegenüber seiner Mitbewohnerin Maike hatte er sich nie etwas anmerken lassen. Doch nun, da bestimmte nach hinten gedrängte Gefühle wieder durch die neue Clique in den Vorderschein traten, machten sie die Sache fast unerträglich. Immer wenn er an „es“ dachte, wurde es ihm kotzübel. Ich bin krank. Dieser Satz hatte sich in den drei Jahren förmlich in sein Hirn gebrannt.

„Morgen“, unterbrach Maike, seine lebensfrohe Mitbewohnerin, Philipps Gedankengang. Sie hatte bereits Frühstück vorbereitet. Auch wie immer. Es war alles so ein Trott geworden.

„Morgen“, gab Phillip völlig desinteressiert zurück. Er konnte diese Fröhlichkeit am frühen Morgen nicht ab.

„Da ist übrigens ein Brief für dich“, fuhr Maike munter fort, während sie genüsslich in ihr Marmeladenbrötchen biss. „Ist von deinem Alten.“

Super! Phillip war froh, seinen Vater los zu sein. Er hatte ihm die Jugend mehr als genug zugesetzt und nun schickte er ihm auch noch Post. Unfassbar!

„Willst du denn nicht lesen, was er dir zu sagen hat?“ Maike konnte diese Reaktion nicht fassen.

„Nee, nicht wirklich“, gab Phillip barsch zurück, „der kann mich mal kreuzweise.“

„Ok.“ Maike atmete hörbar ein. „Dann lies wenigstens das, was auf dem Umschlag steht. Ich muss dann auch los. Bis heute Abend.“

Phillip wusste es, dass sie es wusste. Was mit ihm los war. Und eigentlich liebte er sie dafür, dass sie es so hinnahm, aber ihre Starrköpfigkeit konnte er auf den Tod nicht ausstehen.

Er schenkte sich erst einmal einen Kaffee ein, blätterte dann ein bisschen unentschlossen in der Uni- Zeitschrift und doch … blieb` sein Blick wie von Geisterhand geleitet immer wieder auf dem großen, braunen Briefkuvert liegen. Soll ich oder soll ich nicht …, das war hier seine Frage. Schließlich gewann die menschliche Neugier und Phillip nahm das Kuvert und las die rückwärtige Notiz seines Vaters.

Hallo, Post von wo weiß ich her. Irgendwas wegen `ner Flaschenpost. Kindisch. Typisch sein Vater, kein Sinn für Romantik.

Mit zitternden Händen öffnete Phillip das Kuvert. Ein weiterer Brief viel ihm in die Hände. Abgestempelt auf Madeira. Hat der Brief tatsächlich jemanden erreicht. Phillip konnte es nicht fassen, denn er hatte die

Flaschenpost schon so gut wie vergessen und nun das.

Er brauchte noch einen Schluck Kaffee und dann … dann gab es kein Halten mehr. Aufgeregt riss Phillip den Briefumschlag auf. Ein Brief, handgeschrieben …

Hallo,

vor einigen Tagen habe ich am Abend am Strand gesessen und da wurde deine Flaschenpost angespült. Ich war überrascht, dass es so was heute noch gibt, in der Zeit von E-Mail und Handy, bis ich das Datum sah.

Drei Jahre ist eine lange Zeit. Aber es ist auch ein langer Weg von Deutschland hierher.

Na egal … du musstest damals ziemlich fertig sein, als du diesen Brief geschrieben hast. Mir liegt es auch fern in offenen Wunden zu stochern, aber auch ich bin schwul und ich sage dir, man kann damit heute sehr gut leben, wenn man(n) es denn zulässt.

Heute müssten wir beide ungefähr 19 sein. Und wie Feuer und Wasser. Aber ich schicke dir trotzdem meine Mailadresse. Vielleicht kannst du dich aufraffen und mir eine Mail schreiben. Lass` mich dir beweisen, dass Schwulsein keine Krankheit ist, so wie das dir dein Vater eingetrichtert hat.

Das Leben ist immer wert, es zu leben.

Ich hoffe, bald von dir zu hören. Alles Gute. Danny

Phillip war perplex. Damit hatte er nie gerechnet. Seine Gedanken von damals … jetzt, drei Jahre später, hatte tatsächlich jemand geantwortet und das sehr mitfühlend. Ob er sich allerdings auf Dannys Experiment einlassen würde, das konnte sich Phillip nicht vorstellen. Aber Kontakt mit ihm aufnehmen, das würde er auf jeden Fall, aber jetzt musste er erst mal in die Uni, die zweite Lesung durfte er nicht verpassen.

Am Abend war es soweit. Er, Phillip Brüggemann, wollte das erste Mal mit einem „Gleichgesinnten“ Kontakt aufnehmen. Ihm schlotterten schon was die Knie, während er die erste E-Mail an den für ihn fremden Jungen verfasste. Er war vielleicht schon 19, aber immer noch so ein Hasenfuß wie vor drei Jahren.

Eine Viertelstunde tüftelte er an der passenden E-Mail. Nur um dann Warten zu können. Doch so lange musste er nicht warten. Ein Chatfenster öffnete sich unerwartet bei seinem Messenger und gab Preis, dass sich gerade ein Danny eingeloggt hatte.

„Hi Phillip.“ Der verlor wirklich keine Zeit.

„Hi“, schrieb Phillip zurück. Er ahnte noch nicht, was sich mit diesem Chat alles ändern sollte.

Sympathie bestand schon nach wenigen geschriebenen Sätzen und Phillip merkte das erste Mal, dass ihm wirklich jemand zuhörte. So verging die Zeit und der Morgen graute schon, als Danny ihm ein Angebot machte, dass ihm im ersten Moment die Luft zum Atmen nahm.

„Du musst Leben, Flip. Den Kopf klarkriegen und da das ja in Deutschland nicht geht, komm` doch einfach ein paar Tage auf Madeira.“

„Und wie soll` ich das anstellen?“

Ein dicker Smiley erschien im Messenger.

„Einen Flug buchen und in den Flieger steigen. Ganz einfach.“ Phillip schüttelte den Kopf. Der hatte

Vorstellungen.

„Und was mit dem Semester?“ Phillip reagierte wieder völlig reaktionär. „Ich kann nicht einfach mitten im Semester die Biege machen.“

„Kannst oder willst du nicht!?“ Auch wenn er Dannys Stimme nicht hören konnte, wusste Er, dass eine gewisse Schärfe in dieser liegen würde, wenn sie sich gegenüberstehen würden. Und vor allem … er konnte nichts erwidern, was dagegen sprechen sollte. In der nächsten Woche fielen viele Lesungen aufgrund Vorbereitungen der abschließenden Studenten aus. Und zu verlieren hatte er auch nichts.

„Ok“, schrieb er Danny zurück. „Ich mach`s. Ich komme. Nächste Woche. Ich buche noch heute einen Flug und sag` dir dann noch heute Bescheid. Ok?“

Wieder erschien ein überdimensionaler Smiley auf dem Bildschirm. Damit war das geklärt.

Werte Fluggäste des Fluges LH446 von Hannover nach Funchal werden gebeten nun an Gate 4 einzusteigen. All Guests to Flight ….

„Und du bist wirklich sicher, dass du das tun willst?“, erkundigte sich Maike sorgend. Sie hatte Phillip zum Flughafen gebracht.

„Keine Rückkehr“, gab Phillip entschlossen zurück. Er lächelte sogar ein wenig.

Maike erkannte ihren Mitbewohner nicht mehr wieder. Eine Woche hatte Phillip nun Kontakt mit Danny und schon in dieser Woche schien er sich nach außen hin geöffnet zu haben. Was sie zunehmend freute.

„Und reiß nicht irgendwelche heißen Typen auf“, witzelte Maike.

„Kann ich nicht für garantieren“, gab Phillip keck zurück, bevor er sich mit einem Kuss auf die Wange von seiner Mitbewohnerin verabschiedete und zum Boarding ging. Zurück blieb` eine verdutzte Maike.

Sehr geehrte Damen und Herren, in Kürze landen wir in Funchal. Draußen hat es 27°Grad bei strahlendem Sonnenschein. Kapitän Miller und seine Crew bedanken …

Zwei Stunden waren wie im Flug vergangen. Nun kurz vor der Landung fing Philips Herz an höher zu schlagen. In einer guten halben Stunde würde er den Mann treffen, der es in nur einer Woche geschafft hatte, ihn aus seiner Lethargie zu holen.

Nur noch kurz frisch machen, schoss es Phillip durch den Kopf, als er mit dem Flughafenbus das Terminal des Flughafens von Funchal erreichte. Hoffentlich war Danny noch nicht da.

Er hatte Glück. Danny kam gerade, als er einigermaßen frisch und sommerlich gekleidet aus dem Waschraum des Flughafens kam. Phillip verschlug es die Sprache …

Danny war nicht das, was er erwartet hatte. Was hatte er erwartet? Eher so ´nen Typ wie der Durchschnitt. Aber Danny war eindeutig nicht durchschnittlich. Er war groß, sportlich, was man unter seinen enganliegenden Klamotten gut erkennen konnte, und blond. Für viele Schwule „der“ Traummann.

„Hi.“ Danny strahlte übers ganze Gesicht. „Du bist bestimmt Phillip?“

Phillip nickte versteinert und verzaubert zugleich.

„Gut, dann lass uns mal los ich stehe im Halteverbot.“ Wie selbstverständlich nahm Danny Flips Koffer und ging voraus. So hatte Phillip noch einen Moment, um sich fangen zu können, bevor er ihm folgte.

„Und wie gefällt dir die Landschaft?“ Sie fuhren nun schon eine gute halbe Stunde über die Insel, immer Richtung Puerto Moniz im Nord-Westen der Insel.

„Sie ist schön“, gab Phillip zögernd zurück. Ihn überrollten die Eindrücke dieser Insel und die des Mannes neben ihm.

„Ja, das ist sie wirklich“, antwortete Danny und konzentrierte sich wieder auf die schmale Küstenstraße.

„Lebst du allein hier? Auf der Insel meine ich?“ Jetzt sprach aus Phillip die aufkeimende Neugier.

„Nee“, erwiderte Danny voll konzentriert, „meine Eltern leben auch auf der Insel in Funchal. Ich bin vor einem Jahr nach Puerto Moniz gezogen wegen der Arbeit.“

„Was arbeitest du?“ Ein Punkt, den sie noch nicht geklärt hatten.

„Eigentlich an der Rezeption, aber im Moment sind ja für uns Ferien, da keine Ferien in Deutschland oder anderswo sind. Ich hab` also ausreichend Zeit.“ Wieder lächelte Danny Phillip schelmisch an.

„So, da wären wir. Alles aussteigen.“ Danny hielt seinen Jeep vor einem größeren Haus mit Holztor.

„Hier wohnst du?“ Phillip betrachtete beim Betreten des Grundstückes das Gelände mit dem Pool.

„Jep“, erwiderte Danny, nahm Philips Koffer und stiefelte los. „Zweiter Stock, Apartment 3.“ Das konnte nur alles zu schön sein, um wahr zu sein. Unfassbar!

„Bitteschön.“ Ganz Gentleman hielt Danny seinem Gast die Wohnungstür auf. „Erste Tür rechts, da ist das Gästezimmer.“

„Wow.“ Danny lächelte verlegen über Philips Reaktion. Das Zimmer war hell und freundlich eingerichtet. Stellte sich die Frage nach der Finanzierung. Aber sowas am Anreisetag zu klären, das wollte Phillip unter allen Umständen verhindern.

„Pack` erst mal aus. Ich bin im Garten und bereite dein Willkommen-Barbecue vor. Wenn du dich häuslich eingerichtet hast, kannst du ja nachkommen. Ach“, Danny wandte sich beim Gehen noch einmal um, „du kannst ruhig dein Shirt ausziehen. Wir sind im Haus allein. Die anderen Wohnungen sind nur im Hochsommer und im Spätherbst besetzt. Ich bin hier also quasi der einzigste Dauermieter in der Anlage.“

„Ok.“ Dem sonst so prüden Phillip wurde ganz anders im Angesicht, das er gleich seinen Gastgeber nur in kurzer Hose und oben ohne sehen würde.

„Gut. Bis gleich.“ Danny verschwand durch die Türe.

Luft … Phillip brauchte Luft. Er öffnete das große Fenster und atmete die Meeresluft, die doch so vertraut und doch so anders war, wie die an der Nordsee.

Er fing an akkurat seine Klamotten im Schrank zu verstauen. In fünf Minuten hatte er alles Wichtige verstaut. Und nun … auf in den Garten … Er wühlte nach einer passenden Badehose und einem Shirt. Doch was hatte Danny gesagt … ohne Shirt, ob er sich das traute, das würde einen großen Sprung über den eigenen Schatten bedeuten. Er überlegte kurz und machte sich auf den Weg nach draußen.

Sein Blick fiel auf Danny, der gerade den Grill angefeuert hatte. Sein Sixpack glänzte vor Schweiß. Er betrachtete sich selber. Ok, zugegeben, ein Adonis war er nicht. Aber auch kein Fett, wo es nicht hingehörte. Eigentlich ganz ansehnlich, auch wenn sein Vater dies immer bestritten hatte.

„Hey, da bist du ja endlich.“ Danny strahlte wie ein Honigkuchenpferd, wobei er seinen Gast und dessen Body genau musterte. „En´Bier?“

„Ja gerne.“ Phillip nahm dankend das Bier. Plötzlich fühlte er sich gar nicht mehr so unwohl in seiner Haut.

„Soll ich dich mal ablösen?“, erkundigte er sich beim Danny, dem inzwischen schon gehörig der Schweiß lief. „Dann kannst du dich kurz im Pool abkühlen.“ Von seinem Mut war Phillip selber überrascht.

„Würdest du das echt tun? Das wär` echt super.“ Danny schien echt dankbar für diesen Vorschlag.

Phillip erhob sich von seiner Liege und übernahm die Grillstation. Dabei berührten sich die Körper der beiden Männer das erste Mal und ein Kribbeln durchfloss Phillips Körper. Danny war inzwischen mit einem Kopfsprung in den Pool gesprungen und zog seine Bahnen.

„Handtuch?“, deutete Phil an, als Danny Anstalten machte, wieder aus dem Pool zu steigen. Aber dieser winkte ab. „Ok.“

So auf den Grill fixiert bekam Phil erst mit, dass Danny genau hinter ihm stand, als Wasser auf seine nackten Füße tropfte. Was sollte er tun? Danny war nah, sehr nah.

„Kann ich wieder?“, erkundigte sich Danny und legte seine Hand vorsichtig auf Phils, der die Grillgabel umklammerte.

„Ok.“ Phil lies die Grillgabel los und wandte sich Dannys Gesicht zu, das genau vor seinem war. Durch die Berührungen spürte er wieder dieses Kribbeln. Es hätte nicht viel gefehlt, doch …

„Ich geh` dann mich mal eine Runde abkühlen.“ Die Panik in Phils Kopf hatte letztendlich doch wieder gesiegt.

„Klar.“ Danny übernahm erneut die Grillstation. Phil sprang während dessen in den Pool. So vergingen die ersten Tage …

Phil fühlte sich geborgen, zu Hause, und doch konnte er die Nähe von Danny nicht wirklich zulassen. Sein Kopf sträubte sich vehement. Dann kam dieser Tag …

„Heute Nachmittag kommen meine Eltern.“ In Phil schrillten sofort alle Alarmglocken.

„Aber … ich … ich denke …“ Diese Worte lösten unverarbeitete Gefühle aus. Phil konnte einfach nicht in Worte fassen, was ihn beschäftigte. Ein paar Tränen kullerten ungewollt …

„Hey“, liebevoll nahm Danny Phils Kopf in die Augen und sah in seine dunklen Augen und seine Seele, „ich hätte sie nicht kommen lassen, wenn ich nicht sicher wäre, dass sie nicht so sind wie dein Vater. Ok?“

„Ok.“ Danny wischte seinem Gast die Tränen aus dem Gesicht.

„Und nun“, trieb er an, „fertig machen. Wir wollen ja nicht meinen Eltern halbnackt gegenüberstehen, oder?“ Phil nickte heftig mit dem Kopf und die beiden machten sich auf den Weg in die Wohnung.

„Scheiße!!!“, hallte es durch die Wohnung bis in Dannys Zimmer.

„Was ist denn?“, kam er direkt angestürmt. Phil zeigte ihm das Debakel.

„Ich hab` die falschen Klamotten eingepackt.“ Auf dem Bett lagen Jeans, dicke Pullover, Socken usw. Danny konnte nicht anders, er brach in schallendes Gelächter aus. Es war nicht aufgefallen, deshalb, da die beiden in den letzten Tagen nicht mehr als eine Badeshorts gebraucht hatten.

„Und nun?“, erkundigte sich Phil genervt. Danny hatte sich inzwischen wieder gefangen.

„Da hilft nur Speed-Shopping“, gab Danny ernst zurück. „Dann müssen wir aber gleich los. In drei Stunden kommen meine Eltern.“

„Gibt`s keine andere Möglichkeit?“, maulte Phil schlechtgelaunt.

„Nicht wirklich“, gab Danny schmunzelnd zurück. „Also los.“

Keine zehn Minuten später betraten die beiden Jungs einen Shop im Zentrum von Puerto Moniz.

„Hab` extra drauf geachtet, dass der Shop nicht der teuerste ist“, flüsterte Danny beim Betreten des Geschäftes. „Ich weiß ja, dass du nur ein armer Student bist.“

Ein Knuff brachte ihm die Revanche.

„Oh Gott.“ Danny stöhnte auf. Phil hatte keinen Blick für das Schöne. „Das ist ja grottig. Es ist Zeit für Lektion eins. Richtig anziehen. Warte kurz …“ Danny verschwand nur für einen Moment und kehrte mit einer Verkäuferin und `nem Berg von Klamotten zurück. „Es wird Zeit, dass du etwas Farbe in dein Leben bringst. Und deinen Body.“ Er klopfte leicht gegen Phils Bauchdecke. „Den musst du auch nicht verstecken.“

Die Verkäuferin drückte ihm das erste zusammengestellte Outfit in die Hand.

„Aber …“, stotterte Phillip unentschlossen. Danny merkte bald, dass diese Aktion schon grenzwertig war.

„Das steht ihnen garantiert besser“, die Verkäuferin, eine jüngere mit langen braunen Haaren und ansehnlicher Figur, munterte ihn auf, „als das grau, schwarz und blau. Riskieren sie was.“

„Warum nicht“, schoss es ihm durch den Kopf. Aber …

„Wow.“ Danny fehlten die Worte bei Phillips Outfit. „Wo war nur der schöne Schwan versteckt“, feixte er.

„Sehr witzig.“ Wieder knuffte Phil Danny in die Seite. Aber mit dieser Verwandlung war auch wieder ein Stück seines Selbstwertgefühles zurückgekehrt. Lektion eins war ein voller Erfolg.

„Und nun ab“, sprach Danny und die beiden fuhren Retour zur Wohnung. „Meine Eltern kommen bald.“

Klingel-lingel-ling …

Jetzt war es soweit. Phillip schlug das Herz bis zum Hals. Es war eins, um sich optisch zu verändern oder aber Menschen zu begegnen, die man nicht kannte.

„Hallo Mom, Dad, schön, dass ihr da seid.“ Jep … Phil musste zugeben, dass Danny in seinem schwarzen Shirt mit Drachenprint und seiner schwarzen Jeans heiß aussah, aber irgendwie kam er sich langsam irgendwie vor, als wäre er ein Projekt für Danny und nicht ein Freund.

„Mom, Dad, das ist Phillip, ein Freund“, stellte er uns gegenseitig vor. Beide begrüßten ihn fröhlich, höflich zurückhaltend, bevor es zum Essen ging.

Wut staute sich auf. Phil war innerlich schon auf 180° Grad, aber nicht wegen Dannys Eltern. Die waren echt super lieb und banden ihn auch in ihre Gespräche mit ein. Sie waren genau so, wie Phil sich seinen Vater immer gewünscht hatte.

Nein … hier ging es um Danny. Der Verdacht nur ein Projekt für ihn zu sein, bestätigte sich scheinbar. Zumindest nach den getroffenen Aussagen.

Nach dem Dessert konnte Phillip dann nicht mehr. Er schnappte sich sein Glas Wein und rauschte an Dannys völlig verdutzten Eltern mit einem gemurmelten „Entschuldigung“ vorbei in den Garten.

„Was ist los?“ Danny, der gerade aus der Küche gekommen war, stand wie angewurzelt da.

„Ich gehe schon“, erwiderte sie und schaute ihren Sohn süß-sauer an.

„Das war nicht deine beste Leistung, mein Sohn“, erwiderte sein Vater ruhig und nippte an seinem Wein.

„Hä?“ Danny stand echt auf der Leitung. Und während sein Dad seinen Sohn in Gebet nahm, eilte seine

Mom zu Phil in den Garten.

„Es tut mir so Leid, Phil. Danny hat die Angewohnheit erst zu reden, dann zu denken. Darf ich mich setzten?“ Sie wies auf die freie Liege.

„Bitte“, bot Phil ihr die Liege an. Frau Rodrigue setzte sich. Es wurde eine lange, gute Unterhaltung.

„Und nun, da mein Sohn es ja noch nicht geschafft hat, Ihnen die Szenen wirklich näher zu bringen, übernehme ich dies heute Nacht, dann kann er sie auch nicht mehr als Projekt missbrauchen. Kommen sie?“ Frau Rodrigue hielt Phillip die Hand hin. Er nahm sie und die beiden verschwanden in einer Nacht und Nebelaktion.

„Danke, dass du mir alles gezeigt hast.“ Phil hatte in dieser Nacht das wirklich schwule Leben kennen gelernt, als Maria (Frau Rodrigue) ihn um halb sieben in der früh wieder vor Dannys Wohnung ablieferte.

„War mir ein Vergnügen. Ich sage mal, Projekt beendet. Und …“ Sie nahm Phils Hände. „Schwulsein bedeutet nicht krank sein, ok.“

„Ja.“ Phil lächelte. „Das weiß ich jetzt.“

„Und nun ran an den Speck.“ Maria zwinkerte Phillip aufmunternd zu, als dieser aus dem Wagen stieg.

Phil schlich über die Terrasse in Dannys Wohnung. Da die Balkontür immer aufstand kein Problem. Er hatte einen Plan.

„Morgen.“ Dannys Dad lächelte. Er saß bereits angezogen in der geräumigen Wohnküche und genoss seinen Kaffee. „Wenn du willst.“ Er deutete auf die Kanne.

„Erst ´ne Dusche, dann vielleicht.“ Francesco nickte. „Maria ähm … deine Frau ist gerade heim.“

„Gut. Ich mach` mich dann auch auf den Weg. Wir sehen uns sicherlich noch.“

„Denke ich“, gab Phil zurück. War sein Selbstbewusstsein vor seiner Reise hierher noch am Boden, so hatte diese Nacht einiges verändert.

Gegen zehn erschien Danny auf der Bildfläche. Phil hatte es sich bereits im Garten gemütlich gemacht. Er hatte einen Plan, einen geheimen Plan …

„Morgen. Du bist also wieder da.“ Klang irgendwie vorwurfsvoll. Egal …

„Morgen. Wie man sieht?“, gab Phillip spitz zurück. „Und nun?“ Er fixierte Danny genau mit den Augen. „Dein Projekt ist gescheitert. Sorry. Ich bin seit letzter Nacht ein anderer und kehre auch heute Abend als ein anderer zurück nach Deutschland. Ich bin deiner Mutter sehr dankbar, dass sie mir gezeigt hat“, Phils Sarkasmus war nicht mehr zu überhören, „was es heißt, schwul zu sein.“

Danny stand da wie vom Donner gerührt. Ihm fehlten vorerst die Worte.

„Du reist heute Abend schon ab?“, fand er seine Stimme wieder.

„Ja, um neun geht mein Flieger“, erwiderte Phil seelenruhig.

„Aber warum? Wegen gestern Abend?“ Phil nickte verneinend.

„Nein.“ Er erhob sich von der Liege. „Ich bezweifle, dass wir beide jemals zusammen kommen werden. Schau uns an, du bist ein Adonis und ich … auch wenn ich mein Selbstbewusstsein wieder habe, bin ich immer noch innerlich der zitternde, schlotternde, kleine Junge, der damals diese Flaschenpost geschrieben hat. Sorry.“

Er gab Danny einen liebevollen Kuss auf die Wange und ging dann zum Packen. Es gab kein zurück.

Sehr geehrte Fluggäste in Kürze landen wir in Hannover. Wir bitten Sie …

Ja, er war wieder daheim, nach nur fünf Tagen. Ok, dieser Trip hatte nicht die große Liebe gebracht, aber eine wichtige Erkenntnis dank Maria. Ich bin schwul, aber nicht krank.

Maike schaute nicht schlecht, als sie Phillip vor sich sah. So verändert.

„Hammer“, meinte sie völlig baff. „Bist du es wirklich?“

„Körperlich schon“, erwiderte Phil mit einem breiten Lächeln. „Geistig nicht mehr.“

„Und“, stichelte Maike. “Wie war dieser Danny?“

„Heiß“, grübelte Phil kurz und gab seiner Mitbewohnerin ein Foto von ihm. „Aber nicht mein Typ.“

„Aber wie kann der nicht dein Typ sein!?“ Maike schrie nach Dannys Musterung fast die ganze Halle zusammen, während Phil seelenruhig in Richtung Parkplatz ging. Das würde ihn noch viel Erklärung kosten.

EIN HALBES JAHR SPÄTER
Eine neue Clique, die Szene und sein stetig wachsendes Selbstbewusstsein hatten aus dem innerlich zitternden und schlotternden Jungen endlich einen Mann gemacht. Er hatte es sogar geschafft, sich seiner Vergangenheit, sprich sich seinem Vater zu stellen. Auch erste sexuelle Erfolge waren zu verbuchen, aber nie wirklich etwas Ernstes. Mit Danny hatte er keinen Kontakt mehr, dafür aber mit Maria. Einmal im Monat telefonierten die beiden zwei Stunden lang.

Dann kam dieser Tag kurz vor Weihnachten …

Riiiiiinnnnnnggggg. … Ja, Moment …

„Hey Flip, post für dich.“ Maike war inzwischen seine beste Freundin geworden.

„Komme.“ Phil erhob sich von seinem Schreibtisch und ging zur Wohnungstür, wo ihn eine kleine, dickliche Postbotin mit einem Päckchen empfing.

„Eine Unterschrift bitte.“ Flip (sein neuer Spitzname) kritzelte auf eins dieser elektronischen Dinger und bekam im Gegenzug sein Paket.

„Ok“, erkundigte sich Maike aufgeregt. „Kriegst du schon vorzeitig Weihnachtsgeschenke.“

„Von wem?“, stichelte Flip, als er ungeduldig das Paket öffnete.

Eine Flaschenpost! Flip traute seinen Augen kaum.

„Ach wie romantisch.“ Maike geriet direkt ins Schwärmen. Flip entnahm den Inhalt der Flasche … „Ein Brief“,

bemerkte sie.

„Wie scharfsinnig, Ms. Fletcher“, witzelte Flip, während er das Blatt auseinanderfaltete.

24 UHR, 31.12.2010, DOM
Das war alles, was auf diesem Stück Papier stand. Flip begriff sofort im Gegensatz zu Maike. Er würde da sein, auf jeden Fall.

Silvesternacht. Punkt fünf vor Zwölf erreichte Phillip das Kloster „neuer Dom“. Er fühlte sich komisch. Innerlich aufgewühlt und doch spürte er einen innerlichen Frieden und spürte die Wärme um ihn herum.

Bing Bing Bing … die Glocken des neuen Doms schlugen Zwölf und er spürte zwei warme, weiche Hände, die sich sanft um seine Hüften schmiegten.

Er kannte diese Hände. Er kannte diesen Mann dazu. Und obwohl er sich die letzten Monate von ihm versucht hatte, abzulenken, war es ihm nie wirklich gelungen.

„Hi“, hauchte er in die Stille.

„Hi“, erklang ein Flüstern an seinem Ohr.

„Und starten wir ein neues Projekt?“ Seine Augen blitzten schelmisch in die seines Gegenübers. Dieser nickte verneinend.

„Nie wieder Projekt, versprochen.“ Danny lächelte ihn an. „Du“, er tauchte tief in Phils Seele, „ich liebe dich.“

„Ich dich auch, du Hohlkopf“, erwiderte Phillip und kurz darauf trafen sich ihre Münder. Sie würden einander nie wieder loslassen.

Bist du schon Mitglied bei iBoys? Wir sind eine offene queere Community für Jungs bis 29. Werde Teil unserer Gemeinschaft und lerne andere Jungs aus deiner Nähe kennen!

Hier kannst du dich kostenlos registrieren

iBoys unterstützen

Du findest iBoys und unsere Arbeit toll? Als ehrenamtliches Projekt sind wir auf jede Unterstützung angewiesen und sind über jede Spende dankbar! Vielleicht gibst du uns ja einen (oder zwei) Kaffee über Paypal aus :-)