Gay Geschichten & Coming Out Stories

Unsere schwulen Geschichten & Coming-Out Stories soll Personen - vor allem Jugendlichen, die vor ihrem Coming-Out stehen, zeigen, dass sie nicht alleine sind und ihnen somit Mut machen, sich zu outen und ihre Sexualität in Zukunft offen ausleben zu können.

Das Haus am See

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In der kommenden Story steckt eine gehörige Portion Autobiografie, aber auch eine gehörige Portion Fantasie. Hoffe trotzdem, dass beide Portionen eine halbwegs ausgewogene Kost ergeben. Die Genießer können sich gerne zum Zwecke der Kritik oder des Lobes beim Story-Koch melden, das Rezept bleibt aber dessen Eigentum. Im Klartext: Die Geschichte darf nicht, auch nicht in Auszügen, ohne Genehmigung des Autors gekürzt, kopiert oder anderweitig verbreitet werden. In dem Sinne: Guten Appetit und viel Spaß.

Verdammt, nichts als Arbeit! Also, nicht dass ich etwas gegen Geld verdienen habe, aber am Freitagfrühabend hält sich mein Schaffensdrang in überschaubaren Grenzen, vor allem, wenn wie in diesem Fall ein freies Wochenende vor der Tür stand. Als Journalist kann ich diesen Luxus nur aller 14 Tage genießen – mache das dann aber gern in vollen Zügen und fange nicht erst am späten Freitagabend damit an. Aber manchmal kommt es eben anders, als man denkt...

Unser Team war in einer sanierten Barock-Villa, die als bekanntes Ausflugslokal unserer Region fungierte. Dort sollte irgendein Marketingkonzept vorgestellt werden. Und für einen lokalen Fernsehsender herrscht dort natürlich Anwesenheits- und Berichtpflicht. Veranstaltungen wie diese bedeuten jede Menge lokale Prominenz und für mich immer ein Lächeln auf den Lippen, hinter dem sich in diesem Fall der Gedanken nach einem erfrischenden Bad im angrenzenden See verbarg. Bei 30 Grad im Schatten arbeitet halt niemand gern. Jedenfalls nicht in stickigen Räumen. „Warum müssen die das in dem Zimmer machen, das im gesamten Haus am wärmsten ist“?, raunte mir Tim zu. Unser junger 17-jähriger Praktikant war für mich der einzige Lichtblick an diesem Nachmittag. Seine Frage brachte messerscharf auf den Punkt, was wohl alle im Raum dachten. Ich grinste: „Damit alle wissen, was für ein heißes Programm hier gleich vorgestellt wird.“ Wir lachten, und ich bat ihn, den Laptop in Arbeitslaune zu versetzen. Schließlich musste der Text für den Bericht umgehend in die Redaktion weitergeleitet werden, um in der aktuellen Nachrichtensendung Verwendung zu finden. Für uns war es der letzte Termin, danach war Feierabend, und ich hatte ihm versprochen, ihn direkt nach Hause zu fahren, damit wir beide nicht noch einmal ins Büro mussten.

Ich ging zu meiner Kamerafrau, um mit ihr Einzelheiten für den geplanten Beitrag durchzusprechen. In unserem jungen Team, mit 26 war ich noch einer der Ältesten, war es entgegen irgendwelchen Klischees durchaus üblich, dass Frauen für gute Bilder verantwortlich waren. Irgendwann begann die Prozedur, und tatsächlich schafften es die Initiatoren, ihr Konzept innerhalb einer Stunde vorzustellen. Nach weiteren 30 Minuten, die mit Nachfragen der anwesenden Pressevertreter gefüllt wurden, war der offizielle Teil beendet. Ich bemühte mich redlich, meinen Text locker und fluffig zu verfassen, im Gegensatz zur staubig-trockenen Atmosphäre im Veranstaltungsraum, und bat Tim, das fertige Produkt per E-Mail zur Redaktion zu schicken. Während er also eine Internetverbindung aufbaute und ich die Kamerafrau zum Sender delegierte um das Material abzuliefern, kam der Landrat auf mich zu. „Tom, bleiben Sie noch einen Moment? Wir wollen auf das gelungene Projekt anstoßen. Und die Presse darf nicht fehlen. Schließlich ist sie uns dabei eine große Hilfe.“ Der Politiker, den ich durch diverse Veranstaltungen sehr gut kannte, zwinkerte mir zu. „Und Ihr Sender ganz besonders. Kommen Sie mit in den Saal?“ Es hieß, Präsenz zu zeigen. Auch nach Feierabend. „Bin sofort da.“ Der Landrat nickte zufrieden und enteilte in Richtung Konferenzraum.

Ich sah Tim achselzuckend an, der natürlich nun noch auf mich warten musste. „Dauert noch’n Moment.“ Der Junge ließ keinen großen Protest erkennen. „Ich hab eh noch nichts vor heute, und meine Eltern sind auch nicht zu Hause.“ „Kommst du mit?“ „Nö, der Text ist noch nicht ganz durch, und das ist eh nichts für mich. Ich bleibe hier und warte auf dich.“ „Okay“, lächelte ich ihn an, „ich beeile mich.“

Beeilen ist in diesen Kreisen immer so eine Sache. Da wird man in dieses Gespräch vertieft, wird auf jenen Termin aufmerksam gemacht und auf Fehler in Berichterstattungen hingewiesen, die natürlich grundsätzlich immer auf andere Kollegen zurückzuführen sind. Das Ganze dauerte also viel länger als ich dachte. Aber irgendwann schaffte ich es tatsächlich mich aus der illustren Versammlung zu lösen, die von der Konzeptvorstellungskonferenz längst zur Wochenend-Opening-Party mutiert war.

Ich ging also vom Festsaal zurück zu dem Zimmer, das als Medienzimmer gedient hatte. Die Tür war offen und Tim bemerkte gar nicht, dass ich zurück war. Er saß vor dem Laptop und war in irgendetwas vertieft. Ich schlich mich an und warf einen Blick auf das, was den Praktikanten offensichtlich daran hinderte, sich über die anfallenden Überstunden zu beschweren. Unwillkürlich musste ich grinsen – Tim war bei nickstories.de gelandet und in eine der dortigen Geschichten vertieft. Mein Warten bleib ohne Erfolg, der Junge war in die Welt irgendeiner Story eingetaucht und hatte alles andere komplett verdrängt, selbst als ich mich räusperte, blieb das ohne Reaktion. „Willst du noch fertig lesen, oder wollen wir fahren? Denkst du, die beiden kriegen sich noch?“

Tim schreckte auf, er sah mich erschrocken an, und seine Gesichtsfarbe begann, schnellstens in Richtung helles Weiß zu tendieren. Er hatte realisiert, dass ich realisiert hatte, was er da las, und begann zu zittern. „Ich... ich ... äh, verdammt, scheiße...“ Der Junge rannte aus dem Raum und dem Haus. Aus dem Fenster konnte ich beobachten, dass er sich in den am See liegenden Schilfgürtel flüchtete. Da ich davon ausging, dass er von dort nicht sofort wieder verschwinden würde, nahm ich mir die Zeit, den Rechner herunterzufahren, ihn einzuladen und in meinem Auto zu verstauen. Vom siebten Sinn getrieben erwarb ich im Biergarten des Lokals noch ein bisschen flüssige und feste Verpflegung und begab mich ebenfalls ins Schilf.

Ich fand ihn auf einer kleinen, von außen nicht einsehbaren Lichtung direkt am Wasser. Er starrte auf den spiegelglatten See, und er hatte Tränen in den Augen. „Was willst du?“ „Meinst du, ich lasse dich hier im Schilf sitzen?“ „Kann dir doch egal sein. Geh doch jedem erzählen, dass ich schwul bin. Das versteht doch eh keiner. Aber lass mich in Ruhe.“ Ich setzte mich neben ihn und reichte ihm ein Taschentuch. Als er nicht reagierte, wischte ich ihm die Tränen aus den Augen, legte meinen Arm um seine Schultern und erzählte ihm in wenigen Sätzen das Ende der Story, die er vorhin begonnen hatte zu lesen und bei deren Lektüre ich ihn gestört hatte. Als ich fertig war, sah er mich an, und seine Angst schien ein bisschen gewichen. „Mensch, wie hast du denn die Geschichte so schnell zu Ende gelesen?“ Ich musste lächeln. „Gar nicht. Ich hab sie vor ein paar Monaten zu Hause gelesen.“

Tim brauchte ein bisschen, um die Tragweite dieses Satzes zu begreifen. Er sah mich mit großen, leicht erröteten Augen an und fragte mich dann ungläubig: „Du ... du auch?“ Ich nickte leicht. „Ja, ich auch.“

Er schüttelte seinen Kopf, begann zu lachen, und ich hatte immer noch meinen Arm um seinen Schultern. Er legte seinen Kopf auf meine Schulter und flüsterte leise: „Dass ich das erleben darf...“ „Wie meinst du das?“, fragte ich ihn. „Du bist vielleicht der Erste, der mich wirklich versteht. Weißt du, wann mich zuletzt jemand im Arm gehabt hat? Wann ich mal mit jemandem reden konnte, so richtig, über das, was mich wirklich bewegt? Meine Eltern haben doch nur ihre eigenen Probleme, Hauptsache, ich funktioniere richtig.“ Ich streichelte ihm über sein blondes, kurzes Haar. „Naja“, entgegnete ich ihm, zumindest weiß ich, dass es schwer ist, den Weg zu gehen, dessen Ziel du noch nicht erreicht hast. Vielleicht, weil du den Anfang noch nicht gefunden hast. Aber ich weiß, wie schwer das ist.“ Tim sah mich fragend an: „Wie war das bei dir damals? Wie hast du gemerkt, dass du schwul bist?“

Ich überlegte und dachte an Marc, mit dem für mich alles irgendwie begonnen hatte, und begann nach kurzem Überlegen, ihm eine lange Geschichte zu erzählen. Aber da es an Zeit sowieso nicht mangelte und uns beide nichts drängelte, holte ich ein bisschen weiter aus und begann, als ich selbst ein junger, unschuldiger Fünftklässler war.

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Unsere Klasse war damals eine eingeschworene Gemeinschaft, in den überwiegenden Bestandteilen seit der Einschulung zusammen. Irgendwann in diesem Schuljahr gab es einen Neuzugang namens Marc zu verzeichnen, der niemanden kannte und der somit zunächst fast zwangsläufig zum Außenseiter avancierte.

Dass ein Elfjähriger so etwas auf Dauer nicht verträgt, sollte klar sein. Bald hatte sich zwischen Marc und einem weiteren Jungen eine waschechte Fehde entwickelt, die sich irgendwie an einer Nichtigkeit entzündete und dann sehr hartnäckig gepflegt wurde. Mindestens einmal pro Woche gab es eine handfeste Prügelei zwischen den beiden.

Wer die Struktur einer DDR-Schule kennt, weiß, dass es in jeder Klasse einen Gruppenrat gab. (Für alle anderen sei gesagt, dass das so etwas wie ein Junior-Betriebsrat war, sozusagen das Verbindungsglied zwischen pädagogischem Personal und Schülerschaft). In meiner Funktion als Mitglied dieser Institution machte ich mich zunächst bei Marcs Familie unbeliebt. Der Rat hatte beschlossen, seine Eltern aufzusuchen und diese zu bitten, ein bisschen mehr Einfluss auf ihren Jungen zu nehmen. Schließlich wollten wir Ruhe in unserer Klasse.

Ebenfalls Ruhe wollte Marcs Vater, als wir mit sechs Mann (naja, oder sagen wir mal lieber zu sechst) bei ihm vor der Haustür auftauchten. Wir schilderten ihm kurz das aus unserer Sicht weltbewegende Problem, aber er hielt den Ausbau seines Hauses, mit dem er gerade beschäftigt war, irgendwie für wichtiger. Wie konnte er nur? Er brummte irgendetwas von „Klärt das unter euch und lasst mich in Ruhe“ und siebte weiter seinen Sand. Ich schwang mich zum Wortführer auf. „Kommt wir gehen, das hat keinen Sinn. Wie der Vater, so der Sohn.“ Er schaute mich verblüfft an – das hatte er von einem elfjährigen Steppke wohl nicht erwartet. Erst als wir eh schon fast außer Hörweite waren, brüllte er hinterher: „Verschwinde und lass dich hier nicht noch einmal sehen“, wobei er wohlgemerkt nur die Einzahl benutzte, obwohl wir zu sechst waren. Uns war klar, wen er damit meinte. Mir war es egal, ich hatte eh nicht vor, noch einmal dorthin zurückzukehren. Aber in diesem Alter halten Vorsätze oft nicht lange.

Es gab viele Arten mir den Sportunterricht schmackhaft zu machen. Handball oder Fußball zum Beispiel, auch wenn ich alles andere als ein begnadetes Talent war. Leichtathletik und Hochsprung weckten meinen Kampfgeist, ich entwickelte den Ehrgeiz, stets bessere Leistungen zu bringen. Das Meisterwerk vollbrachte mein Sportlehrer aber immer, wenn er seine berühmte „Kraft-Zwölf“ aufbaute. Ein Dutzend Stationen, an denen es galt, die unterschiedlichsten Muskeln zu stählen und dabei Punkte zu sammeln, für die es später Zensuren gab.

Dieser Kraftkreis änderte mein Verhältnis zu Marc im wahrsten Sinne des Wortes schlagartig. Ich war damit beschäftigt Seilsprünge meiner Turngruppe zu zählen, als es an der Kletter- und Klimmzugwand plötzlich einen kurzen Schrei gab. Ich sah, dass Marc auf der Matte lag und ganz offensichtlich nicht Junge seiner Sinne war.

Sportlehrer Jentsch, der natürlich nicht an zwölf Stationen gleichzeitig sein konnte, erkundigte sich, was vorgefallen war. „Er ist irgendwie gestolpert und dann mit dem Kopf an den Klimmzughalter gestoßen.“

Autsch. Immerhin hatte unser Enfant terrible mittlerweile sein Bewusstsein wiedererlangt. Er blutete leicht am Kopf, Herr Jentsch wechselte blitzschnell vom Pädagogen zum Mediziner und diagnostizierte: „Das ist halb so schlimm. Das muss nicht einmal genäht werden. Marc versuchte, gleichzeitig Stärke zu zeigen und Schmerzen zu verbergen: „Dann kann ich jetzt weitermachen?“ Der Sportlehrer protestierte: „Nein, du gehst jetzt nach Hause. Und wenn es heute Abend mit den Schmerzen nicht besser wird, gehst du zum Arzt.“ Heutzutage hätte vermutlich jeder Lehrer einen Rettungshubschrauber benachrichtigt, damals hieß es nur „Wer bringt ihn zu seinen Eltern?“

Schweigen im Walde, das Interesse, den Verunfallten in den Schoß seiner Familie zu bringen, hielt sich offenbar in Grenzen. Obwohl dafür mindestens eine Unterrichtsstunde draufging. Da sich niemand freiwillig meldete, oblag es dem Sportlehrer, einen Heimwegbegleiter zu bestimmen, und seine Wahl fiel auf mich.

Ich sparte es mir zu protestieren, hoffte aber inständig, dass Marcs Vater nicht wieder mit Bauarbeiten vor dem Haus beschäftigt war. Ich geleitete meinen verletzten Klassenkameraden in die Umkleide, wo er selbst erst einmal im Spiegel die Schwere seiner Verletzung überprüfte. „Halb so schlimm. Hab ich schon schlimmer gehabt.“ Es folgte eine kleine Aufzählung diverser kleinerer Unfälle. „Hast schon ein bisschen was erlebt, wie?“ Er nickte nachdenklich. „Du hast Glück, dass mein Vater nicht zu Hause ist. Dann würdest du nämlich was erleben.“ Ich grinste leicht.

Marcs Mutter nahm ihn in Empfang ohne groß zu lamentieren. Offensichtlich war sie kleinere Beschädigungen an ihren Sprösslingen gewohnt (es gab noch einen jüngeren Bruder). Da sie mich noch nicht kannte, war der Empfang recht freundlich, sogar Getränke wurden mir angeboten. Der Lockruf des Unterrichts allerdings war damals noch sehr stark, und mein Plan war, rasch in die Bildungseinrichtung zurückzukehren. Ich strich Marc noch einmal leicht über den Kopf und sagte ihm leise: „Machs gut, Pechvogel.“ Er sah mich lange an und fragte fast ängstlich: „Wollen wir Freunde werden?“ Hm. Ich überlegte kurz. So schlimm, wie ich dachte, war der Junge gar nicht. Ich nickte leicht und ging. Das Eis war gebrochen.

Die Klassenfahrt in diesem Schuljahr drückte unserer Freundschaft einen weiteren Stempel auf, gab uns sozusagen den Rest. Beim klasseninternen Fußballspiel gleich am Ankunftstag hatte die Defekthexe bei Marc wieder einmal zugeschlagen, er hatte sich den Knöchel verstaucht. Das hinderte ihn selbstverständlich daran, an den geplanten ausgedehnten Wanderungen teilzunehmen. Und da sogar unsere Klassenlehrerin einsah, dass er nicht den ganzen Tag allein im Lager bleiben konnte, gab sie meinem Vorschlag statt, als „Krankenpfleger“ im Lager zu bleiben. „Ihr könnt ja ein bisschen was für die Schule tun“, schlug sie vor. Wir lächelten sie beide an und sagten wie aus einem Mund: „Na klar.“

Ich weiß heute wirklich nicht mehr so genau, wie wir uns damals die Zeit vertrieben haben. Nur noch, dass es definitiv ohne Fernseher und Computerspiele ging. Irgendwann kamen wir auf die Idee, uns einen Sonnenuntergang anzusehen. Während die anderen irgendwelche Karten- oder Gesellschaftsspiele zelebrierten, schlichen wir uns aus dem Lager auf eine kleine Anhöhe und beobachteten nicht nur den glühenden und am Horizont verschwindenden Fixstern. Er tippte mir mit seiner Hand auf die Schulter und deutete Richtung Waldrand, wo ein Rudel Reh scheu aus dem schützenden Dickicht trat. Wir schauten fasziniert und schweigend auf das Naturschauspiel. Marc hatte seinen Arm um meine Schulter gelegt und kuschelte sich an mich. Irgendwie hat es damals bei mir Klick gemacht, oder vielmehr „Plopp“: Amors Pfeil hatte mich zum allerersten Mal getroffen, natürlich ohne dass ich damals im Entferntesten eine Ahnung davon hatte, was mit mir los war.

Von da an waren wir eigentlich unzertrennlich. In den Sommerferien des folgenden Jahres, wir freuten uns – mehr oder weniger – auf die siebte Klasse, verbrachten Marc und ich einen Großteil unserer Zeit mit Schwimmbadbesuchen und Radtouren. Eine dieser Fahrten hatte uns in die Flussauen geführt, wo wir beschlossen ein wenig zu rasten. Wir breiteten unsere Decke aus, kümmerten uns rasch um die Vernichtung der mitgenommenen Verpflegung und legten uns dann nebeneinander auf die Decke.

Die Sonne zelebrierte muntere Wechselspielchen: Rein in die Wolke – Wind an, Thermometer runter. Raus aus der Wolke – Wind aus, Thermometer hoch, Sonnenbrandgefahr an. Marc wurde das offensichtlich zu bunt. Er verlagerte seinen Standort, bewegte sich unter die Decke. „Komm runter. Du erkältest dich oder holst dir einen Sonnenbrand.“ Der Gedanke, mit diesem Jungen unter einer Decke zu liegen, bereitete mir mehr oder weniger sichtbares Vergnügen, sodass ich nicht lange nachdenken musste, dieser Einladung Folge zu leisten.

Marc wusste genau, was er wollte. „Mir ist kalt“, zitterte er. Nun wechselten zwar die Wetterbedingungen nahezu sekündlich, aber dass bei Temperaturen von minimal 20 bis maximal 30 Grad ein gesunder Mensch Schüttelfrostanfälle bekommen sollte, schien mir doch eher unwahrscheinlich. Entsprechend fragend muss ich ihn angesehen haben. Er sah das, lächelte und versicherte mir äußerst glaubwürdig: „Doch, wirklich... Wärm mich“, und sah mich mit großen, braunen Waldi-Augen an. Ich begann, ihm über den Rücken zu streicheln. „Hier, fühl mal“, bat er mich und führte meine andere Hand zu seinem Arm.

Tatsächlich schien ihm kalt zu sein: Er hatte Gänsehaut. Ohne lange nachzudenken nahm ich ihn komplett in den Arm. Und was machte er? Er drückte mir einen Kuss auf die Lippen.

Wir setzten unsere Radtour an diesem Tage nicht fort und blieben am Fluss unter der Decke. Wenn sich andere Spaziergänger näherten, verschwanden wir ganzkörperlich unter dem Wollprodukt. Ein bemerkenswertes Bild für die Passanten: Ein lebendes Wollbündel. Na, was einem da wohl für Gedanken kommen.

Definitiv ähnliche Gedanken hatte Marc, dessen streichelnde Hand langsam und liebevoll an meinem Oberschenkel empor wanderte. Ich protestierte zunächst, aber er sagt mir: „Das gehört doch dazu. Du darfst auch.“ Er küsste mich und führte meine Hand zwischen seine Beine. Als hätten es die Naturfreunde gewusst, blieben wir zwei im Verlaufe der nächsten halben Stunde unter unserer Decke unbehelligt. Vielleicht aber hatten wir die Vorbeigehenden auch einfach nur nicht mitbekommen.

Von da an gehörten diese stillen intensiven Momente zu zweit zu unserer Freundschaft dazu. Ich lernte außer Liebe damals noch ein weiteres Gefühl kennen: Eifersucht. Marc beteiligte sich nämlich an dem pubertierenden Partner-Bäumchen-Wechsel-Dich-Spiel. In unserer Klasse gab es damals einen Pool von circa fünf Jungs und fünf Mädchen, die wirklich in jeder möglichen männlich-weiblichen Konstellation Erfahrungen sammelten und austauschten. „Mein“ Marc war einer der Aktivsten, wenn es darum ging Zungenküsse zu probieren.

Nur gelegentlich zeigte eins der Mädchen für mich Interesse. Es hielt nie länger als eine Woche, ich bemühte mich auch nicht darum die Beziehung in Richtung dauerhaft voranzutreiben. Dauerhaft wollte ich nur eins: Marcs Zärtlichkeiten.

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Je älter wir wurden, desto seltener wurden unsere Momente voller Zweisamkeit. Mittlerweile war die Zärtlichkeit fast aus dem Spiel, es ging nur noch um die blanke Lust und Befriedigung. Für mich war das natürlich weniger befriedigend. Aber ich wusste längst, dass Marc vermutlich nie ähnlich wie ich würde empfinden können. Er stand halt auf Frauen, gelegentliche Abwechslungen nicht ausgeschlossen. Die Freundschaft zu ihm wurde lockerer. Nach der deutschen Einheit wechselten wir die Schulen. Er ging auf die Realschule, ich ans Gymnasium.

Für mich war weit und breit kein Partner in Sicht, an ein Outing war nicht zu denken. Meine Umgebung war komplett hetero eingestellt. Wenn ich damals nicht allein war, hatten sich alle anderen perfekt getarnt. Genauso perfekt wie ich mich selbst.

Die Clique, die damals in losen Abständen von meiner Anwesenheit beglückt wurde, erhielt eines Tages Zuwachs. Fast wie aus dem Nichts tauchten zwei Jungs auf – und blieben. Rico und Maik waren ein bisschen älter als wir, und deswegen stiegen sie relativ schnell in der Hierarchie auf. Rico schien es in unserem Ortsteil gut zu gefallen, er mietete sich einen Garten mit einer Laube, die ab sofort Anlaufpunkt für die Clique wurde. Ein Jugendtreff im Grünen, eine erwachsenenfreie Zone. Das kam bei uns 16-jährigen natürlich an. In regelmäßigen Abständen, die immer kleiner wurden, gab es also Partys zu feiern. Zunächst aus den nichtigsten Anlässen, später einfach nur der Party wegen.

Maik, der vorsichtig ausgedrückt alles andere als ein helles Köpfchen war, wurde in ebenso kleiner werdenden regelmäßigen Abständen gegen Andre ausgetauscht. Er war ein Freund von Rico aus alten Zeiten, deutlich älter als wir, hatte ein Auto und war außerdem schwul. Dazu stand er, und damit hatte auch niemand ernsthaft Probleme. Jedenfalls nicht offenkundig. Klar, ein fahrbarer Untersatz war Grund genug, den Besitzer und Fahrer zu vergöttern.

Schnell wurde auch klar, warum Maik nicht mehr auftauchte bzw. warum Andre nicht da war, wenn sich Rico und Maik die Kante gaben: Er konnte ihn überhaupt nicht ab. Das war irgendwo verständlich: Denn immer wenn die beiden zusammenhockten, war auch eine Alkoholflasche in der Nähe und dazu immer öfter auch noch ein kleines Tütchen, aus dem sich die beiden merkwürdig aussehende Zigaretten drehten.

Eines Tages oder besser eines Sommerspätabends beschlossen die beiden, in völlig zugedröhntem Zustand mit einer in der Laube versteckten Schreckschusspistole in den nahegelegenen Wald zu gehen, um dort die definitiv nicht mehr vorhandene Zielfähigkeit zu testen.

Andre versuchte vergeblich, die beiden aufzuhalten – zwischen ihm und Rico kam es zu einem schlimmen Streit. Die Beiden brüllten sich ohne Rücksicht auf die minderjährige Zuhörerschaft an. „Überleg dir, was du machst, du kannst doch nicht mehr klar denken!!!“ Ricos Antwort bestätigte das. „Was willst du denn, du willst mich immer nur befürworten. Äh... bevorworten. Bevormunden. Lass misch doch meins machen, isch bin alt genug.“ Andre änderte den Ton – von laut auf fast bedrohlich leise. „Du beweist gerade das Gegenteil. Warum musst du jetzt in deinem versoffenen Zustand mit diesem Kunden in den Wald um zu schießen? Entweder er oder ich. Entscheide dich. Wenn du jetzt gehst, ist unsere Freundschaft vorbei.“ Rico schien wenigstens zu überlegen. Maik rief seinem Saufkumpan von der Gartentür zu: „Kommst jetzt, oder was?“ Rico wischte alle seine Zweifel beiseite und ging.

Andre schaute ihm wortlos nach, und obwohl es fast schon dunkel war, sah ich deutlich, wie seine Augen von Schritt zu Schritt trauriger wurden. Er zog sich in den separaten Schlafraum der Laube zurück, der als so eine Art Schlafzimmer für Dauergäste diente. Ich wandte mich den restlichen Besuchern zu. In aller Kürze: Drei Mädchen, drei Jungs. Die Sechs hatten ganz offensichtlich andere Dinge zu tun als sich in den Konflikt dreier Älterer einzumischen oder sich gar mit der Lösung dieses Problems zu beschäftigen. „Hey, habt ihr das eben mitgekriegt?“ Marc, der mit seiner aktuellen Flamme Janina beschäftigt war, brummte ungehalten ob der Störung: „Ja, und? Die zoffen sich doch eh jeden Tag.“ Für meinen unerreichbaren Engel war das sowieso nichts Außergewöhnliches, da zwischen ihm, seinem Bruder und der außerdem noch vorhandenen Schwester auch regelmäßig die Fetzen flogen. Oder was auch immer gerade greifbar war.

Für die Jungs in der Gartenlaube waren jetzt auf alle Fälle nur die Mädels greifbar, und ich war natürlich das fünfte, siebte oder wievielte Rad am Wagen auch immer, auf alle Fälle ein überflüssiges. Ich verließ die Kuschelhochburg und überlegte kurz, ob ich Andre stören sollte, der im Gegensatz zu den fidelen Sechs deutlich einsamer im Nachbarraum saß – vermutlich unendlich traurig.

Ich klopfte und trat ein. Er saß auf einer zum Bett umfunktionierten Luftmatratze und hatte Tränen in seinen Augen. Spontan setzte ich mich zu ihm, nahm ihn in den Arm. Er begann mir die ganze Geschichte zu erzählen. Wie sich die beiden kennen gelernt hatten, wie sich die ganz große Freundschaft entwickelt hatte. Rico wusste, dass Andre schwul war. Und er wusste, dass er selbst es nicht war. Trotzdem hatten die beiden das ein oder andere nicht jugendfreie Abenteuer erlebt, gingen gemeinsam durch dick und dünn. Bis Maik dazukam. Plötzlich war Rico wie umgewandelt, die beiden soffen und kifften sich beinahe den Verstand aus dem Kopf. Andre litt unter diesem Liebesentzug, wie er es selbst nannte. „Ist ja okay, wenn da nix läuft zwischen uns. Aber da kommt dieser Typ und macht uns alles kaputt. Ich versteh’ ihn nicht.“

Es war schwer, ihm da irgendetwas Aufbauendes zu sagen. Während ich noch überlegte, wurde plötzlich die Tür aufgerissen und Rico stand vor uns. Auch bei ihm war etwas aufgerissen, nämlich die Augen. Sein Shirt war blutverschmiert.

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Tim war aufgestanden. „Werbung!!!“ Er grinste, ich schaute ihn fragend an. „Es scheint spannend zu werden. Da gibt’s immer Werbung. Ich geh noch mal schnell ins Schilf für kleine Praktikanten.“ Er verschwand, kam nur wenige Augenblicke später wieder zurück und machte Anstalten sich wieder hinzusetzen. „Du hast dir die Hände nicht gewaschen.“ Er schaute mich an, wohl um zu ermitteln, ob das eine ernsthafte Aufforderung war. Ich versuchte mir das Lächeln zu verkneifen, offensichtlich mit wenig Erfolg. „Fällt ins Wasser“, entgegnete Tim. Ich stand auf und hatte vor, ihn in den See zu befördern. Er kam mir zuvor, fiel mir in den Arm und sagte: „Warte. So gern ich baden gehen möchte. Aber ich hab kein Handtuch und keine anderen Klamotten mit. Ich konnte ja nicht ahnen, dass aus dieser Pressekonferenz ein Badeausflug wird. Wir können aber an den Biethetalsee fahren, da haben meine Großeltern einen Garten direkt am Wasser. Und sie sind garantiert nicht da, weil sie mit meinen Eltern im Urlaub sind. In Ungarn.“

In diesem Moment liebte ich Ungarn. Es war traumhaftes Wetter, und ein ebenso traumhafter Junge hatte mich gerade zum Baden auf ein einsames Grundstück eingeladen. Wir fuhren kurz an meiner Wohnung vorbei, wo ich in Windeseile ein paar Sachen in eine Tasche warf und Proviant für uns zusammensammelte. Ein paar Kilometer später lotste mich Timmy in einen einsamen, fast versteckt daliegenden Feldweg und ließ mich an einem Grundstück stoppen, das den Begriff „Garten“ eigentlich so nicht verdiente. Ein kleines gemütliches Häuschen mit gepflegtem Vorgarten und großräumig umzäunter Rasenfläche, die zur Seeseite hin direkt ans Wasser mündete. Ein Steg war Anlegestelle für ein Ruderboot, im Abendrot zog ein Schwanenpärchen über das Seewasser der untergehenden Sonne entgegen. Das hier war das Paradies.

Wir verstauten unsere Taschen im Haus, zogen uns aus, stürmten das kühle Nass und taten es den Schwänen gleich: Wir schwammen der verschwindenden Sonne entgegen. Tim kannte das Gewässer und steuerte eine Sandbank an. Er hatte Grund unter den Füßen. Ich stellte mich neben ihn und genoss das Schauspiel des Sonnenunterganges. „Das ist so schön“, flüsterte ich. „Ja“, entgegnete er, „ich hab so was noch nie mit einem anderen Menschen zusammen gesehen.“ Ich schaute in seine Augen, wo sich Tränen breit machen wollten und nahm ihn in den Arm. Er hielt mich ganz fest. „Hey, Timmy, die Zeit der Einsamkeit ist vorbei. Du kennst mich, und zwar nicht nur von deinem Praktikum. Was uns verbindet, ist mindestens eine Seelenverwandtschaft. Und was aus uns auch wird, ich bin ab jetzt immer für dich da. Du bist nicht mehr allein mit deinen Problemen.“ Er schaute mich an, erst ungläubig, dann glücklich. „Weißt du, was mir das bedeutet?“ Seine Lippen trafen meine. „Es wird Zeit zu leben.“ „Ja, das solltest du tun. Schluss mit dem Versteckspiel, wenn du dafür bereit bist. Ich habe selber zu viele Sommer verschenkt.“ „Ach ja, da war ja noch was. Wie ging denn die ganze Geschichte mit Rico nun weiter?“ Ich lächelte ihn an: „Ach, ist die Werbung vorbei? Immer mit der Ruhe Timmy, erst mal schwimmen wir ans Ufer, und dann gibt es etwas zu essen.“

Gesagt, getan. Wir kochten uns ein leckeres Tütensüppchen, brutzelten ein paar Steaks in der Pfanne, weil es uns zu aufwändig erschien, wegen zwei Fleischscheiben den Grill anzuschmeißen und setzten uns auf die Terrasse. Als wir aufgegessen hatten, fragte ich ihn: „Bier oder Wein?“ Wir entschieden uns für eine Flasche lieblichen Rotwein und machten es uns auf einer Liege gemütlich, wo sich Tim an mich kuschelte und erwartungsvolle Blicke in meine Richtung schickte.

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Andre und ich dachten beide sofort an den Super-Gau. Rico blutverschmiert vor uns, und wir wussten, dass die beiden völlig betrunken mit einer Schreckschusswaffe ballern gehen wollten. „Scheiße, was ist los?“ „Das Ding ist losgegangen. Maik hat es am Arm erwischt.“ „Wo ist er? Wo ist Maik?“ „Der Wald sitzt aufm Weg am Steinrand bei Maik.“ Andre klamüserte sich den Aufenthaltsort zusammen, schnappte sich seinen Autoschlüssel und rannte zur Gartentür. Die Benutzung des PKW war nicht erforderlich, weil sich der armbeschädigte Verletzte mittlerweile bis zum Garten geschleppt hatte. Wimmernd lehnte er an der Pforte. Andre reagierte sofort und richtig, es erwies sich als großer Vorteil, dass er seinen Zivildienst im Rettungswagen absolviert hatte. Er desinfizierte und band die Wunde provisorisch ab und wies dann an: „Ab ins Auto, wir müssen ins Krankenhaus. „Nisch schum Arscht“, protestierte Maik. „Muss das sein?“ fragte nun auch Rico. „Hier geht’s um ein bisschen mehr als um eure Kinderspielchen mit so einem blöden Ding.“ „Kinderspielchen würde ich das nicht nennen“, entgegnete Marc. Als Erster hatte er sich eingemischt, bislang hatten wir dem Treiben der Drei nur zugeschaut. „Du hast Recht“, erwiderte Andre. Aber es ist kindisch, wenn zwei zumindest nach dem Ausweis Volljährige nachts mit einer Waffe in den Wald schwanken, um auf Blech oder sonst was zu schießen. Und dann auch noch in dem Zustand. Ihr habt einen an der Waffel.“ „Mehr als nur einen“, murmelte Marc neben mir.

Maik hatte die Tragweite seiner Verletzung noch nicht ganz begriffen, glaubte offensichtlich an so etwas Ähnliches wie eine Schürfwunde. „Isch will nisch nachs Krankenhaus. Das wird auch so wieder.“ „Wenn du deinen Arm nicht brauchst, okay. Aber das gib mir bitte schriftlich, damit mich nachher keiner wegen unterlassener Hilfeleistung drankriegt.“ Rico war kurz in die Laube verschwunden und kam zurück. Mit einer Flasche Korn in der Hand. Das Fass lief über. Es klatschte. Andre hatte Rico erst die Flasche aus der Hand geschlagen und ihm dann gleich noch einmal wenig liebevoll über das Gesicht gewischt. Immerhin schien er jetzt den Ernst der Lage zu begreifen. Andre war wieder Herr der Lage. „Okay, wir fahren ihn jetzt ins Krankenhaus. Dich behalten sie vermutlich zum Ausnüchtern auch gleich da“, sagte er mit Blick in Richtung Maik, „und ihr geht bitte nach Hause“, das galt uns. Wir hielten uns daran. Es ging wirklich jeder zu sich nach Hause.

Bereits einen Tag später gab es das Wiedersehen fast aller Beteiligten im Garten. Maik war entlassen, kurierte sich zu Hause aus. Außerdem hatte er von Rico ein zweiwöchiges Gartenverbot auferlegt bekommen. Die beiden anderen hatten sich am Morgen gründlich ausgesprochen. Rico hatte Andre versprochen sich von der Flasche und sonstigen Rauschmitteln fernzuhalten. Außerdem wollte er seine unterbrochene Lehre wieder aufnehmen. Die bereits aufgenommenen Ermittlungen der Polizei wurden später eingestellt, es ließ sich nicht wirklich feststellen, was sich im Wald ereignet hatte. Auch anhand der Verletzungen war die wahrscheinlichste Variante, dass sich Maik selbst angeschossen hatte.

Ricos Versprechen allerdings hielten nicht lange. Als Maik gesund war, wurde er wieder Stammgast im Garten. Und mit ihm summierte sich zunächst die Anzahl der Flaschen mit hartem Gesöff, dann das Leergut.

Eines Abends hatte ich mich mit Andre vom restlichen Partyvolk in den Schlafraum der Laube abgesetzt. Er beklagte sich: „Ich hab die Schnauze so voll von dem Laden hier.“ Wenn er nicht im Garten übernachtete, hatte er bei seiner Oma Obdach, das Verhältnis zur restlichen Familie war irgendwie gestört. Das hatte er mir alles mehr oder weniger ausführlich erzählt, und nun überlegte er ernsthaft, sich eine Wohnung zu nehmen. „Ich hab keinen Bock, den ganzen Tag im Geschäft zu stehen, abends um acht herzukommen und dann zu sehen, wie es hier „Hoch die Tassen“ heißt. Dieses blöde Gequatsche geht mir so auf den Sack.“ Er weinte, ich streichelte ihn, er beruhigte sich. Er streichelte mich, ging mir dabei auch unter das T-Shirt. „Stört dich das?“, fragte er mich. Ich schüttelte den Kopf, ich war für Zärtlichkeiten immer empfänglich. Als Beweis küsste ich ihn auf sein stoppeliges Gesicht. „Bist du schwul?“, fragte er mich. Ich zuckte erst zusammen, dann mit den Schultern. Ich wollte mich nicht ganz offenbaren, weil Andre zwar ein ganz wichtiger Freund geworden war, mehr aber auch nicht. Ich hatte Angst davor, dass er mehr hätte haben wollen, wenn ich ja gesagt hätte. Und Sex mit ihm – das wollte ich nicht. Er schien Gedanken lesen zu können: „Du brauchst keine Angst zu haben. Ich werde nichts machen, was du nicht möchtest“, beruhigte mich Andre. Wir hielten uns einfach fest. Plötzlich platzte Marc in den Raum. „Tom, wollen wir...“ Er starrte uns an, grinste und sagte: „Entschuldigung!“ und verschwand wieder. Andre schaute mich unsicher an: „Was meinst du, wie wird er reagieren?“ „Das dürfte kein Problem sein.“ Ich überlegte kurz, erzählte ihm dann aber doch, dass uns ein besonderes Verhältnis miteinander verband. Er lächelte. „Ihr wärt ein schönes Paar.“ „Ja, aber ich glaube nicht dran und er sicher sowieso nicht.“ „Immerhin ist er wieder solo.“ „Woher weißt du denn das?“ Er grinste mich verschmitzt an. „Ist ja nicht so, dass du der Einzige bist, mit dem ich mich hier unterhalte.“ Ich musste etwas verwirrt aus der Wäsche geschaut haben, als er relativierte: „Aber mit Abstand der Anschmiegsamste... So, und nun lass uns einmal nach drüben gehen.“

Eine gute halbe Stunde später brachte ich Marc nach Hause, wohl in der Hoffnung, er könnte wieder einmal liebebedürftig sein. Stattdessen sprach er mich auf Andre an. „Was habt ihr da vorhin gemacht?“ „Wonach sah es denn aus?“ „Nach zwei Kerlen in einem Bett.“ „Und was ist daran so schlimm? Außerdem haben wir nur geredet.“ Er schien mir das nicht recht zu glauben, deswegen ergänzte ich: „Und ein bisschen gekuschelt haben wir auch.“ „Du hast ihm aber nichts von uns erzählt?“ Ich entschied mich dafür, ehrlich zu sein. „Doch, es hat sich so ergeben.“ Marc schluckte, aber ich versicherte ihm, dass unser kleines Geheimnis bei ihm in sicheren Händen war.

Andre machte Nägel mit Köpfen, suchte sich eine eigene Wohnung und entzog sich somit immer mehr dem Dunstkreis des Gartens. Wir nutzten die Sommerferien für gelegentliche gemeinsame Ausflüge, meist nur Andre und ich, gelegentlich auch Marc, ab und an beteiligten sich auch andere Cliquenmitglieder an diesen Fahrten.

Ich besuchte Andre öfter im Geschäft, in dem er arbeitete, und entfernte mich auch immer weiter von unserer alten Umgebung, dem Garten am Waldrand und letztendlich auch von der Clique. Die meisten hatten ihre Schulzeit mit dem Abschluss der zehnten Klasse beendet und stürzten sich jetzt in ihre Ausbildung. Mein alter Freundeskreis bröckelte, und es blieben sehr bald nur noch Marc und Andre übrig.

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Natürlich war es nicht so, dass ich am Gymnasium keine Freunde hatte. Aber das beschränkte sich auf das Schulgelände oder maximal gelegentliche Treffen. Eine enge Bindung gab es zu den wenigsten Leuten. Dafür hatte ich nebenbei zum Sport noch eine sehr enge Bindung, und da es nach wie vor um meine eigene Leistungsfähigkeit nicht zum Besten bestellt war, entschied ich mich, die Schiedsrichterlaufbahn einzuschlagen. Unsere Schulhandballer suchten sowieso immer pfeifenden Nachwuchs. Als Nebeneffekt, den ich nicht als solchen betrachtete, liefen zwischen den Toren auf dem Schulhallenparkett einige echt schnuckelige Typen rum. Die Leistungsträger der Mannschaft waren Benjamin und Daniel, die sich auch bei mir in die Favoritenrolle gespielt hatten. Dazu kam noch Felix, der im Team nur als Ergänzungsspieler fungierte, bei mir aber zur Stammauswahl gehörte. Alle drei waren im besten Alter von 15 Jahren und wirklich eine Augenweide. Einer von den dreien würde doch wohl...?

Ich erörterte dieses Problem mit Andre. Der grinste. „Du solltest dir vielleicht erst mal über deine Gefühle klar werden. Wen von den dreien findest du denn am niedlichsten?“ „Felix.“ „Dann versuche dein Glück. Vielleicht gewinnst du ja erst einmal seine Freundschaft.“

In dieses Unternehmen kniete ich mich voller Enthusiasmus. Es war auch gar nicht so schwer an ihn heranzukommen. Felix wohnte einhundert Meter Luftlinie von mir entfernt, und oft genug trafen wir uns am Morgen um gemeinsam schräg über die Straße zu gehen – denn dort befand sich bereits unsere Schule. Nicht gerade die beste Gelegenheit um ausführliche Gespräche zu starten. Aber lange genug um sich so richtig heftig zu verlieben. Ich war gern in seiner Gegenwart, und ich war tierisch erpicht zu erfahren, ob er annähernd ähnlich würde empfinden können. Aber mich selbst outen? Niemals.

Am Vorabend zu seinem 16.Geburtstag waren wir erst eine Runde Billard spielen und gingen dann zu mir um reinzufeiern. Seine Clique, zu der auch Benjamin und Daniel gehörten, war an diesem Abend im Kino. In einem Film, den sich Felix nicht ansehen wollte. Sehr zu meinem Vergnügen. Für mich war es natürlich eine große Ehre, dass er diesen Abend mit mir verbrachte. Wir stellten uns eine große Flasche Cola auf den Tisch, und da es ja auf die markante 16 zuging, noch eine Flasche Jack Daniels. Ich schlug ihm vor, Brüderschaft zu trinken. Wir taten das – mit dem echten Bruderkuss. Und zwar nicht nur einmal, sondern pro Glas einmal. Fünf oder sechs kleine Mischungen werden es wohl gewesen sein, die wir uns hinter die Binde kippten. Egal, man verlässt die 15 nur einmal.

Um Mitternacht lag Felix kurz in meinen Armen, dann tranken wir aus und ich brachte meinen jungen und mittlerweile schon sehr angeschlagenen 16-jährigen Freund nach Hause. Wenn ich ihm meine Gefühle hätte offenbaren können, dann an diesem Abend. Was ich nicht tat und damit die große Gelegenheit vergab, Gewissheit zu bekommen, wie es um seine sexuelle Orientierung bestellt war.

Auch Andre hielt das bei meiner Berichterstattung für einen unverzeihlichen Fehler: „Du bist ein Rindvieh. Wenn du dich partout nicht traust, werde ich mich wohl einschalten müssen.“ Ich befürchtete nun, dass er munter auf Felix zugehen und ihn direkt auf meine Neigungen ansprechen würde. Seine Art der Problemlösung allerdings sah ein kleines bisschen diplomatischer aus.

Ab diesem Zeitpunkt hatte die Handballmannschaft unserer Schule einen neuen Fahrer. Zumindest für einige der Auswärtsspiele. Andres Auto wurde als Mannschaftstransportmittel genutzt, und Daniel, Felix und Benjamin nahmen diese Art des Luxus gern an. Andre studierte das Trio um mir eines Abends seine Ermittlungsergebnisse mitzuteilen. „Also, bei Felix und Benjamin bin ich mir nicht sicher. Es kann sein, tendiere bei beiden aber eher Richtung hetero. Benjamin, das weißt du ja, ist der Frauenschwarm der Truppe, und außerdem hatte er schon mehrere Freundinnen. Der verstellt sich entweder perfekt oder, was sehr viel wahrscheinlicher ist, er ist ein echter kleiner Casanova.

Andre testete weiter und kam nur zu dem Ergebnis, dass zumindest dieses Trio nichts gegen seine Homosexualität einzuwenden hatte.

Little Casanova blieb der Torgarant des Teams und außerdem irgendwann bei Julia kleben. Das Traumpaar des Schulhandballs hatte mein Kandidatentrio auf ein Duo zusammenschmelzen lassen. Das brachte den Chauffeur des Teams auf die Idee, Daniel und Felix zu einem Wochenende zu viert einzuladen: Er, die beiden Sportler und ich. Die Junghandballer waren begeistert von der Idee: Einfach mal irgendwo eine Pension zu entern, das klang cool.

Es ergab sich aber nicht. Das Wochenende der Wahrheit, unter diesem Arbeitstitel lief dieses Projekt bei Andre und mir, fiel gewissen widrigen Umständen zum Opfer. Daniels Eltern verweigerten die Genehmigung, Felix meldete sich am betreffenden Wochenende krank. Bis heute wissen wir nicht, ob er wirklich mit Fieberschüben zu kämpfen hatte oder ob ihm dämmerte, worauf das Ganze hinauslaufen sollte. Noch nicht einmal Marc konnte einspringen, weil er am Samstag arbeiten musste. So sagten wir schweren Herzens die gebuchten Pensionszimmer ab.

Einen neuen Versuch gab es nicht. Daniel verließ unseren Ortsteil, schloss sich einer neuen Clique und sehr bald auch einer näher gelegenen Handballmannschaft an. Felix’ schulische Leistungen reichten nicht für das Abitur, er wechselte zum Ende der neunten Klasse an die Realschule um seinen Abschluss zu machen. Die Lust am Handball hatte er auch bald verloren. Unser Kontakt schlief ebenfalls ganz allmählich ein, bis es später nur gelegentliche Schwätzchen waren, wenn wir uns zufällig wegen unserer Fast-Nachbarschaft über den Weg liefen. Bis heute weiß ich über Felix nicht Bescheid.

Den längsten Kontakt hatte ich mit Benjamin, nun wirklich alles andere als regelmäßig, aber wir sahen uns öfter. Er blieb mit Andre in Verbindung und besuchte ihn in gewissen Abständen. Mal mit seiner Julia, mal ohne. Irgendwann traf ich mich mit ihm noch einmal auf eine Runde Billard und ein paar Bier, ehe auch er aus meinem Gesichtskreis verschwand: Diesmal war der Anlass dafür seine Ausbildung, die irgendwo im hohen Norden der Republik stattfand.

Auch Marc hatte sich rar gemacht, oder vielmehr seine Eltern: Sie hatten in einem Nachbarort ein neues Haus gebaut, und das bedeutete, dass auch wir zwei uns deutlich weniger sahen.

Ein Auto könnte Abhilfe schaffen: Als ich endlich die 18 geschafft hatte, stand nämlich der Führerschein auf dem Programm. Die Theorie war nicht das große Problem, wohl aber meldeten meine Prüfer gleich zweimal Bedenken an, mich mit der Fleppe auszustatten – obwohl ich mit Andre mehrfach geübt hatte. Da, wo wir gefahren waren, gab es weder Stoppschilder, die missachtet, noch Ampeln, die in gelbem Zustand überfahren werden konnten. Genau das aber waren nämlich die Delikte, die zum Abbruch meiner ersten beiden praktischen Prüfungen führten. Aller guten Dinge sind drei, und als ich dann endlich das begehrte Dokument in meiner Brieftasche hatte, war es nicht mehr sinnvoll, Marc in seinem neuen Häuschen zu begutachten. Seine Eltern hatten sich getrennt, und die Mutter allein war nicht in der Lage, die Immobilie finanziell zu halten. Für die übriggebliebene Familie bedeutete das, kurz vor Weihnachten vorübergehend in eine Sozialwohnung einziehen zu müssen: In einem alten Plattenbau musste Marc seinen 18. Geburtstag feiern. Er hatte ein paar seiner angeblich engsten Freunde eingeladen, der einzige Gast an diesem Tag allerdings war ich.

Wir setzten uns am Abend in sein Zimmer und machten uns über die alkoholischen Vorräte her. Bowle, Bier, Feigling. Marc wurde immer sentimentaler, er legte seinen Arm um mich, kuschelte seinen Kopf an meine Schulter und philosophierte über die Ungerechtigkeit des Lebens. Als wir am Abend absolut sicher waren, dass der Rest seiner Familie schlief, sah er mich mit glasigen Augen an, küsste mich auf den Mund und sagte zu mir: „Lass es uns machen.“ Ich hatte zwar zunächst einige Skrupel, weil die Gefahr in flagranti erwischt zu werden relativ hoch war, die Lust und der Alkohol zerstreuten aber meine Bedenken relativ schnell. Wir krochen ins Bett, ließen uns gehen und genossen es völlig. Marc war ausgehungert. Hungrig nach Liebe und sogar nach Zärtlichkeit. Trotzdem, die Vorsicht stirbt zum Schluss. Als wir am Ende völlig erschöpft, reichlich angetrunken und ganz eng zusammengekuschelt im Bett lagen, sagte Marc kurz vor dem Einschlafen zu mir: „Geh in dein Bett, damit uns hier nachher niemand so findet.“ Ich küsste ihn noch einmal und gehorchte dann widerwillig, weil er natürlich Recht hatte. Was ich damals nicht wusste: Es sollte unsere letzte zärtliche Abenteuerstunde gewesen sein.

Marc hatte seine Ausbildung, ich büffelte rund ums Abi – eine lange Freundschaft schien in die Brüche zu gehen, weil wir einfach keine Zeit mehr füreinander hatten. Sein Ausbildungsbetrieb war in unmittelbarer Nähe zu dem Geschäft, in dem Andre arbeitete. Es blieb nicht aus, dass beide intensiveren Kontakt pflegten. Während ich mich nach meinem Abi in den Zivildienst stürzte, war Andre so weit, Marc anzubieten, bei ihm mit einzuziehen. Er schien endlich Ersatz für Rico gefunden zu haben – aber so richtig glücklich waren die beiden mit ihrer aktuellen Situation auch nicht. Als ich Andre eines Tages besuchte, Marc war über ein Wochenende in familiärer Sache unterwegs, klagte er mir sein Leid: „Ich bin so ein gutmütiges Schaf. Marc ist ein lieber netter Kerl, aber er beteiligt sich nicht wie besprochen an der Miete, gerade mal, dass er zu den Lebenskosten was zuschießt. Und dann stell ich mich immer noch in die Küche, mache unser Essen, wasche ab. Ich bin doch nicht seine Mutter.“ Ich war so blauäugig, etwas mehr als eine pure Wohngemeinschaft in Betracht zu ziehen: „Läuft was zwischen euch?“ „Ach. Wenn wir alle Jubeljahre mal kuscheln, dann ist das viel. Küssen ist nicht drin.“ Allerdings schien sich Marc einem Freund aus der Szene nach einer Party direkt an den Hals geworfen zu haben – Sex in Andres Bett ohne Andre, der sich mehr als nur danach sehnte. Denn DAS hatte er weder von Rico noch von mir und auch nicht von Marc bekommen. Er tat mir eigentlich nur Leid. Ich blieb in dieser Nacht bei ihm, und es wäre fast passiert. Aber ich zog im letzten Moment die Notbremse: Ich wollte für ihn kein flüchtiges Abenteuer sein, kein Druckventil. Außerdem war er ein lieber Kerl, aber für mich war ihm gegenüber definitiv keine Liebe im Spiel.

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„Hast du ihm das damals so deutlich gesagt?“, wollte Tim von mir wissen, der meine Erzählung aufmerksam verfolgt hatte. „Ich weiß es nicht mehr genau. Er war jedenfalls nicht böse, und das war mir das Wichtigste.“ Ich trank mein Weinglas aus, und ich sah, dass Tim irgendetwas auf dem Herzen hatte. „Was brennt dir auf der Seele?“ „Du merkst auch alles, hm?“ Damit ließ er meine Frage zunächst unbeantwortet und stellte selbst eine in den Raum: „Wollen wir reingehen? Es wird langsam frisch.“ Ich tat empört: „Hey, hab ich dich nicht gut genug gewärmt?“ „Doch. Aber irgendwie... dir ist übrigens klar, dass wir hier übernachten müssen? Du hast getrunken, und so lasse ich dich nicht zurückfahren.“ „Ich hab nichts anderes vor, Timmy. Willst du gleich ins Bett, bist du müde?“ Er lächelte mich an. „Nein, irgendwie war ich noch nie so wach. Der Wein, deine geile Geschichte, du selbst... ich hab so was alles noch nie erlebt.“

Ich rückte so nah wie möglich an ihn heran, streichelte ihm vorsichtig durch sein Gesicht. „So geil ist die Geschichte eigentlich nicht. Es sind vielleicht verlorene Jahre.“ „Hast du dein großes Glück noch nicht gefunden? So wie du aussiehst?“ „Ach Tim, das war alles nicht so einfach. Außer bei Andre und Marc bin ich fast nirgendwo geoutet. Ich hab es nicht fertiggebracht. Also nein, ich hab es noch nicht gefunden.“ „Aber mir hast du es doch vorhin auch ins Gesicht gesagt?“ „Ja, bei dir war ich mir auch absolut sicher. Die Geschichte auf dem Laptop war ein fast hundertprozentiger Beweis. Eindeutig überführt.“ „Du meinst, Versteckspielen bringt nichts?“ „Nein, jedenfalls kein Glück. Wo schlafen wir heute Nacht eigentlich?“ „Komm mit.“

Tim führte mich ins Schlafzimmer. „Es gibt zwei Möglichkeiten. Entweder wir teilen uns dieses Doppelbett, oder du schläfst im Wohnzimmer auf der Couch.“ „Ich glaub nicht, dass ich heute Nacht allein schlafen möchte.“ Tims Augen strahlten. Das war die Antwort, die er hören wollte. „Wollen wir noch eine Flasche Wein aufmachen?“ Ich nickte: „Und dann?“ „Irgendwann werden wir schon einschlafen. Und wenn nicht, ich hab das ganze Wochenende frei. Außerdem will ich bei dir sein. Du hast mir die Augen geöffnet.“

Wir machten uns bettfertig, kuschelten uns ins Bett und aneinander, dämmten das Licht und stießen an. „Ich glaub, dass dieser Tag heute mein Leben verändern wird.“ Tim schien sich über die Tragweite völlig im Klaren. „Was würdest du heute machen, wenn du ehrlicher gewesen wärst und dich geoutet hättest?“ fragte er mich. Ich schüttelte den Kopf: „Das kann ich dir wirklich nicht sagen. Vielleicht wäre ich mit Felix zusammen. Oder mit Daniel. Oder mit irgendwem anders? Ich bin mir ja noch nicht mal sicher, ob ich es falsch oder richtig gemacht habe.“ Tim nickte verständig, trank einen Schluck, schaute mich mit unglaublich zärtlichen Augen an und fragte mich: „Wie genau funktioniert eigentlich schwuler Sex?“ Ich schluckte, antwortete dann aber wahrheitsgemäß: „Ich hab es selbst noch nicht in Vollendung erlebt.“

Wir schwiegen ein paar Minuten, dann küsste er mich um mir danach sein vollstes Vertrauen auszusprechen: „Weißt du, wie viele damit prahlen, was für geile Hengste sie doch sind und wie viel Kirschen sie schon flachgelegt haben? Und wie viel Wallach im Normalfall in diesen Hengsten steckt? Oder das die ganzen Kirschen in den allermeisten Fällen der Kategorie Ernteausfall zuzuordnen sind? Ich glaube, so ehrlich wie du gerade war noch nie jemand zu mir. Oder anders: Soviel Vertrauen hat mir noch nie jemand entgegengebracht.“ Wir streichelten uns, schwiegen einen Moment, aber dann antwortete ich ihm: „Weiß du, bis heute Nachmittag warst du für mich ein Arbeitskollege. Ein netter, gutaussehender Praktikant, der in mein Leben tritt, zwei Wochen bleibt und dann auf Nimmerwiedersehen verschwindet. Und dann kam deine Reaktion darauf, dass ich dich beim Lesen auf nickstories.de ertappt habe. Als du von mir weg wolltest, weil dein großes Geheimnis enttarnt war, wollte ich zu dir. Da war etwas, das uns verband. Die Geschichte, die ich dir dann erzählt habe, kennt in diesem Zusammenhang kein Mensch. Und vermutlich bist du auch der Einzige, der sie jemals komplett zu hören kriegt.“ Tim küsste mich auf die Stirn: „Du hast vorhin gesagt, du bist außer bei Marc und Andre bei fast niemandem geoutet. Also ist da noch was – die Geschichte ist noch nicht fertig erzählt. Wer war da noch, und wie ging es mit Andre und Marc weiter?“ Er sah mich erwartungsvoll an.

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Marc hatte wenig später das Glück, nach dem Andre und ich noch suchten. Ihm lief die ganz große Liebe über den Weg. Die Beziehung zu Bianca wuchs langsam, aber beständig und dann schnell. Bereits nach drei Wochen zog er bei Andre aus und im Haus ihrer Eltern ein, später nahmen sich die beiden eine gemeinsame Wohnung und eine Katze. Wir telefonierten noch einmal (ich mit Marc, nicht mit der Katze), fuhren uns dann einmal zufällig über den Weg und plauderten an einer Bushaltestelle eine Zigarettenlänge lang. Nachdem Marc ausgelernt hatte, suchte ihn die Arbeitslosigkeit heim. Sein Vater, mittlerweile in der Gegend einer niedersächsischen Metropole beschäftigt, besorgte ihm einen Job. Und eine neue Wohnung. Seitdem sind Marc und Bianca in dieser autobahnnahen Großstadt zu Hause. Unser Kontakt besteht aus wenigen, gelegentlichen SMS und noch selteneren Anrufen. Einmal hatten wir ein Wiedersehen geplant, das mir eine plötzlich einberufene Pressekonferenz verdarb. Aber wir arbeiten daran und sind optimistisch, dass es noch in diesem Leben klappt.

Mit Marcs Auszug änderte sich auch Andres Leben schlagartig. Er tauschte seine Verkaufstätigkeit gegen eine Dozentenstelle, die ihm seine unglaublichen Computerkenntnisse verschafft hatten. Das Haus, in dem seine Wohnung war, wurde grundlegend renoviert, weswegen er eine andere Bleibe mieten musste. Auch unser Kontakt schlief ein. Wir hatten noch einmal E-Mail-Kontakt, dann war Ruhe. Leider.

Nach dem Zivildienst begann ich eine überbetriebliche Ausbildung. Weder in meiner Berufsschulklasse noch in der Gruppe meiner praktischen Ausbildung gab es annähernd interessante Typen, bei denen es sich lohnte, mehr als nur belang- und bedeutungslose Gespräche zu führen. Parallel bot mir ein alter Bekannter aus den Handball-Schiedsrichterzeiten an, ein Projekt für den Lokalsender mitzugestalten und mitzuentwickeln. Ich nahm gern an, und somit stürzte ich mich in ein Abenteuer, dass sämtliche Freizeit auf ein Minimum zusammenschrumpfen ließ.

Nach dem Ende der Ausbildung bot mir die lokale Fernsehstation „Local News Area“ LNA einen unbefristeten Arbeitsvertrag an, den ich natürlich unterzeichnete. Zu etwa dieser Zeit hielt das Internet bei mir Einzug, und irgendwann landete ich vermutlich unvermeidlich auf einer bekannten Gay-Plattform. Meine Stadt war einem Landkreis zugeordnet, in dessen Chatraum ich jetzt regelmäßig anzutreffen war. Allerdings war das, was dort geboten wurde, fast noch uninteressanter als Bohnenkraut aus San Marino: 80 Prozent aller Anwesenden wollten nur Sex, konnten das zwar mehr oder weniger gut umschreiben, je nach Erfahrung, aber es war halt so. 15 Prozent dachten, ich selbst war auf der Suche nach der schnellen Nummer. Mit den restlichen fünf Prozent konnte ich mich allerdings sehr gut unterhalten – wenn sie zeitgleich mit mir online waren. Und das war so gut wie nie.

Trotzdem gelang es mir, mit einem Jungen aus meiner Stadt zunächst Kontakt aufzunehmen, dann länger im Chat zu korrespondieren und zum Schluss sogar ein Date auszumachen. Nach endlosen Chatstunden, die mir aber zeigten, dass Sandro ein helles und humorvolles Köpfchen war, verabredeten wir uns in der Flussaue, an der ich vor etlichen Jahren meine ersten Zärtlichkeiten mit einem Jungen austauschte. Ich ertappte mich dabei, dass ich beim Warten auf ihn an Marc dachte.

Sandro hatte mich etliche Zeit beobachtet, ehe er sich mir zeigte. Dann aber wanderten wir nahezu drei Stunden durch die Auen. Drei Stunden, die nur dem Zweck dienten uns kennen zu lernen. Wir trafen uns öfter, spielten Schach, hörten Musik, waren glücklich und hatten beschlossen es miteinander zu probieren. Sunny, so sein Spitzname, lebte offen schwul, er wusste allerdings, dass ich dafür damals noch nicht bereit war und akzeptierte das.

Allerdings hatte ich nicht die Zeit für Sandro, die ich gern für ihn gehabt hätte. Nach einem Achtstundentag, der sich oft als viel länger entpuppte, hatte ich nur sehr sporadisch Lust und Zeit, mit ihm ins Kino oder sonst wo hinzugehen. Da ich auch am Wochenende meinem Job nachgehen musste, ging die ganze Geschichte nicht länger als drei Monate gut. Sunny beendete unser Zusammensein, ehe ich auch nur einmal mit ihm Sex gehabt hatte. Zu mehr als nächtelangem Kuscheln, Fummeln und Knutschen war es nicht gekommen. Ich war schuld daran, und ich wusste es – war halt irgendwie mehr in meine Arbeit verliebt. Mein erster fester Freund war auf der Strecke geblieben, der neue Weg hatte sich als eine Sackgasse entpuppt.

Jedenfalls nahm mir Sunny das Ganze nicht übel, und noch heute treffen wir uns zum Schachspiel. Sehr selten, aber immerhin. Sandro ist mittlerweile seit zwei Jahren mit einem Studenten zusammen. Und da der auch ganz viel Zeit für ihn hat, sind die beiden sehr glücklich. Ich blieb zwar weiter Chatnutzer, aber so nah wie Sunny ließ ich nie wieder jemanden an mich heran. Ich war mir fast sicher, auch ohne Liebe leben zu können. Bis mich Bastian, ohne eigenes Zutun und sicher auch unfreiwillig, vom Gegenteil überzeugte.

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Basti gehörte zur Clique von Stefan, der wiederum der Sohn des Betreibers meiner Stammkneipe war, in der ich nach Feierabend gern mal ein Absackerbierchen trank. Oder gelegentlich auch fünf, wenn die Atmosphäre stimmte. Die Clique traf sich öfter in „Laubenpiepers Eldorado“, ich kannte die Jungs vom Billard und Skat recht gut. Nur Bastian war mir bislang nur vom Hörensagen ein Begriff, weil der im Bayrischen eine Ausbildung zum Reisekaufmann absolvierte. Eines Abends betrat ich völlig erschöpft die Lokalität, weil ich einfach nur noch vorhatte, ein Bier zu kippen und dann Richtung Bett zu schleichen. Ich sah die Gruppe von Stefan und seinen Freunden, und der Junge, der mich da angrinste, ließ mir die Gesichtszüge einfrieren. Der Gedanke an Schlaf hatte sofort einem ganz anderen Platz gemacht. Ich war hellwach.

Wir lagen sofort auf ein und derselben Wellenlänge und quatschten uns fest. Die anderen spielten Billard, okay, wir auch, aber uns war völlig egal wie. Den anderen nicht, weil wir um Getränkerunden spielten. Aber trotzdem schafften es sowohl Bastian als auch ich, ohne bezahlte Runde aus dem Match zu gehen. Gemeinsam mit Kneipersohn Stefan – und natürlich seinem Vater – waren wir in dieser Nacht weit nach Tageswechsel die Letzten, die das Gartenlokal verließen.

Als er wieder den Weißwurstäquator in südliche Richtung überquert hatte, hielten wir unsere Verbindung über ICQ aufrecht. Für ihn war das eine gelungene Abwechslung, weil er im Freistaat keine großen Kontakte aufgebaut hatte. Wir chatteten fast jeden Abend und ich wartete auf das Wiedersehen. Er aber auch?

Jedenfalls war nie von Frauen die Rede, wenn wir uns per Tastatur über Gott und die Welt unterhielten. Irgendwann kam seine Frage: „Warum kommst du eigentlich nicht mal nach München?“ Die Stadt des Olympiastadions, der Isar und des Hofbräuhauses – da hatte ich schon Bock drauf. Auch wenn die genannten Sehenswürdigkeiten dabei nur eine untergeordnete Rolle spielten. Ich war auf eine andere Sehenswürdigkeit der bayrischen Hauptstadt aus.

Eigentlich war die relativ schnell organisierte Fahrt mit Stefan geplant, da der aber aus unerfindlichen Gründen der Faszination einer Grippe statt der einer Weltstadt folgte, musste ich mich allein ins Auto setzen und Richtung Süden fahren. Worüber ich natürlich auch nicht wirklich böse war. Das aufkeimende Problem, dessen ich mir auf der Autobahn bewusst wurde: Ich hatte keine Ahnung, wo Bastian wohnte. Gut, ich hatte einen Straßennamen und eine Hausnummer. Aber dafür keinerlei Ortskenntnis, keinen Stadtplan und kein Navigationssystem. Auf einem Rastplatz ließ ich mir von meinem reizenden Gastgeber die Anfahrt beschreiben. Er bot mir an, mich von einer Tankstelle nahe Ortseinfahrt abzuholen. Ich nahm dankend an. Als er mich später durch den Großstadtdschungel gelotst hatte, wusste ich: Das hätte ich niemals allein gefunden. Eher wäre ich in Bad Tölz am Eisstadion gelandet als in dieser kleinen, unscheinbaren Seitenstraße, die mitten in der Großstadt ländliche Idylle ausstrahlte.

Nach unserer herzlichen Begrüßung zeigte er mir seine Wohnung im Höhner-Stil: zwei Zimmer, Küche, Diele, Bad. Und ein Balkon mit Ausblick aufs Grüne. Er fragte mich: „Was hast du vor?“ Ich behielt meine wahren Absichten, die ziemlich viel mit Kuscheln zu tun hatten, für mich, und entgegnete: „Zeig mir die Stadt.“

Ein Wochenende zu zweit vergeht manchmal sehr schnell. Am ersten Abend trugen wir unsere Snooker-Weltmeisterschaft in einem benachbarten Billard-Cafe aus. Ich holte mir mit einem Spiel Vorsprung den Titel. Als wir weit nach Mitternacht todmüde ins Bett fielen, jeder in seins, hatte ich die feste Absicht, Basti noch in ein anregendes Gespräch zu vertiefen. Allerdings blieb es bei der Absicht, weil ich noch schneller eingeschlafen war als mir ein passender Beginn für eine nächtliche Talkrunde zu zweit eingefallen war. Tag zwei ging komplett für eine Stadtrundfahrt mit Zentrumsbegehung drauf. Am Abend lud mich Bastian ins Hofbräuhaus ein – und wir fuhren mit dem Auto. Während ich also die einheimischen Alltagsgetränke verkostete, hielt sich mein Fahrer an koffeinhaltigen Limonaden auf und erntete dafür einige skeptische Blicke sowohl vom Kellner als auch von den Nachbartischen. Am Abend stellte der Colatrinker fest, dass es an der Zeit wäre, für die erlittene Snooker-Schmach vom Vortag Revanche zu nehmen. Überflüssig zu erwähnen, dass ich nach all den konsumierten Getränken nicht den Hauch einer Chance hatte und meinen Vortagessieg in eine deutliche Niederlage umwandelte. Das Ende dieses Tages war nahezu identisch mit dem des Vortages, nur dass ich diesmal gar nicht erst die Absicht fasste, noch ein Gespräch anzufangen. Wieder einmal versteckte ich mich vor mir selbst. Als ich am Sonntagmittag nach Hause fuhr, hatte ich ein wunderschönes Wochenende hinter mir. Aber mehr auch nicht. Mir fehlte der Mut Bastian anzusprechen und ihm zu gestehen, dass ich vielleicht ein bisschen mehr als nur Freundschaft für ihn empfand.

Meine nächste Chance ließ nicht lange auf sich warten. Die Clique um Stefan und Bastian hatte für den Sommer ein ganz spezielles Urlaubshighlight geplant. Da ein Großteil der Leute in diesem Sommer das Abitur bestanden hatte, genauer gesagt alle außer Basti und mir, sollte das groß gefeiert werden. Der Plan: Eine Woche Ostseeurlaub auf der Insel Usedom. Und ich sollte mit – und ließ mich natürlich nicht zweimal bitten. Ich musste noch nicht einmal selbst fahren und hatte also sieben Tage Zeit, mal völlig abzuschalten und vielleicht auch dafür, meine Gefühle endlich unter Kontrolle zu kriegen. Das Haus in einem Ferienpark in der Nähe von Zinnowitz war ein Traum: Fünf Schlafzimmer, ein großes Gemeinschaftswohnzimmer und eine Küche. Als es um die Bettenverteilung der Zweibettzimmer ging, kam Basti sofort auf mich zu: „Wollen wir?“ Es begann vielversprechend. Ich schrie innerlich: „JAAAA!“ und antwortete ihm brav: „Okay, wenn du willst. Ich bin dabei.“

Der Ostseeausflug verlief genau so, wie man es sich vorstellt, wenn zehn Jungs im Alter zwischen 18 und 24 gemeinsam Urlaub machen. Baden, Alkohol, Mädels gucken – naja, zumindest galt letztgenannter Punkt nur für einen Großteil. Nicht für alle. Gelegentlich unternahmen wir noch den ein oder anderen Ausflug, zum Beispiel zur Seebrücke nach Heringsdorf. Dort veranlassten wir das Personal, uns einen entsprechenden Tisch zusammenzubasteln, weil für eine Zehnertruppe einfach kein zusammenhängender Platz zur Verfügung stand. Dafür ließen wir es uns über den Ostseewellen richtig gut gehen: Jeder trank entweder einen Kaffee, eine Cola oder ein Bier. Dann verließen wir das Lokal, weil uns der Beachvolleyballplatz unserer Ferien-Anlage rief.

Nie habe ich so gern und so ausführlich gebaggert wie in diesem Sommer auf dieser Volleyballanlage. Blauer Himmel, strahlende Sonne und mein freier Oberkörper hatten dafür gesorgt, dass ich aussah wie eine überreife Tomate. Ein ausgewachsener Sonnenbrand, der mir ein wertvolles Argument lieferte, meine neun Reisebegleiter NICHT zur Stranddisco zu begleiten. Nicht, dass ich etwas gegen Strand hätte. Aber für Disco war ich noch nie zu begeistern, und so spielte ich mich zum Wächter unseres Feriendomizils auf, während die anderen wieder baggern gehen wollten. Diesmal allerdings mit Musik und ohne Volleyball.

Abends um neun verschwanden die Neun, um nachts um zwei völlig zerstritten zurückzukommen. Es hatten sich zwei Gruppen gebildet, und ich verstand eigentlich überhaupt nicht, um was es ging. Irgendwie war ein Mädchen im Spiel, irgendwie war eine einheimische Jugendgang involviert und irgendwie waren literweise alkoholische Getränke ins Geschehen verwickelt. Vier Mitglieder unseres Reisekomitees beschlossen, nochmals Richtung Disco aufzubrechen, um das Problem aus der Welt zu schaffen. Und dieses Quartett ließ sich auch durch gutes Zureden nicht davon überzeugen, sich zur Ruhe zu begeben oder wenigstens die Feierlichkeiten bungalowintern fortzusetzen. Drei weitere Jungs, darunter auch Stefan, waren so aufgewühlt, dass unbedingt ein Strandspaziergang zur Beruhigung hermusste. Lediglich Bastian und Karsten blieben zurück, lösten mich als Ferienhauswächter ab und stellten sich eine Flasche Wodka als Verpflegung auf den Terrassentisch. Da ich bis dahin auch noch nie das Vergnügen gehabt hatte die tiefnächtliche Ostsee zu begutachten, entschied ich mich, mir das Wellengeplätscher im Fastmorgengrauen zu Gemüte zu führen und mir nebenbei die Vorkommnisse des Abends genau erklären zu lassen. Allerdings war niemand mehr dazu in der Lage ernsthaft den Ausgangspunkt der Zwistigkeiten zu schildern.

Nach einem ebenso lustigen wie ungewöhnlichen Strandspaziergang kehrten wir kurz nach halb fünf gemeinsam mit der Morgenröte zu unserem Ferienhaus zurück. Unser Disco-Quartett war zwischenzeitlich auch wieder eingetroffen, und der letzte Zubettgehende konnte uns gerade noch mitteilen, dass alles ruhig und friedlich verlaufen war. Ruhig und friedlich war auch die passende Beschreibung für das Bild, das sich uns auf der Terrasse bot: Basti und Karsten hatten den Wodkapegel der