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„Ich bin überzeugt, dass Aufklärung nachhaltig wirkt“

Wissen ist Respekt 
iboys.at
Wissen ist Respekt“ ist ein Bildungs- und Aufklärungsprojekt des anyway e.V.© Jugendzentrum anyway
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Junge Ehrenamtliche des Aufklärungsprojektes „Wissen ist Respekt“ aus dem Jugendzentrum anyway in Köln kämpfen gegen Homo-, Bi- und Transphobie auf dem Schulhof
Mittwoch, 9 Uhr morgens im Jugendzentrum. Eigentlich eine Uhrzeit, in der es gewöhnlich an einem solchen Ort noch sehr ruhig zugeht. Anders aber im anyway, dem einzigen Treff für schwule, lesbische, bisexuelle und trans* Jugendliche in Köln und Umgebung. 28 Schüler*innen haben in einem großen Stuhlkreis Platz genommen. Es wird getuschelt. Die Gesichter sind erwartungsvoll. Denn für sie gibt es heute einen ganz besonderen Schultag – ohne Lehrer, dafür aber mit Mica und Dominik. Die beiden Studierenden übernehmen den Unterricht. Auf dem Plan stehen nicht Mathe und Deutsch, sondern Aufklärung über sexuelle und geschlechtliche Vielfalt. In vielen Schulen kommt dieses Thema viel zu kurz oder gar nicht vor.

„Ich kann mich noch an meine Schulzeit erinnern. Da hatten wir eine Biostunde, wo es um Homosexualität ging“, sagt Mica. „Aber meine Mitschüler*innen haben nur Klischeefragen gestellt: Sind alle Lesben hässlich? Haben alle Schwulen AIDS?“. Für die mittlerweile 20-jährige Studentin war das damals eine frustrierende Erfahrung. Als sie merkte, dass sie auf Mädchen steht, hätte sie gern ernsthaft mehr über das Thema erfahren. Aber dafür war kein Raum und keine Zeit im Unterricht. Schlimmer noch: Nach ihrem Coming-out in der Schule mit 13 Jahren wurde sie nicht nur ausgegrenzt, sondern sogar körperlich von Mitschüler*innen angegriffen.

Wie reagierst du, wenn sich ein schwuler Mitschüler sich in dich verliebt?

Solche Erfahrungen machen leider noch zu viele Jugendliche, die schwul, lesbisch, bisexuell oder trans* sind. Auch noch im Jahr 2017. Auch in einer vermeintlich toleranten Stadt wie Köln. Deswegen engagieren sich Mica und Dominik ehrenamtlich für das Aufklärungsteam „Wissen ist Respekt“ (WiR*), ein Angebot des Jugendzentrum anyway. Sie wollen Homo-, Bi- und Transphobie abbauen, ehe sie sich verfestigen und ehe Mitschüler*innen darunter zu leiden haben. An mehreren Vormittagen im Monat beantworten die Ehrenamtlichen deshalb die Fragen verschiedenster Schulklassen.



Zuerst klären Mica und Dominik über verschiedene Begriffe auf: Was bedeutet Coming-out? Was unterscheidet eine transsexuelle Person von einer Person, die Travestie macht? Mit den richtigen Definitionen im Gepäck locken Mica und Dominik dann die Schüler*innen aus der Reserve. Auf kleinen Zetteln stehen Fragen, die sie der Reihe nach vorlesen und offen und ehrlich beantworten sollen. Ein Schüler hat eine Karte gezogen, auf der geschrieben steht: „Wie würdest du reagieren, wenn sich ein Mitschüler des gleichen Geschlechts in dich verliebt?“ Ein schockierter Blick. Überforderung. Zunächst. Dann setzt das Nachdenken ein. Argumente werden ausgetauscht. Die Mitschüler*innen widersprechen und ergänzen sich. Dann die Erkenntnis: Das sind auch nur Gefühle, die jemand hat. Warum sollte man diese Person dafür verurteilen?

Dort helfen, wo Lehrer*innen an ihre Grenzen stoßen

„Die Schüler*innen sind in der Regel offen und respektvoll uns gegenüber“, sagt Dominik, 23 Jahre. „Aber es gibt immer ein bis zwei Schüler*innen, die sehr skeptisch sind und dem Thema erst einmal ablehnend gegenüber stehen.“ Um diese Schüler*innen geht es ihnen genauso wie jene, die vielleicht selbst einmal ein Coming-out haben werden.

Damit füllt WiR* eine wichtige Lücke an Schulen. Das weiß Jürgen Piger, Mitarbeiter des Jugendzentrums anyway und Leiter des Aufklärungs- und Antidiskriminierungsprojektes WiR*. Aus dem alltäglichen Kontakt mit Schulen weiß er, dass sich viele Lehrer*innen nicht trauen, das Thema im Unterricht anzugehen. Die Gründe dafür sind vielfältig. „Einerseits haben Lehrer*innen Angst, dass ihre Schüler*innen sie selbst für schwul oder lesbisch halten könnten. Andererseits haben auch viele Lehrer*innen noch ein Wissensdefizit bei dem Thema“, sagt Piger. Genau dort setzt WiR* an.

Das Projekt wurde im August 2016 gegründet und kann bereits auf mehr als 20 Einsätze zurückblicken. Die mehr als 15 jungen Ehrenamtlichen sind Experten*innen auf ihrem Gebiet. In mehreren Workshops haben sie sich methodisch auf die Aufklärungsstunden vorbereitet. Und noch viel wichtiger: Sie stecken selbst in der Materie, da sie alle selbst schwul, lesbisch, bi oder trans* sind.

Am Ende folgt das Coming-out vor der Klasse

Das merken auch die Schüler*innen an diesem Vormittag ganz direkt. Denn kurz vor Mittag haben Mica und Dominik ihr großes Coming-out vor der Klasse. Danach beantworten sie anonyme Fragen, die die Schüler*innen zuvor auf Zettel geschrieben haben. Wie habt ihr gemerkt, dass ihr homosexuell seid? Wie haben eure Eltern reagiert? Wie haben eigentlich zwei Frauen Geschlechtsverkehr? Die Fragen sind direkt, manchmal sogar intim. Aber Mica und Dominik wissen: Sie geben so viel Preis, wie sie selbst für richtig halten. „Man muss schon gefestigt sein, um sich vor fremden Schulklassen mehrmals im Monat zu outen“, sagt Dominik. „Aber es lohnt sich. Denn gerade beim Plaudern aus dem Nähkästchen können wir am glaubhaftesten vermitteln, dass es hier nur um menschliche Gefühle und nicht um etwas „Perverses“ geht.“



Natürlich wissen Mica und Dominik, dass sie nicht die Vorurteile und Klischees aller Jugendlichen an diesem Vormittag auflösen können. Aber sie regen zum Nachdenken an. „Ich bin überzeugt, dass Aufklärung nachhaltig wirkt“, sagt Mica. Und rückblickend auf ihre Schulzeit resümiert sie: „Für mich wäre es damals toll gewesen, so jemanden wie uns zu haben.“


Mehr Informationen und Anmeldung unter www.wissen-ist-respekt.de.

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