Coming Out Stories

Schwule Geschichten von Jungs für Jungs. Erzählt eure Coming-Out Story und gebt hilfreiche Tips.

Das ist eine Coming-Out-Geschichte

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Das ist eine Coming-Out-Geschichte, wie sie (hoffentlich) nicht alltäglich ist.

Bevor die eigentliche Geschichte beginnt, möchte ich klarstellen: Ich bereue nichts. Sämtliche Ereignisse meiner Vergangenheit haben mich zu dem Menschen gemacht, der ich heute bin. Zwar hätte Einiges besser laufen können (und sollen), aber jedes Ereignis hatte seine Ursache, seine Folge und seinen Sinn.

Damit klar wird, wie es zu was gekommen ist, muss ich mit dieser Geschichte sehr früh beginnen, genauer gesagt in der Volksschule. Denn ich begriff schnell, wie ein "A" aussieht und was 1+1 ergibt. Ich war unterfordert, und meine gelangweilten Blicke aus dem Fenster fasste meine Lehrerin falsch auf. Dadurch kam es dazu, dass sie mich aus dem Unterrichtsgeschehen ausgrenzte und indirekt dafür sorgte, dass ich gehänselt wurde und den Kontakt zu meinen bisherigen Freunden verlor. Genug Angriffsfläche bot ich ja. Doch - gedankt sei dir, Sigrid - in der dritten Klasse bekamen wir eine neue Lehrerin, die alles dafür tat, dass ich wieder zur Gruppe gehörte. Aber dennoch war ich immer "der andere". Vertrauen zu meinem Umfeld zu fassen fiel mir entsprechend schwer, stattdessen grub ich mich in Bücher ein. Und ich musste recht schnell erwachsen werden und Verantwortung übernehmen, denn bereits mit acht Jahren war ich täglich eine Stunde allein zu Hause. Zu dieser Zeit hatte ich nur einen wirklichen Freund, nennen wir ihn Markus. Er war unser Nachbar, und nur der Umstand, dass er ein Jahr älter war und eine höhere Klasse besuchte, war Grund dafür, dass wir Freunde blieben. Doch als er in die Hauptschule wechselte, brach der Kontakt auf ein Minimum ein, da er dann mit seiner Mutter in eine andere Stadt umgezogen ist.

Deshalb suchte ich mir in der Hauptschule neue Freunde. Und mit einem Jungen - nennen wir ihn Thomas - freundete ich mich recht schnell an. Doch dann kamen einige Umstände zusammen, die vieles komplizierter gemacht haben. Beispielsweise wurde ich in der Hauptschule zum ersten Mal in die Gruppe integriert und gehörte zu "den Coolen". Und - ich war recht früh reif - meine Pubertät begann. Und es entwickelten sich Gefühle zu meinen - speziell männlichen - Freunden, die ich nicht begreifen konnte. Ich war von Thomas immer mehr angetan, und meine Gefühle fühlten sich falsch an. Von meinen Eltern und dem sonstigen Umfeld wurde mir vermittelt, dass "Liebe" etwas zwischen Mann und Frau ist. Und deshalb begriff ich nicht, dass ich mich in Thomas verliebt (oder besser gesagt: verknallt) hatte. Ich gab ihm unterbewusst die Schuld an meinen Gefühlen, und wies ihn immer mehr ab. Ich sorgte sogar dafür, dass er aus der Klassengemeinschaft ausgeschlossen wurde und er unbeliebt war. Ich tat ihm das an, was mir selbst nur wenige Jahre zuvor widerfahren ist. Das eskalierte schließlich in seinem Umzug zu seinem Vater (seine Eltern lebten getrennt) und dem damit verbundenen Schulwechsel. Zu Markus entwickelte ich auch solche Gefühle, weshalb ich den Kontakt zu ihm schließlich auch vollständig abgebrochen habe. In dieser Zeit entwickelte sich eine enge Freundschaft zu meiner heute besten Freundin Daisy sowie zu Chiara, die erst später eine meiner engsten Freundinnen geworden ist.

Nach der Hauptschule besuchte ich eine Höhere Technische Lehranstalt, die bevorzugt von Jungs besucht wird. Daisys 16. Geburtstag war eine große Party mit einer Menge Alkohol. Langer Rede kurzer Sinn: "Wetten, dass ich diese Flasche Wodka nicht auf Ex leerbekomme?" - Daisys Eltern mussten mich aus dem Keller in ein leeres Zimmer im ersten Stock bringen. Und dann legte Daisy sich neben mich und wollte Sex mit mir haben. "Lass mich in Ruhe!", habe ich gesagt, und sie weggestoßen. War aber auch nicht schlimm, dafür hatte sie an diesem Abend mit fünf anderen Typen "etwas laufen", darunter auch ihr damaliger Freund Johann. Gemeinsam durchschritten sie jedes ihrer täglichen Gefühlskarusselle: Morgens die tränenerfüllte Trennung und der abendliche Versöhnungs-Sex. Nach einiger Zeit hatte ich die Nase vom täglichen Trösten satt und brach den Kontakt ab.
Und dann kam einer der wichtigen Meilensteine meiner Entwicklung: Beim Gucken eines Pornos wurde mir bewusst, dass ich nicht von der Frau, sondern vom Mann erregt wurde. Als mir das bewusst wurde, brach ich zuerst in Tränen aus: Was würden meine Eltern und meine Freunde davon halten? Deshalb machte ich einen Test mit Chiara, mit der ich in letzter Zeit wieder mehr geschrieben hatte: "Was würdest du sagen, wenn du herausfinden würdest, dass ein Freund von dir schwul ist?" - "Was, du bist schwul? Das ist großartig! Wir müssen irgendwann einmal gemeinsam shoppen gehen!". Von da an war sie meine beste Freundin.
Doch dann versuchte ich, es meiner Mutter beizubringen. Nachdem wir vom Einkauf (im Hochsommer) zu Hause angekommen sind, behielt ich meine Sonnenbrille auf, und versuchte, "es" anzusprechen. Sie versuchte, auszuweichen, und "andere Gründe" für meine Homosexualität zu finden. Sie meinte, sie sehe sich auch andere Frauen an. Doch ich argumentierte, dass Frauen immer die Konkurrenz im Auge behalten. Sie meinte, ich solle noch einmal darüber nachdenken. "Sag' aber dem Papa nichts davon."
Dann chattete ich mit einem Freund aus meiner Klasse, Roland. Er sagte mir, dass Taddhäus im kommenden Schuljahr in unsere Klasse kommt, und schickte mir einen Link auf Facebook. Ich kam mit Taddhäus ins Gespräch, und als ich in seinem Profil "In einer Beziehung mit [männliche Person]" las, sprach ich ihn darauf an. "Ja, ich bin schwul". Daraufhin outete ich mich auch bei ihm. Wir schrieben noch viele Stunden über Dinge, an die ich mich heute gar nicht mehr erinnern will. Einige Monate später - Taddhäus besuchte folgend doch nicht unsere Klasse, oder gar unsere Schule - wollte ich mich bei einem Freund aus meiner Klasse, auf den ich auch stand, outen. "Ach, glaubst du im Ernst, das wissen wir noch nicht? Hast du nicht gecheckt, dass wir das alle schon wissen?" Taddhäus hatte den Chatverlauf ausgedruckt und Roland gegeben. Und ich hatte sogar mit dem Rauchen angefangen, um Taddhäus zu gefallen. Und wie sich nachher herausstellte, war Taddhäus nicht einmal schwul. Ich war am Boden zerstört, doch wie sich herausstellte, war das das Beste, das mir überhaupt passieren hätte können. Dadurch, dass es bereits alle wussten, war es viel leichter für mich, dazu zu stehen.
Noch im selben Schuljahr kam es zu einer unguten Situation: Ich wollte ein Foto von einem Freund machen, und er saß so ungünstig, dass meine Handykamera in Richtung des sich gerade umziehenden Florian gerichtet war. "Ach, machst du gerade Wichsvorlagen-Fotos von mir oder was? Verschwinde bevor ich dir noch eine Gerade gebe!". Einige Tage später, in der Klasse, kam ein krummer Spruch. Daraufhin hielt ich eine spontane Rede: "Wisst ihr was, wir kennen uns seit fast drei Jahren. Ich war immer schwul, und ich werde es auch immer sein. Dass ihr es jetzt wisst, sollte nichts ändern. Und falls es doch etwas ändert, dann tut mir das sehr leid." - "Ist ja schon gut" war Florians Antwort darauf. Und seitdem war ich aus dem Schneider: Meine Freunde hatten verstanden, dass sich nichts geändert hatte, außer, dass sie die Wahrheit über mich und meinen guten Draht zu Frauen erfahren haben. Und ich konnte ihnen auch verständlich machen, dass Schwule nicht wahllos auf jedes männliche Wesen stehen.
Doch bis dahin hatte ich den "Faktor Papa" noch nicht beachtet. Im Fernsehen kam ein Bericht über Schwule, und Papa hat irgendeinen abfälligen Kommentar darüber geäußert. Ich habe die Schwulen in Schutz genommen. "Ach, bist du etwa schwul?" - "Und selbst wenn, wäre das denn so schlimm?". Den restlichen Tag lief Papa auf Kohlen. Abends bat meine Mama mich schließlich, ihm zu sagen, dass ich nicht schwul bin. Das tat ich dann auch. Und seine Reaktion zerbrach etwas in mir: Er nahm mich in den Arm und sagte "Das hätte ich auch nicht ausgehalten. Was für eine Schande das gewesen wäre, mein Sohn und schwul!". Und am nächsten Morgen, bevor er zur Arbeit fuhr, sagte er noch "Zum Glück bist du nicht schwul, mein Sohn". An diesem Tag starb etwas in mir. Ich finde keine besseren Worte dafür, denn genau so hat es sich angefühlt. Heute kann ich darüber weinen, damals konnte ich es nicht.
In den Semesterferien wollte ich ausgehen. Deshalb fragte ich Simon, ein Klassenkamerad aus dem gleichen Ort, ob er an diesem Abend fortgehen würde. Doch er hatte Besseres zu tun und verwies mich an einen seiner Freunde. Mit dessen Clique war ich dann unterwegs, und auf dem Heimweg im Taxi passierte etwas. Ich kann mich aufgrund einer Gehirnerschütterung mit zugehörigen Hirnblutungen nicht erinnern, was passiert ist, aber ich glaube, ich wollte mir das Leben nehmen. Ich sprang aus dem fahrenden Fahrzeug, und verfehlte nur um Zentimeter mit der Stirn einen Baum.
Wachwerden im Krankenhaus, zwei Tage später. Mama: "Sohn, hast du uns etwas zu sagen?" - "Mama, Papa: Ich rauche seit September." - betretenes Schweigen - "Das ist gut zu wissen, aber wir meinen etwas Anderes." - Schweigen meinerseits - Papa: "Du bist schwul!".
Schock. Meine Freunde hatten es ihnen in meiner "Abwesenheit" erzählt. Es dauerte noch Monate, bis ich mit Papa wieder auf einem Level von Vater-Sohn-Beziehung war. Und die Nachbarschaft tratschte sowieso über "den Schwulen". Noch heute sieht mich die Assistentin meiner Ärztin an, als hätte ich eine tödliche, ansteckende Krankheit. Und selbst heute noch verhindern meine Eltern, dass ich der Verwandtschaft und dem weiteren Umfeld von meiner Homosexualität erzähle. Sie meinen, das wäre für sie eine "zu große Belastung", wenn das alle wüssten. Doch wie die Heimlichtuerei für mich ist, interessiert sie herzlich wenig.
Mit 17 meldete ich mich auf einer Online-Plattform für Schwule an. Dort lernte ich Benedikt kennen. Wir verstanden uns ausgezeichnet und verliebten uns. Als wir uns dann trafen, hatte ich mein "Erstes Mal". Und zwei Tage später machte er Schluss. Ich kam mir sprichwörtlich gefickt vor.
Mit meinem zweiten Freund, Johnny, lief es länger und besser. Ich hatte denjenigen gefunden, mit dem ich gerne mein restliches Leben verbracht hätte, doch offensichtlich hat das Schicksal Anderes für uns beide vorgesehen, denn er hielt die Entfernung zwischen uns nicht aus.
Und wie ich erst kürzlich feststellen musste, ist Thomas - mein Hauptschul-Freund - auch schwul. Es hätte Vieles so anders laufen können, hatte ich das nur bereits in der Hauptschule geahnt. Vielleicht wäre ich dann auch anders mit mir selbst umgegangen, als einen Selbstmordversuch zu starten, aber wer weiß - Man kann nur etwas für die Zukunft tun. Und dadurch, dass ich bereits fast gestorben wäre, begegne ich jedem Tag mit einer anderen Lebenseinstellung. Ich genieße jeden Tag mit seinen guten und schlechten Seiten.
Und, zu guter Letzt: Mit Daisy bin ich seit meinem Abschlussball wieder sprichwörtlich "Arsch und Hose".